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Mit Manuskript, aber großteils frei sprach Beckstein in dem voll besetzten Saal des Pfarrheims. 

„Weilheimer Glaubensfragen“ mit Ex-Ministerpräsident

Becksteins Weg der kleinen Schritte

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Mit dem Thema „Ohne Verzicht wird es nicht gehen – Die Verantwortung des Menschen für die Schöpfung“ befasste sich Günther Beckstein (73) bei den „Weiheimer Glaubensfragen“. Der Ex-Ministerpräsident versuchte, das Gewissen der Besucher zu schärfen, praktische Lösungen hatte er aber nicht parat.

Weilheim – Die Parkplätze rund um das „Haus der Begegnung“ waren proppenvoll. Ganz vorn am Eingang stand ein gewöhnlicher silberfarbener BMW, nur sein Nürnberger Kennzeichen verriet: Beckstein ist schon da. Beckstein, ehemaliger bayerischer Innenminister (1993 bis 2007) und ehemaliger bayerischer Ministerpräsident (2007 bis 2008) sowie seit 1996 Mitglied der Landessynode der evangelischen Kirche in Bayern, sagte gleich zu Beginn seines Referats, dass es „das schwerste in diesem Jahr“ sei, zumal Martin Gregori vom Organisationsteam der „Weilheimer Glaubensfragen“ sich nicht auf das von ihm gewünschte Fragezeichen im Titel einlassen wollte. Dass er als evangelischer Christ bei einer Veranstaltung der katholischen Pfarreiengemeinschaft sprechen dürfe, bewertete er als „bedeutsames Symbol“, gerade im Hinblick auf „500 Jahre Luther“.

Er habe „Laudato si“, die Umwelt-Enzyklika, gelesen, in der sich Papst Franziskus gegen die aktuelle Lebensweise der Menschheit ausspricht, so Beckstein. „Sehr schwere Kost“ sei diese – inhaltlich wie sprachlich. Die Kritik des Papstes sei richtig, sagte er, ein „Gegenmodell“ sei jedoch nicht enthalten.

Der Umgang der Menschheit mit der Schöpfung sei fragwürdig, stellte Beckstein fest. 1100 Meter hohe Gebäude in Saudi-Arabien, achtstöckige Autobahnen in Japan, großer Landverbrauch in Bayern, eine Weltbevölkerung, die bald sieben Milliarden Menschen zählen wird – „wohin führt das?“, fragte er. Sich die Erde untertan zu machen, könne nicht heißen, sie auszubeuten. „Ohne Verzicht geht es nicht“, stellte er fest, und er fügte an: „Wir werden mehr teilen müssen.“

Modelle dafür konnte aber auch Beckstein nicht bieten. Das Prinzip „Soziale Marktwirtschaft“ in Deutschland sei jedoch ein Ansatz zu mehr Gerechtigkeit, sagte er. Jeder müsse sich aber selber fragen, worauf er verzichten könne, bevor er die Verantwortung auf andere schiebe. „Aber das sind schon schmerzliche Fragen“, stellte er fest, denn es gehe um Autofahrten ebenso wie Urlaubsreisen. „Appelle allein nutzen nichts, es müssen Sanktionen folgen“, sagte er. Doch inwieweit kann die Politik mit Ver- und Geboten in das Leben der Menschen eingreifen? Mit einem Veggietag? Einem hohen Spritpreis? Dadurch, dass keine Hühnchenteile mehr nach Afrika exportiert werden, weil dadurch dort die Landwirtschaft ruiniert werde? Beckstein sagte, er könne nur Fragen stellen. Seit der Bankenkrise, bei der Gewinne privatisiert und Verluste vom Steuerzahler mit 400 Milliarden ausgeglichen werden mussten, sei für ihn klar: „Der Wettbewerb braucht strengere Regeln“, Deregulierung der Finanzmärkte führe zu Auswüchsen. Becksteins Fazit zum Thema des Abends: „Schnelle Lösungen wird es nicht geben“. Es müsse ein „Weg der kleinen Schritte“ gegangen werden – vom Einzelnen bis in die EU.

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