Wie soll in Weilheim künftig gebaut werden? Darum geht es in der „Weilheimer Charta für nachhaltigen Wohnungsbau“, in die auch Ergebnisse eines Schüler-Workshops zum Neubaugebiet an der Geistbühelstraße einflossen.
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Wie soll in Weilheim künftig gebaut werden? Darum geht es in der „Weilheimer Charta für nachhaltigen Wohnungsbau“, in die auch Ergebnisse eines Schüler-Workshops zum Neubaugebiet an der Geistbühelstraße einflossen.

Für den Wohnungsbau und Klimaschutz

„Weilheimer Charta“ lässt Weilheim leuchten

  • Magnus Reitinger
    vonMagnus Reitinger
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Mit diesem Papier wird Weilheim laut Experten zum Wegweiser für andere Städte. Und wenn es nicht nur Papier bleibt, tut Weilheim selbst damit viel für seine Zukunft. Am Donnerstag will der Stadtrat die „Weilheimer Charta für nachhaltigen Wohnungsbau“ verabschieden. Das Lob dafür ist groß.

Weilheim – „Wegweisend“ nennt Diplom-Ingenieurin Annegret Michler vom Kaufbeurer Büro „Die Stadtentwickler“ das vorläufige Ergebnis eines aufwendigen Prozesses mit Bürgerbeteiligung und Expertenrunden in Weilheim. Unter dem Motto „Neues wagen“ wurde im Zuge der geplanten (und auch umstrittenen) Bebauung „Nördlich der Geistbühelstraße“ eine Charta in Sachen Wohnungsbau und Klimaschutz erarbeitet. Und die soll nicht nur für dieses Gebiet gelten, sondern „Leitschnur und Handlungsfaden“ für die gesamte künftige Stadtentwicklung und Bauleitplanungen in Weilheim sein.

Charta braucht „ständige Überprüfung und Weiterentwicklung“

Dabei versteht sich das erste Ergebnis, zu dem auch eine 40-seitige Arbeitshilfe für den Stadtrat gehört, als „Beginn eines Prozesses“. Die Charta brauche eine „ständige Überprüfung und Weiterentwicklung“, heißt es in der Präambel. Auch seien Ergänzungen zu den bisher noch nicht betrachteten Themen Gewerbebauten, Bildung und Versorgung geplant. Formuliert wird in dem Dokument eine Vision fürs Jahr 2030. Dazu heißt es: „Der Zeithorizont von nur zehn Jahren zur Umsetzung zeigt, dass es der Stadt Weilheim ernst ist, ihre Zukunft klimagerecht, nachhaltig und dennoch wirtschaftlich zu gestalten.“

Wie soll in Weilheim künftig gebaut werden? Darum geht es in der „Weilheimer Charta für nachhaltigen Wohnungsbau“, in die auch Ergebnisse eines Schüler-Workshops zum Neubaugebiet an der Geistbühelstraße einflossen.

Und damit, so prognostizierte Michler bei der ersten Vorstellung der Charta vergangenen Dienstag im Bauausschuss, werde Weilheim „sicherlich auch Wegweiser für andere Städte“ sein. „Das ist wirklich sehr fortschrittlich, dass Sie so ein Projekt angehen und sich in Richtung Nachhaltigkeit und Klimaschutz vorwärtstasten“, attestierte die für das Verfahren federführende Stadtplanerin den Stadträten im Gremium.

Brigitte Holeczek (BfW): „Wir müssen Bürger an die Hand nehmen“

Und die nahmen den Ball gerne auf. „Wir haben damit einen ganz großen Schritt in die Zukunft gemacht“, sagte 2. Bürgermeisterin Angelika Flock (CSU), nun gelte es zu zeigen, „dass sich Ökonomie und Klimaschutz nicht ausschließen“. 3. Bürgermeister Alfred Honisch (Grüne) sagte, man dürfe sich ob der „Weilheimer Charta“ „durchaus selbstbewusst auf die Schulter klopfen“. Rathaus-Chef Markus Loth (BfW) dankte den Mitarbeitern in Verwaltung und Fachbüros für ihr Engagement und Weilheims Bürgern für die eingebrachten Ideen. Nun liege „ein sehr gutes Ergebnis“ vor – das in der Stadtratssitzung am kommenden Donnerstag offiziell beschlossen werden soll.

Etwas nachdenklich zeigte sich BfW-Fraktionssprecherin Brigitte Holeczek bei der Vorberatung im Ausschuss: Ihr Eindruck sei, dass bei vielen Bürgern „die Akzeptanz für größere Bauvorhaben nicht mehr so da ist“. Doch stelle sich faktisch „nicht die Frage, ob wir wachsen wollen“; Weilheim habe als Oberzentrum schlichtweg eine „wichtige Aufgabe in der Siedlungsentwicklung“ wahrzunehmen. Die Stadt müsse mehr erklären, was ein Oberzentrum ist und warum man es sei, so Holeczek weiter: „Alteingesessene stehen angesichts der vielen Baustellen oft fassungslos da. Da müssen wir die Bürger auch an der Hand nehmen.“

In der Stadtratssitzung

am kommenden Donnerstag, 18. März, wird auch über den städtischen Haushalt 2021 entschieden. Die öffentliche Sitzung beginnt um 18.30 Uhr in der Stadthalle.

Der Inhalt der „Weilheimer Charta für nachhaltigen Wohnungsbau“

Sie soll als „Leitschnur und Handlungsfaden für zukünftige Wohnbebauungen“ dienen und eine „nachhaltige Stadtentwicklung Weilheims“ in Gang bringen. So steht es in der Präambel der „Weilheimer Charta für nachhaltigen Wohnungsbau“. Um die Themen Gewerbebauten, Bildung und Versorgung soll sie später ergänzt werden. Zunächst wurden die Forderungen speziell für den Bereich Wohnungsbau und Klimaschutz im Städtebau ausgearbeitet. Dabei formuliert die Charta „die Wirklichkeit gewordene Vision im Jahr 2030“ – mit folgendem Inhalt:

1. PLANUNGS- UND PROZESSKULTUR – Aktive Mitgestaltung, Information und Bildung:

- Aktive Bürgerbeteiligung ist fester Bestandteil aller großen Planungsprozesse.

- Bürger*innen stehen alle Informationen zur Verfügung, um sich kompetent beteiligen zu können.

- Baukulturvermittlung und Umweltbildung sind an Schulen implementiert.

2. WOHNEN:

- Wohnformen, die ein gutes Miteinander fördern, ergänzen das herkömmliche Wohnen.

- Wohnen und Arbeiten sind wieder näher zusammengerückt, sowohl in der Wohnung als auch im Wohnumfeld. Die Nahversorgung ist gewährleistet. Soziale Infrastrukturen wie zum Beispiel Kinderbetreuung, Bildung, Kultur und Erholung sind integriert.

- Wohnen berücksichtigt alle sozialen Schichten.

3. ÖKOLOGIE – Bauen, Grün, saubere Luft:

- Stadtgrün und Gebäudebegrünung sind miteinander vernetzt.

- Schadstoff- und Lärmemissionen aus Verkehr, Gewerbe und Haushalten sind minimiert.

- Die Frischluftzirkulation zur Kühlung und Luftreinhaltung ist gewährleistet.

- Vorhandene Kaltluftschneisen sind erhalten, neue wurden entwickelt.

- Neue Baumaßnahmen verfügen über Verschattungs- und Verdunstungsmöglichkeiten.

- Die Stadt versorgt sich aus regenerativen Energiequellen und ist weitgehend autark.

- Der Energieverbrauch nähert sich dem Null-Energie-Standard.

- Der Trinkwasserverbrauch wird minimiert. Regenwassernutzung und Grauwasserrecycling wird angewendet. Der lokale Wasserkreislauf wird erhalten und gestärkt. Die Stadt ist gegenüber Starkregenereignissen und Hochwasser gesichert. Insgesamt wird ein sauberes aquatisches Ökosystem angestrebt.

- Oberflächen sind nur wo nötig versiegelt. Es gilt das „Schwammstadtprinzip“.

- Es werden ökologische, nachhaltige und recyclebare, gesundheitlich unbedenkliche Baustoffe mit geringem Primärenergiebedarf verwendet.

- Die Stadt betreibt konsequente Innen- vor Außenentwicklung.

- Innerstädtisches Grün ist vernetzt und besitzt die gleiche Wertigkeit wie Bebauung.

- Der Schutz heimischer Flora und Fauna sowie Luftreinhaltung und Klimaschutz sind sichergestellt.

4. SOZIALES – Mehr Miteinander in einem attraktiven Wohnumfeld:

- Stadtplanung orientiert sich am Wohl der Allgemeinheit.

- Erholungsräume für alle sind vorhanden.

- Die Bedürfnisse der Bewohner*innen nach gesellschaftlicher Teilhabe, Begegnung und Inklusion werden beachtet.

- Die Grundsätze der Sozialgerechten Bodennutzung (SoBoN) werden eingehalten.

5. MOBILITÄT:

- Weilheim ist die Stadt der kurzen Wege. Alle Wege sind barrierefrei.

- Die Flächennutzung folgt ausgewogen nach ökologischen und sozialverträglichen Zielen.

- Die Anbindung an den ÖPNV ist gut und vernetzt.

- Die Fußgängerfreundlichkeit ist in der gesamten Stadt gewährleistet.

6. ÖKONOMIE:

- Finanzierungsprogramme schaffen ökonomische Anreize für den Klima- und Artenschutz.

- Wettbewerb fördert Innovationen, um den Klimaschutz voranzubringen.

- Der Wohnraum bleibt bezahlbar, aber auch attraktiv für Investoren.

- Ökonomie und Klimaschutz schließen sich nicht aus.

Weilheim, März 2021

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