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Viele der Kinder lachten, als sie sich im Jahr 1917 um die abgenommenen Kirchenglocken von Mariae Himmelfahrt in Weilheim gruppierten. Vielleicht waren sie sich des traurigen Anlasses einfach nicht bewusst. 

Weilheimer G’schicht(e)N

Als Kirchenglocken zu Waffen und Munition wurden

Metall war Mangelware im Ersten Weltkrieg.  Damals mussten auch die meisten Glocken  der Kirche Maria Himmelfahrt abgeliefert werden.  

Weilheim – „Das mag ein Freudentag gewesen sein als sie bekränzt, von starken Rossen gezogen Einzug hielten in unsere Stadt, als sie festlich begrüßt von Bürgerschaft und Geistlichen, als sie emporschwebten in luftige Höhe und am Abend vor dem Kirchweihfest 1831 zum 200-jährigen Jubiläum der Weihe unserer Kirche zum erstenmal voll und harmonisch ertönten. Alle beglückwünschten damals die Gemeinde zu dem schönen Geläut, wie hielt man dafür, daß nun auf Jahrhunderte gesorgt sei. Und die Geschlechter kamen und gingen. Alle, alle sind sie ins Grab gesunken. Denen damals das Geläute zum erstenmal erklungen ist, sind hinausgezogen aus der Stadt in die stille Totenstadt draußen und die Glocken haben ihr Totenlied dazu gesummt. Neue Menschen kamen und gingen, das Dampfroß zog zum erstenmal durch das Tal, freudige und ernste Zeiten kamen, Kriege, Siege, Feuersbrünste, Feiertage, Werktage, ein Kommen und ein Gehen von Menschen. Nur die Glocken droben, sangen ihr ewig gleiches frommes Lied, erhoben ihre Stimme im Wechsel der Zeiten. Nun müssen auch sie, die gleichsam für die Ewigkeit geschaffen schienen, ihren Tribut entrichten. Siehe, nichts auf Erden hat Bestand, rein gar nichts. Wer hat es gedacht? Auf nichts ist Verlaß, alles, alles vergeht. Eine Mahnung zur Einkehr wie sie eindringlicher nicht sein könnte.“

In großer Rede erinnerte Weilheims Stadtpfarrer Dr. Johann Baptist Damrich 1917 daran, dass die von seinem Vorgänger Augustin Sedlmayr beschafften Glocken für die Kirche Mariae Himmelfahrt gerade einmal 86 Jahre ihr Lied in Freud und Leid über die Dächer der Stadt gesungen hatten. Im Ersten Weltkrieg, der unzählige Menschenleben forderte, wurde viel Material benötigt. Und was auf normalem Weg nicht mehr zu beschaffen war, musste auf anderem Weg beschafft werden.

Im Juni 1917 versandte das Bezirksamt Weilheim ein Schreiben an die Pfarrämter und ließ sie wissen, dass aufgrund verschiedener vorausgegangener Verordnungen und Bekanntmachungen „das Eigentum an den in Jhrem Besitz befindlichen, aus Bronze bestehenden Glocken, hiermit auf den Militärfiskus übertragen“ ist. Nun kam auch für die Weilheimer ein Trauertag, denn es hieß Abschied nehmen von den vom Glockengießer Nikolaus Regnault geschaffenen Glocken.

Hatte man nicht das Glück, dass die Glocken von besonderem musikalischen, wissenschaftlichen, geschichtlichen oder kunstgewerblichem Wert beziehungsweise für die „Bedürfnisse des Gottesdienstes“ unverzichtbar waren, wurden sie ohne jegliche moralische Bedenken beschlagnahmt und zu Waffen und Munition umgegossen. Die Pfarreien mussten die Glocken auf eigene Kosten bis zum 30. Juni ausbauen lassen und für den Transport zur Bahn bereitstellen.

Da es in unserem Landstrich eine Vielzahl an Kirchen gibt, verzögerte sich die Glockenabnahme. Am 18. Juli 1917 verließen schließlich vier der fünf Glocken von Mariae Himmelfahrt – nur die größte, die Marien- oder Jubiläumsglocke, blieb zurück – ihre Heimat. Mit ihnen musste auch das 1714 gegossene, einen Zentner schwere „Zügenglöcklein“ des Dachreiters abgeliefert werden. Und was bekam man dafür? Gerade einmal 7 397,50 Mark, die man in die Zeichnung der VII. Kriegsanleihe investierte. Und was hatte man davon? Nichts. Ja, Damrich bemerkte richtig „auf nichts ist Verlaß, alles, alles vergeht“.

Dr. Joachim Heberlein

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