1 von 2
Das Spital- und Krankenhausgebäude mit der Dreifaltigkeitskirche, 1828.
2 von 2
Anleitung zur Herstellung eines Dampfbades, abgebildet in dem 1831 vom Königl. Zentral-Schulbücher-Verlag in München herausgegebenen Heftchen „Belehrung über die Orientalische Cholera für Nichtärzte, amtlich bekannt gemacht. Zweite verbesserte Ausgabe.“ Für die „Essig- und Chlorräucherungen“ sollte man parat halten: ein Pfund Gewürzessig, zwei Maß Weinessig, ein ½ Pfund Alaun, drei Dutzend Blutegel, ein Pfund Chlorkalk sowie ein ½ Pfund saures schwefelsaures Kali.

CORONA UND SEINE VORGÄNGER: EIN BLICK INS WEILHEIMER STADTARCHIV

„Unterlassung des nächtlichen Herumschwärmens“

Die Corona-Pandemie und ihre Folgen sind derzeit das alles beherrschende Thema. Doch schon in der Vergangenheit hatten die Bürger mit Seuchen zu kämpfen. Weilheims Stadtarchivar Joachim Heberlein berichtet über ansteckende Krankheiten der jüngeren Vergangenheit – mit Parallelen zu heutigen Maßnahmen

Das Spital- und Krankenhausgebäude mit der Dreifaltigkeitskirche, 1828.

Weilheim „... und wird dem Stadtmagistrate wegen der Unterlassung der von der allerhöchsten Stelle ausdrücklich angeordneten periodischen Desinfektion der Abtritte in den Schulen eine Zurechtweisung erteilt.“ Dies lesen wir in einem Schreiben des Bezirksamts an den Weilheimer Stadtmagistrat vom 16. März 1866. Grund hierfür waren die „Maßregeln gegen die Verbreitung der asiatischen Cholera“. Diese hochansteckende, vor allem im 19. Jahrhundert immer wieder pandemisch auftretende, von Bakterien hervorgerufene Infektionskrankheit, verbreitete ob der unzähligen Opfer Angst und Schrecken.

Eine andere Pandemie in Weilheim, die Spanische Grippe, ist gerade einmal gut 100 Jahre her. Das Weilheimer Tagblatt berichtete am 26. Oktober 1918: „Die Grippe, welche bereits im Juli im Reiche in großer Ausdehnung aufgetreten ist und dann vorübergehend nachließ, ist seit etwa drei Wochen in erheblich stärkerer Verbreitung wieder erschienen. Unter den Kindern sind jedenfalls verstärkte Krankheitserscheinungen aufgetreten, weshalb die sechste und siebte Knabenklasse der Volksschule bis Montag geschlossen wurde.“

Ehepaar hinterließ sieben Kinder

Bereits drei Tage später mussten die Abonnenten lesen: „Die Grippe, die anfänglich einen gutartigen Verlauf zu nehmen schien, greift in unheimlicher Weise um sich, sodaß man sich an den maßgeblichen Stellen entschlossen hat, sämtliche Klassen der Volks- und Fortbildungsschulen, sowie die Kinderbewahranstalt von heute ab bis einschl. 3. November zu schließen. Leider hat die Krankheit, die am Samstag bereits zwei Opfer forderte, neuerdings ein schönes Familienleben grausam zerstört, indem sie die Kupferschmiedmeistersgattin Ringholz, Mutter von sieben Kindern, dahinraffte, indes der Gatte schwer krank darniederliegt.“

Am 7. November, und hier gleichen sich die Empfehlungen von heute und von damals, ließ man die Leser wissen: „Wegen der immer noch herrschenden Grippe empfiehlt das k. Bezirksamt dringend, den Besuch größerer Menschenansammlungen zu vermeiden.“

In seiner letzten Novemberausgabe berichtete das Tagblatt: „Erschreckend hoch ist die Zahl der Sterbefälle in unserer Stadt im Monat November. Die Grippe hat viele schmerzliche Lücken gerissen und zwar waren es zumeist weibliche Personen im Alter zwischen 20- 40 Jahren, die der grausame Schnitter Tod allzu früh dahinraffte.“ Besonders tragisch war, dass der Kupferschmiedmeister Karl Ringholz seiner Gattin vier Tage später im Tod folgte, sieben unmündige Kinder im Alter von fünf bis 17 Jahren als Vollwaisen zurücklassend.

Lesen Sie auch: Penzberger Jobmesse in Corona-Zeiten: Per Videochat auf Suche nach einem Ausbildungsplatz

In der Stadtpfarrei Mariae Himmelfahrt starben an „Grippe/Lungenentzündung“ 26 Personen zwischen drei und 73 Jahren, davon 20 Frauen, die Sterbematrikel der Pfarrei St. Pölten berichtet von sieben Verstorbenen zwischen zehn und 60 Jahren. Es ist erstaunlich, dass die Spanische Grippe lediglich in der Zeitung Niederschlag fand, denn die Sitzungsprotokolle der städtischen Kollegien schweigen darüber, auch wurde kein entsprechender Akt angelegt.

Anders sah es da im 19. Jahrhundert bei den immer wieder aufflammenden Cholerapandemien aus, dazu findet sich im Stadtarchiv eine Vielzahl von Akten. Weil 1836 ein Cholera-Ausbruch vor der Tür stand, Mittenwald hatte damit bereits zu kämpfen, hielt Stadtschreiber Philipp Jakob Wimmer Ende September 1836 einen ausführlichen Vortrag über „Die Vorkehrungen gegen die Brechruhr in der Stadt Weilheim“. Auf Grund der von der Regierung bekannt gegebenen Maßregeln, „welche geeignet sind dem Übel vorzubeugen, oder demselben, wo es bereits zum Ausbruche gekommen, gleich im ersten Augenblicke kräftig zu begegnen“, referierte er über die Viktualien (=Gemüse) und die Reinlichkeitspolizei, die öffentlichen Vergnügungen, das Armenwesen, die Krankenpflege, die Beerdigungsanstalten und über die unweigerlich notwendigen Deckungsmittel, denn alle Vorsorge musste schließlich bezahlt werden.

Bier als Nationalgetränk der Baiern

Hinsichtlich der Viktualienpolizei bemerkte er unter anderem: „Bier ist das Nationalgetränk der Baiern; Bier wird dahier fast in jedem Hause getrunken, es versieht in Verbindung mit einem Stück Brot häufig das Abend- manchmal wohl auch das Mittag-Essen; saures, verdorbenes, zu neues und nicht genug gegorenes Bier ist der Gesundheit überhaupt nicht zuträglich u. fördert insbesondere das Umsichgreifen der Brechruhr, das Bier verdient daher unstreitig die erste und vorzüglichste Rücksicht.“

Da es mit der Reinlichkeit so eine Sache war – das Cholerabakterium wird vor allem durch fäkalienverunreinigtes Trinkwasser verbreitet –, drang Wimmer darauf, „das Ausgießen unreinen, besonders mit tierischen Bestandteilen gemischten Wassers auf die Straßen“ zu verbieten, „das Aufhängen der Wäsche an häufig begangenen Orten, wo möglich mit gütlichen Ermahnungen, außerdessen aber durch direkte Verbote zu beseitigen“ und „die öftere Reinigung der Abtritte, Kloaken u. dergleichen möglichst zu empfehlen.“

Zu den Vergnügungen bezog er eine strikte Stellung: „In Zeiten allgemeiner Drangsale würde es einen sonderbaren Kontrast bilden, wenn öffentliche Vergnügen häufig erlaubt würden. Dieselben sind daher, so lang es sich bloß um Vorkehrungen gegen die Brechruhr handelt, inner den gesetzlichen Grenzen möglichst zu beschränken, damit nicht die Krankheit selbst durch herumziehende Komödianten, Musikanten etc. eingeschleppt oder durch unmäßigen Genuß von Lustbarkeiten erzeugt werde.“

Strafe für Zecher und Gastwirt

Ein besonderer Dorn im Auge war ihm, dass „der Besuch der Gasthäuser, besonders wie er an Sonn- und Feiertagen durch Gesellen und Dienstboten jetzt geübt wird, mehr Sache des roh sinnlichen Vergnügens und eines ungeordneten Lebenswandels, als Sache des Bedürfnißes“ sei. „Deßhalb muß die Polizeistunde streng eingehalten werden und damit dies erreicht werde, muß nicht nur der im Gasthaus über die Zeit verweilende Zecher, sondern auch u. zwar ganz vorzüglich der Gastwirt gestraft werden. Erstere sind mit Arrest, letztere mit Geldstrafen von wenigstens 5 fl. (= Gulden) abzubüßen.

Weil aber nach allen Lokal-Erfahrungen eine strenge Handhabung der Polizeistunde voraussichtlich Verunglimpfungen und sogar Mißhandlungen des einzigen Polizeidieners zur Folge haben werden, so wird zu seiner Sicherheit und um der öffentlichen Ruhe und Ordnung willen die Assistenz der Landwehrmannschaft wenigstens an Sonn- u. Feiertagen nicht umgangen werden können.“ Punktum!

Da man bei den armen und minder bemittelten Einwohnern eine besondere Ansteckungsgefährdung sah, sollte ein Armenpflegschaftsrat konstituiert werden. Er hatte den Stand der Armut zu ermitteln, „die Arbeitsscheuen kennen zu lernen, und jedem Armen die nötige Unterstützung in der Art und in dem Maße zuzuwenden, welche seinen wirklich erkannten Bedürfnißen entspricht“.

Gesunde Nahrung wurde als Hauptbedürfnis der Armen angesehen

Den obdachlosen Armen sei zunächst eine Wohnung zuzuweisen, die übrigen Armen bedürften, „um sich gegen die Brechruhr zu schützen, einer warmen Kleidung u. Bedeckung“. Als Hauptbedürfnis der Armen sah Wimmer die gesunde Nahrung, die in einer im Spitalgebäude einzurichtenden Suppenanstalt zuzubereiten sei. Die Krankenpflege erfordere „vor allem ein zweckmäßiges Lokal“.

Das damalige Krankenhaus, es war dies der nördliche Teil des Spitalgebäudes, empfand er den Anforderungen entsprechend, „da es sich in der Hauptsache bloß um die Unterbringung von Kranken aus solchen Familien, die zu eng aufeinander wohnen und der dem Familienverband streng genommen nicht einverleibten Dienstboten handelt.“ Im Falle des Ausbruchs der Cholera konnte es durch „Hinzugabe von ein paar Zimmern des Spitals und durch Verwendung der lateinischen und Zeichnungsschulzimmer erweitert werden.“ Leider herrschte „an Betten, Decken Wäsche und Gerätschaften aller Art großer Mangel, weil die Anstalt zu schlecht dotiert ist.“

Auch interessant: Busbahnhof soll Ende Juni fertig sein und auch ein WC-Problem beheben

Da man mit Todesfällen rechnete, gab Wimmer zu bedenken, dass nach ärztlicher Versicherung bei keiner anderen Krankheit der Scheintot öfter vorkomme als bei der Brechruhr, weshalb „die fürchterlichste aller Todesarten, das Lebendigbegrabenwerden, die strengste Aufsicht“ erfordere. Als Mittel zu deren Vermeidung nannte er die Leichenschau und das Leichenhaus, das sich seinerzeit in der Angerkapelle befand.

Geradezu kurios erscheint seine weitere Ausführung: „An vielen, namentlich größeren Orten besteht die Gewohnheit, die Leichen aus den Privatwohnungen zum Begräbnißorte oder Leichenhaus fahren zu lassen, wozu besondere Leichenwagen vorhanden sind. Deren Einführung könnte nachteilig auf die Gemüter wirken. Sie möchten daher auch jetzt noch wenigstens so lang zu unterlassen sein, bis uns die Gefahr näher kommt, und die Notwendigkeit gebieterisch wird.“

Bei den vermögenden Weilheimern wurde wegen klammer Kassen um Geld gebeten

Weil es Geld brauchte und die städtischen Kassen geldklamm waren, beantragte er „eine Subskription von außerordentlichen freiwilligen Beiträgen bei den Bemittelten der hiesigen Einwohnerschaft“. Der Magistrat folgte den Wimmer’schen Gedanken und beschloss Vollzug und Bekanntmachung in seiner Sitzung vom 27. September 1836. Die Sammlung unter den vermögenden Weilheimern, wobei man die Hartherzigen darauf aufmerksam machte, „daß die Brechruhr weder Stand, noch Alter, noch Reichtum berücksichtige, und daß das in den minder bemittelten Klassen einmal überhand genommene Übel mit eiserner Hand auch in die Paläste übergreife“, erbrachte ein Ergebnis von 257 Gulden und acht Kreuzern.

Doch nicht nur auf politischer Ebene traf man Vorkehrungen. Das Augsburger Ordinariat trug den Pfarrämtern auf, „durch allgemeines Gebet die göttliche Hilfe gegen ein Übel anzuflehen, dessen eigentümlicher Ursprung und dessen Natur dem Menschenverstande bisher noch in ein Dunkel gehüllt blieb“. Aus diesem Grund wurde in der Stadtpfarrkirche ein zehnstündiges Gebet gehalten. Da die Cholera 1836 nicht zum Ausbruch kam, konnte man am 13. April 1837 in der Stadtpfarrkirche mit einem fünfstündigen Gebet eine entsprechende „Danksagung für Verschonung vor der Brechruhr“ abhalten.

Bereits 1831 gab es Vorkehrungen vor einer Pandemie, die mit staatlichen Anordnungen einherging und mit Blick auf heute bemerkenswert sind: „Diese Anordnungen...werden Einzelnen oder auch Allen in der einen oder andern Beziehung mehr oder weniger lästig fallen; es kann dieses aber nicht anders sein, und es ist daher unvermeidlich, daß sich jeder im Voraus gefaßt mache, dasjenige der Gesamtheit zum Opfer zu bringen, was mit dem Vollzuge dieser Anordnung unvereinbarlich ist. Dieser willige Gehorsam am Anfange ist umso notwendiger, als natürlich strengere Verfügungen eintreten werden, wenn uns das Übel näher rücken sollte, und also dann auch größere und schwerere Opfer gebracht werden müßten.“

Gewerbetreibende hatten besondere Verantwortung

Die damaligen Anordnungen verlangten „die strenge Beobachtung der Polizeistunde und Unterlassung alles nächtlichen Herumschwärmens“, die Abstellung der persönlichen sowie der öffentlichen Unreinlichkeit, so dass „Geschäfte, welche ekelhaft zu verrichten sind, oder die Luft verunreinigen“, bei Tage nicht mehr vorgenommen werden durften.

Die Gewerbetreibenden, die „sich mit der Bereitung oder dem Verkaufe der ersten Lebensmittel beschäftigen“, wies man auf ihre besondere Verantwortung hin. Dem Wasenmeister (= Abdecker) trug man auf, die zwischen „Abends 8 Uhr und Morgens 6 Uhr“ herrenlos herumlaufenden Hunde, die teils „aus Sorglosigkeit der Eigentümer über Nacht auf die Gasse gesperrt werden und dann durch ein unleidliches Geheul die nächtliche Ruhe stören“, tot zu schlagen.

Auch 1831 blieb Weilheim von der Cholera verschont. 1854, als die Cholera erneut in Bayern wütete und mit Königin Therese das wohl bekannteste Todesopfer starb, hatte auch Weilheim ein Opfer zu beklagen, nämlich die 55 Jahre alte Viehhändlersgattin Anna Schmalzer.

Das könnte Sie auch interessieren: Wegen Corona: Weilheimer Hütte bleibt noch länger zu

Wie sie sich angesteckt hat, ist unbekannt, die Kirchweihnudeln werden es wohl nicht gewesen sein. Warum nicht? Darüber gibt uns ein Schreiben des Landgerichts Auskunft. Es beauftragte die Stadt, dass gemäß hoher Regierungsentschließung vom 16. September der „Verkauf von Kirchweihnudeln auch Bauernnudeln genannt, wenn solcher zu Weilheim vorkommen sollte, sogleich abzustellen“ sei. Bürgermeister Anton Hipper vermerkte auf dem Schreiben lapidar: „Da hier ein derlei Herkommen nicht besteht, zur Nachachtung ad acta.“

Auch wir wollen nun das Thema vorläufig ad acta legen und uns in folgenden Artikeln mit den Seuchen, die Weilheim vom 16. bis zum beginnenden 18. Jahrhundert immer wieder bedrohten, beschäftigen. Über alle Zeiten gleich aber bleibt der Wunsch, der am Sockel der 1698 errichteten Mariensäule zu lesen ist: „A peste, fame et igne redde Securum Weilhemium, o Maria“ – „Vor Pest, Hunger und Feuer behüte Weilheim, o Maria.“

VON JOACHIM HEBERLEIN

Rubriklistenbild: © Heberlein

Auch interessant