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Blick in den Teil des Gartengrundstücks am Krumpperplatz , der demnächst mit vier Mehrfamilienhäusern bebaut wird – und in den letzten Tagen gerodet wurde.

Trauer nach Rodung für Neubauten in Weilheim

Anwohner am Krumpperplatz: „Wir hätten den Garten gern erhalten“

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„Wir trauern“, so haben die direkten Anwohner des gerodeten Gartens am Krumpperplatz auf einen Aushang an ihrem Mäuerchen geschrieben. Man habe alles versucht, die Grundstückshälfte zu kaufen und so den Großteil der riesigen Bäume zu retten – vergeblich.

Weilheim – Als Ärztin, die bis vor zehn Jahren ihre Praxis am Krumpperplatz hatte, als Vorsitzende des Vereins „Netz gegen sexuelle Gewalt“ oder auch als Mitglied der „Weilheimer Sängerinnen“: Rautgunde Lammerer (73) ist wohlbekannt und hoch angesehen in Weilheim. Seit vergangener Woche sieht sie sich allerdings in ihrem Ruf beschädigt. Grund ist die Rodung der 2900 Quadratmeter großen Gartenhälfte neben ihrem Haus am Krumpperplatz, wo ein Bauträger aus Regensburg demnächst vier eng stehende Neubauten mit insgesamt 29 Wohnungen errichtet. Der Kahlschlag macht viele Weilheimer fassungslos, wie auch zahlreiche Leserbriefe an unsere Zeitung zeigen: Da ist zum Beispiel von einem „schwarzen Tag für Weilheim“ die Rede – und wird beklagt: „Profit vor Natur, jedes Grundstück ausgepresst bis ins Letzte, mit maximalem Gewinn. Weilheim pfeift auf den Klimaschutz.“

Vorwürfe bekommen auch die Familien Lammerer und Kreuzer (eine von Lammerers Töchtern) zu hören. Weshalb sie sich nun öffentlich von den Rodungen und der geplanten Bebauung nebenan distanzieren: „Wir hätten den Garten gern erhalten“, so Lammerer im Gespräch mit unserer Zeitung. „Aber es ist nicht geglückt.“

Vorkaufsrecht wurde ausgehebelt

Der Hintergrund: Während die 3400 Quadratmeter große Gartenhälfte hinter dem bestehenden Wohnhaus dem Ehepaar Lammerer und dessen vier erwachsenen Kindern gehört, war die andere Hälfte (die nun bebaut wird) Eigentum von Rautgunde Lammerers Zwillingsschwester und deren Ehemann – die nicht in Weilheim leben. Ursprünglich habe Lammerer zwar ein Vorkaufsrecht für die andere Hälfte gehabt; doch für einen Teil der Fläche sei dieses ab 2007 durch „ein Versäumnis des Notars und einen geschickten Vorvertrag seitens des Investors“ ausgehebelt worden. „Aufgrund der komplizierten Verträge und auch von Familienzwistigkeiten war es nicht möglich, das Vorkaufsrecht in Anspruch zu nehmen“, erklärt die 73-Jährige. Sie habe sich mit Unterstützung eines Rechtsanwalts ein halbes Jahr lang intensiv bemüht, das Grundstück zu erwerben, und bei fünf Banken versucht, die nötigen Kredite – es ging um rund 2,5 Millionen Euro – zu bekommen. Aber das ist gescheitert.

Ursprünglich war ein Haus weniger geplant 

Wenn es geklappt hätte, so räumt Lammerer ein, dann hätte auch sie diese Gartenhälfte der Finanzierung wegen bebauen müssen. Allerdings wären dann drei statt vier Häuser entstanden, „und dafür hätte man die meisten Bäume stehen lassen können“, sagt Lammerer. Drei Häuser, so betont sie, sah für diesen Teil des Gartens auch der „alte“ Bebauungsplan vor, der vor 25 Jahren aufgestellt wurde und von der Stadt derzeit geändert wird. Deshalb ist es laut Lammerer falsch, „wenn Stadtratsmitglieder oder das Stadtbauamt sagen, die Bäume wären großteils ohnehin nicht zu retten gewesen“.

Die 73-Jährige korrigiert auch die Aussage in der jüngsten Bauausschuss-Sitzung, dass im alten Bebauungsplan „kein einziger Baum als zu erhalten festgesetzt“ sei: Eine große Linde, die nahe am Gehsteig steht, sei darin sehr wohl als „zu erhalten“ verzeichnet, betont sie – im nun geänderten Bebauungsplan allerdings nicht mehr.

17 riesige Bäume wurden gefällt

Noch steht diese Linde, sie soll im Herbst gefällt werden. 17 weitere große Bäume auf dem Areal sowie drei riesige Büsche wurden in den letzten Tage bereits beseitigt – nahezu der komplette Bewuchs. Dies mitansehen zu müssen, ist für Rautgunde Lammerer noch schlimmer als die Beschädigung ihres Rufs. Sie kämpft mit den Tränen beim Blick aus dem Fenster. Lammerer lebt seit 1959 in diesem Haus, 1960 haben ihre Eltern begonnen, den insgesamt 6300 Quadratmeter großen Garten zu bepflanzen – vor allem den Teil, der nun bebaut wird. So ist ein wahres Paradies entstanden: Ahornbäume, Linden, Kastanien und viele weitere, teils seltene und vom Landratsamt Weilheim-Schongau in einer Stellungnahme kürzlich als „Zukunftsbäume“ gepriesene Arten. Sie hatten bei der Fällung dieser Tage Stammdurchmesser zwischen 40 Zentimetern und einem Meter.

Lammerer ist bewusst, was für ein Privileg es war, in und mit einem solchen Garten zu leben. Sie ist auch dankbar dafür – und unendlich traurig, dass ein großer Teil davon jetzt Vergangenheit ist.

mr

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