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Eine Vogelart, die in der Weilheimer Innenstadt immer wieder für Ärger sorgt: die Saatkrähe. 

Weilheim: Wirbel um vermeintlichen Angriff einer Saatkrähe 

  • Magnus Reitinger
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Eine Saatkrähe, die aggressiv auf Menschen losgeht? Auf einen solchen Fall hat die Stadt Weilheim vergangene Woche in einer offiziellen Mitteilung verwiesen. Jetzt ist klar: Es handelte sich dabei nicht um eine Saatkrähe. Diese, betont eine Expertin, „greifen niemals Menschen an“.

Weilheim – Die Zahl der Saatkrähen im Weilheimer Stadtgebiet scheint zuzunehmen. Zugenommen hat auch die Zahl und Intensität der Beschwerden über diese Vögel. Meist geht es dabei um den Schmutz und den Lärm, den sie machen. Aber: „Immer häufiger erreichen uns auch Hilferufe, wonach die Vögel aggressiv in den Privatgärten auf Hunde, Katzen und sogar Menschen losgehen“, heißt es in einer Mitteilung des Stadtbauamtes, die vergangene Woche im Bauausschuss des Weilheimer Stadtrates verlesen wurde. Wie berichtet, hat die Stadt das Umweltreferat der Regierung von Oberbayern angeschrieben und „um Unterstützung und Vorschläge gebeten, wie der Situation für die nächste Brutsaison der Vögel im Frühjahr 2021 begegnet werden kann“.

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Die „allgemeinen Hilferufe“ würden immer lauter – doch der genannte Angriff eines Vogels auf eine Weilheimerin sei ein Einzelfall, wie Manfred Stork, Leiter der Bauverwaltung im Rathaus, auf Nachfrage unserer Zeitung einräumt. Und fest steht inzwischen, dass es sich sich dabei gar nicht um eine Saatkrähe handelte. Das bestätigt auch Monika Bäck von der Umweltschutzverwaltung im Landratsamt. Sie hatte nach dem Hilferuf der betroffenen Weilheimerin die Krähen-Expertin Hilde Abold um eine Beurteilung gebeten.

Vorfall hat nichts mit wachsender Saatkrähen-Population zu tun

Abold, die selbst in Weilheim lebt und seit zwölf Jahren für das Umweltamt die „Krähen-Datenbank“ von ganz Bayern pflegt, hat sich die Vorkommnisse von der Betroffenen schildern lassen und Bilder ausgewertet. Ergebnis: Es waren Rabenkrähen-Eltern, die, um ein Junges zu schützen, „Scheinangriffe“ gegen die Frau unternommen haben. Dies könne in der Ausflugszeit der Jungvögel Ende Mai/Anfang Juni vorkommen, „wenn ein Mensch unwissentlich und ahnungslos einem Jungen zu nahe kommt“, so Abold. In diesem Fall war das Rabenkrähen-Junge in das Haus der Weilheimerin geflogen. Die Betroffene hatte daraufhin den Vogel in einen Käfig gesperrt und andernorts ausgesetzt – deshalb die Reaktion der Rabenkrähen-Eltern. Verletzt wurde bei dem Vorfall übrigens niemand. Landratsamt-Mitarbeiterin Bäck sind auch keine ähnlichen Fälle im Landkreis bekannt.

Sowohl der Leiter der Abteilung Artenschutz im Landesamt für Umwelt als auch ein Experte der Vogelschutzwarte bestätigten Abolds Einschätzung nach Begutachtung der Fotos: Es handelte sich um Rabenkrähen – deren Population recht konstant sei –, nicht um Saatkrähen. Der Vorfall habe also „definitiv nichts mit der wachsenden Population der Saatkrähen in Weilheim zu tun“, betont Abold. Und sie fügt an: „Saatkrähen greifen niemals Menschen an. Es gibt keinen einzigen dokumentierten Fall.“

Für Stadt ist dennoch klar: Es muss was getan werden

Für die Stadtverwaltung ist dennoch klar: Es müsse dringend etwas gegen die „stetig steigende Anzahl“ von Saatkrähen in Weilheim getan werden. Dass insbesondere für den Bereich am Oberen Graben Handlungsbedarf gesehen wird, kann auch Knut Neubeck, stellvertretender Vorsitzender des hiesigen Regionalverbandes im Landesbund für Vogelschutz (LBV), nachvollziehen. Doch sei es wichtig, „die Population vernünftig zu lenken“, wie der Diplom-Biologe auf Anfrage betont: Dafür müsse ein gemeinsames Konzept mit weiteren Gemeinden um Weilheim erarbeitet werden. Denn „isolierte Eingriffe verstärken im Prinzip das Problem“, so Neubeck – weil sich die Krähen-Populationen dann teilen.

Einzelne Eingriffe verstärken eher das Problem

Nötig sei ein „koordiniertes Vorgehen über mehrere Jahre“, selbstverständlich nur außerhalb der Brutzeit und mit Genehmigung. Prinzipiell biete Weilheim mit seinen Waldgebieten gute Möglichkeiten, die Saatkrähen – die unter besonderem Naturschutz stehen – teils aus der Stadt zu bringen. Doch man dürfe nicht an zu vielen Stellen eingreifen, sagt der LBV-Vertreter. Und klar sei auch, dass ein Teil dieser Vögel in der Stadt bleiben werde. Vor Jahrzehnten hätten die Saatkrähen in der Feldflur gebrütet, weiß Neubeck, doch dort seien sie „extrem stark bejagt“ worden. „Städte waren im Prinzip ihr Zufluchtsort.“

Für den in Weilheim lebenden Neubeck ist auch die Frage, wie viele Leute sich tatsächlich von Saatkrähen gestört fühlen: „Ich habe selber eine Kolonie vor der Haustür. Mich stört’s nicht, viele andere vielleicht auch nicht. Aber die melden sich nicht.“ Zudem verweist der Biologe darauf, dass die „Störungen“ stets nur zur Brutzeit der Saatkrähen stattfinden – also über einen Zeitraum von ein bis zwei Monaten im Frühjahr.

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