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Am Ziel angekommen: Nicht ganz ohne Probleme hat es Zachrau ans Brandenburger Tor geschafft.

Inklusion

„Alleine ist man in der Bahn verloren“

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Wackelige Einstiegsrampen, zu enge Gänge und keine Behindertentoilette: Für den 83-jährigen Rollstuhlfahrer Hans-Jürgen Zachrau aus Weilheim wurde eine Zugreise nach Berlin zur Tortur.

Weilheim – Schon lange hatte sich Hans-Jürgen Zachrau aus Weilheim auf die Reise nach Berlin gefreut. „Seit ich im Rollstuhl sitze, komme ich nicht mehr viel raus“, sagt der 83-Jährige. Ein Vierteljahr im Voraus kümmerte er sich gemeinsam mit einer Bekannten, die ihn begleiten sollte, um die Buchung: Mit dem Regionalzug sollte es von Weilheim aus nach München gehen – und von dort aus mit dem ICE direkt in die Hauptstadt. Am Schalter am Weilheimer Bahnhof kauften sie zwei Tickets für die Erste Klasse. „Wir dachten, wir sind gut vorbereitet“, sagt er.

Doch während die Fahrt von Weilheim nach München problemlos verlief, fing es am Hauptbahnhof in München an, schwierig zu werden. „In den ICE kam ich mit dem Rollstuhl ohne Rampe nicht hinein“, erklärt Zachrau, „und als wir einen Schaffner um Hilfe gebeten haben, meinte er, dass die Rampe nur an der Tür an der Mitte angesetzt werden kann. Mein reservierter Sitzplatz befand sich aber im ersten Waggon nach der Lok.“ Erst nach einigem Hin und Her bockte ein Mitarbeiter die Rampe hoch. „Ich weiß nicht, ob er nervös war – aber das war eine sehr wackelige Angelegenheit“, beschreibt er die Situation.

Im Inneren des Zuges hatte es der 83-Jährige ebenfalls nicht leicht. „Mit meinem Rollstuhl passte ich nicht durch den Gang in der Ersten Klasse – obwohl ich einen relativ schmalen Sportrollstuhl habe“, sagt er. Die Toilette konnte er ebenfalls nicht benutzen: „Es gab in meinem Waggon keine Behindertentoilette.“

Auch jetzt noch, einige Wochen nach der Zugfahrt, wühlt den 83-Jährigen das Thema auf. „Was mich ärgert, ist, dass ich das Geld für die Erste Klasse-Tickets umsonst ausgegeben habe. Das Abteil war nicht rollstuhlgerecht.“ Für die Rückfahrt einige Tage später hatten er und seine Begleiterin Sitzplätze in einem ICE gebucht. „Am Berliner Hauptbahnhof haben wir festgestellt, dass wir wegen einer Baustelle noch zwei Mal umsteigen hätten müssen“, erklärt er, „mit Rollstuhl wäre das schwierig gewesen.“ Am Service-Point lassen sich die Fahrkarten schließlich umtauschen. Doch der nächste behindertengerechte Zug geht erst Stunden später. „Der Zug war völlig überfüllt, doch wir sind wenigstens gut in München angekommen“, sagt Zachrau.

Bahn kann sich Beratung am Schalter auch nicht erklären

Der 83-Jährige, der seit dem Tod seiner Frau vor einem Jahr alleine lebt, würde gern öfter verreisen. „Ich möchte eigentlich gerne einmal nach Hamburg“, sagt er, „aber mit Behinderung ist das nicht leicht.“ Er würde sich wünschen, dass die Beamten im Reisezentrum besser geschult werden würden. „Warum hat man mir ein Ticket in einem Abteil verkauft, das nicht behindertengerecht ist?“, fragt er sich.

Beschwert bei der Bahn hat der 83-Jährige bisher nicht. Das Ticket, das er einreichen müsste, hat er nicht mehr. „Im Nachhinein hilft mir das ja sowieso nichts mehr“, sagt er. Auf Anfrage unserer Zeitung erklärt ein Sprecher der Deutschen Bahn, dass der Großteil der Fernverkehrszüge behindertengerecht sei. „Speziell im Fernverkehr sind unsere Züge gut für Menschen mit Handicap ausgestattet“, sagt er.

Das Problem hätte jedoch an den gebuchten Tickets gelegen: „Statt Plätzen in der Ersten Klasse hätten speziell behindertengerechte Sitze gebucht werden müssen. Diese befinden sich aber ausschließlich in der Zweiten Klasse“, heißt es weiter.

Wieso Zachrau trotz offensichtlicher Behinderung am Schalter kein solches Ticket empfohlen worden ist, kann man sich bei der Bahn aich nicht erklären. „Es tut uns sehr leid, wenn es auf der Reise Unannehmlichkeiten gab“, so der Sprecher weiter. Wer als „mobilitätseingeschränkter Reisender“ unsicher sei, könne sich vorab im Internet unter www.bahn.de unter dem Punkt „Barrierefreies Reisen“ informieren.

Darauf, dass es bei seiner nächsten Zugfahrt besser läuft, will sich Hans-Jürgen Zachrau nicht verlassen. „Wenn ich wieder wegfahre, werde ich vorab bei der Bahnhofsmission um Hilfe bitten“, sagt er, „alleine ist man da verloren.“

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