Die Schülerinnen der Jury mit ihren Begleitern –von links im Kreis: Anna Wypchol, Stephanie Haseidl, Annalena Bischof, Magdalena Moy, Sandra Punzet, Lina Stöppel, Nina Wiesmaier, Deutschlehrer Marcus Schiefer, Milena Hughes, Annika Preuß, Berater Knut Cordsen, Schulleiterin Beate Sitek, Chiara Koll und Nicole Heigl.

Preis mit 7500 Euro dotiert

Schülerjury hat entschieden: Weilheimer Literaturpreis geht an Saša Stanišić

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Der Weilheimer Literaturpreis 2020 geht an Saša Stanišić. Das hat die Schülerjury des Gymnasiums jetzt entschieden. Der 41-jährige Schriftsteller ist der zwölfte Preisträger seit 1988 – und hatte starke Konkurrenten.

Weilheim – Für die junge Jury, bestehend aus elf lesefreudigen Zehntklässlerinnen, gab es gleich mal viel Lob: Der BR-Journalist Knut Cordsen (46), der die Schülerinnen beraten hat und selbst als Juror beim Bayerischen Buchpreis fungiert, war beeindruckt von den fundierten Plädoyers der Gymnasiastinnen bei der Abschluss-Sitzung: „Ich sehe da keinen großen Unterschied zu anderen Literaturjurys, vielleicht geht es bei euch sogar einen Tick professioneller und ernsthafter zu.“

Jede der elf Schülerinnen hat in den vergangenen Monaten verschiedene Bücher jener Autoren gelesen, von denen es bereits „Weilheimer Hefte zur Literatur“ gibt und die Dichterlesungen am hiesigen Gymnasium hielten. Alle noch lebenden Schriftsteller dieser Reihe kommen für den Weilheimer Literaturpreis in Frage, der seit 1988 in mehrjährigen Abständen verliehen wird und mit 7500 Euro dotiert ist – als einziger deutscher Literaturpreis, über den Schüler bestimmen.

Rund 25 Autoren sind somit in der Auswahl: von Walser, Biermann und Enzensberger (die bereits in den 1990er Jahren in Weilheim auftraten) über Katja Huber, Uwe Timm oder Ingo Schulze bis zur jungen Österreicherin Vea Kaiser, der die Deutschlehrer des Gymnasiums im Frühjahr 2019 das „Weilheimer Heft“ Nummer 75 widmeten.

Vea Kaiser als  Favorit der 16- bis 17-jährigen Jurorinnen

Kaiser (30), die Jüngste der illustren Autorenriege, kristallisierte sich bald als ein Favorit der 16- bis 17-jährigen Jurorinnen heraus. Bei der finalen Sitzung in der Schulbibliothek rühmte etwa Nina Wiesmaier den „locker-charmanten“, humorvollen und doch ernsthaften Schreibstil der Wienerin. Und Lina Stöppel findet sich in Vea Kaisers Romanen stets bestens „abgeholt und in die Welt ihrer Bücher hineingezogen“.

Auch der österreichische Schriftsteller Michael Köhlmeier (69), der 2017 in Weilheim auftrat, hatte Fans in der Jury. Chiara Koll lobte die Vielfalt von dessen Werk, das sie stets zum Nachdenken anrege. Köhlmeier schreibe „plaudernd und doch ernst“, befand Sandra Punzet. Und Nicole Heigl sagte, sie habe bei dessen Büchern immer weiterlesen wollen: „Man ist nie genervt von ,zu schwierig’ oder ,zu einfach’.“

Er bekommt den Weilheimer Literaturpreis: Saša Stanišić.

Die meisten Stimmen aber erhielt Saša Stanišić: Der 1978 im bosnischen Višegrad geborene Autor, der als 14-Jähriger mit seinen Eltern vor dem Krieg nach Heidelberg flüchtete und dort erst Deutsch lernte, „bringt auch ernste Themen immer mit Humor rüber“, schwärmte Milena Hughes. Auch Anna Wypchol gefällt das „Wechselspiel zwischen humorvoll und melancholisch“; Stephanie Haseidl findet die Personen in Stanišić’ Geschichten „total lebendig gestaltet“, Annika Preuß mag auch „die politischen Botschaften, die sich versteckt reinschleichen“.

Die persönliche Geschichte von Saša Stanišić „und was er daraus macht“, das hebe diesen Autor von anderen ab, resümierte Magdalena Moy. Und Annalena Bischof bekannte, sie sei in dessen Bücher „am Anfang nicht so gut reingekommen, aber ich habe gemerkt, dass es sich lohnt, dranzubleiben“.

Stanišić begeisterte schon einmal mit leidenschaftlichem Vortrag

Stanišić, der bei seiner Lesung vor dreieinhalb Jahren in der Aula des Gymnasiums mit leidenschaftlichem Vortrag begeisterte, bekommt also im Frühjahr 2020 in der Stadthalle den Weilheimer Literaturpreis überreicht. Dabei wird er – so ist es jedem Preisträger aufgegeben – eine „Rede an die Jugend“ halten. Und die Jurymitglieder werden auf der Bühne ihre Wahl begründen. Großes Lob für die bisherige Arbeit zollte ihnen Marcus Schiefer, der das Projekt seitens der Deutsch-Fachschaft organisiert: „Ich bin ergriffen, was für kluge und lesefreudige Schüler wir hier haben. Das ist Labsal für einen Deutschlehrer.“

Auch interessant:  Auftakt am Kirchplatz: Bei Weilheimer „Lesepause“ pausierte auch der Regen.

Weilheims Literaturprojekt „ist einmalig in der deutschen Schullandschaft“, sagte Gymnasiums-Direktorin Beate Sitek bei der Jurysitzung. Die Schülerinnen haben in den vergangenen Monaten nicht nur viele Bücher gelesen, sondern auch Autoren getroffen und ihrem Berater Knut Cordsen beim Sendebetrieb im Funkhaus des Bayerischen Rundfunks über die Schulter geschaut. Am Donnerstag war der Literatur-Experte zur entscheidenden Sitzung nach Weilheim gekommen – und rundum angetan von der Präsentation der Jurorinnen: Sie hätten breit gefächerte Textkenntnis bewiesen und eine „wunderbare Wahl“ getroffen, so Cordsen. Stanišić sei ein Autor, der mit der Sprache „ganz fantastische Dinge anzustellen weiß“.

Als Weilheimer Literaturpreisträger steht der Wahl-Hamburger, der 2006 mit seinem Debütroman „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ bekannt wurde und zuletzt das autobiografische Buch „Herkunft“ schrieb, bald in einer illustren Reihe: Vor Saša Stanišić erhielten diese Auszeichnung Ilse Aichinger (1988), Wolfgang Hildesheimer (1991), Gertrud Fussenegger (1993), Thomas Hürlimann (1995), Reiner Kunze (1997), Loriot (1999), Siegfried Lenz (2001), Rafik Schami (2003), Wole Soyinka (2006), Sten Nadolny (2010) und Nora Gomringer (2015).

mr

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