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„Wir können unser Leben nicht völlig kontrollieren “: Pfarrer Engelbert Birkle im Gespräch mit „Tagblatt“-Redakteur Magnus Reitinger.

Interview mit Engelbert Birkle

Weilheims Stadtpfarrer über Leben und Glauben in Zeiten von Corona

  • Magnus Reitinger
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Die Auswirkungen der Corona-Pandemie sind eine Herausforderung auch für die Kirchengemeinden und die Seelsorger. Wie er mit der aktuellen Lage umgeht und wie er sie einordnet, das erklärt Weilheims Stadtpfarrer Engelbert Birkle im Gespräch mit dem „Weilheimer Tagblatt“ – und sagt dabei auch, was ihm Zuversicht gibt.

Inwiefern beschäftigt Sie das Thema „Corona“ in diesen Tagen?

Als Pfarrer tue ich seit vergangenem Donnerstag wenig anderes, als mit anderen gemeinsam zu entscheiden: Was sagen wir ab? Und wie sagen wir ab? Gleichzeitig muss man Wege finden, wie es konkret weitergeht. Wenn etwas abgesagt ist – was ist dann? Sagen, dass etwas nicht stattfindet, ist das eine. Aber die Frage ist: Gibt es noch Formen, wie man zusammenfinden und in Verbindung bleiben kann?

Wie gehen Sie persönlich mit der jetzigen Lage um?

Auch ich bin irritiert und oft auch ratlos. Den Gedanken, dass wir Ostern nicht in der Kirche feiern können, traut man sich ja gar nicht zu denken – zugleich deutet vieles darauf hin, anderswo sind schon entsprechende Entscheidungen getroffen. Persönlich mache ich mir in solchen Zeiten bewusst: Was wir jetzt erleben, ist für viele Menschen auf der Welt auch aus anderen Gründen längst Realität. Wie viele sind durch Krankheit und Behinderung zu einem Leben gezwungen, wie wir es jetzt erleben? Wie viele sitzen weltweit in Lagern und Gefängnissen, wissen nicht, wie es weitergeht, und müssen damit zurecht kommen? Sich mit solchen Menschen zu verbinden, ist für mich eine große Hilfe. Mich trägt dabei auch eine Erfahrung aus meiner eigenen Lebensgeschichte: Nach meiner Schulzeit im Internat und einer weiteren „Rudelzeit“ im Priesterseminar lebte ich im Studium erstmals für ein ganzes Jahr allein. Das war eine richtig schmerzvolle Zeit, weil sich da gezeigt hat, was nur Illusionen waren und was wirklich trägt, auch in meinem Glauben. Und im Rückblick war das wohl mit die wichtigste Zeit meines Lebens. Weil sich in solchen Phasen etwas klärt, auch von Gott her.

Fordert Sie so ein Thema wie „Corona“ in Ihrem Glauben heraus?

Nicht in dem Sinne, dass mein Glaube momentan ins Wanken gerät. Aber das Leben an sich fordert mich in meinem Glauben heraus. Zu meinem Glauben gehört aber auch, dass das Schwere Teil des Lebens und des Glaubens ist – und dass Gott da mit uns hindurchgeht.

Manch einer spricht bei Themen wie dem Corona-Virus von einer „Strafe Gottes“, davon, dass so etwas nicht von ungefähr komme. Was sagen Sie dazu?

„Strafe Gottes“ ist zu kurz gesprungen. Dass es „nicht von ungefähr kommt“, klingt schon anders. Diese Situation erinnert uns daran, dass unser Leben brüchig ist, dass wir es im Letzten nicht im Griff haben. Wir haben uns eine Welt geschaffen, „wie es uns gefällt“. In vielen Bereichen zeigt sich nun, dass Sicherheiten immer schon Scheinsicherheiten waren. Ich würde sagen: Gott wirft uns durch solche Erfahrungen darauf zurück, dass unser Leben brüchig ist und dass wir es nicht völlig kontrollieren können.

Nun können auch in den Kirchen keine Gottesdienste und Veranstaltungen mehr stattfinden. Wie ist in dieser Lage überhaupt noch Gemeindeleben möglich?

Jetzt ist das Vertrauen gefordert, dass wir verbunden sind – auch ohne dass wir uns versammeln. Da braucht es sicher konkrete Formen. Italiens Bischöfe haben zum Beispiel angeregt – was auch unser künftiger Bischof Bertram Meier unterstützt –, dass die Gläubigen am heutigen Josefstag um 21 Uhr bei sich eine Kerze ins Fenster stellen und Rosenkranz beten. Ich würde hinzufügen: Es darf gerne auch ein anderes Gebet sein. Aber so etwas kann verbinden. Eine Form für uns könnte auch sein, am Sonntag zu einer bestimmten Zeit zu beten – alleine oder in Hausgemeinschaften, und doch verbunden, vielleicht sogar ökumenisch. Es gibt auch bereits gute Vorschläge für Hausgebete, und auf der Internetseite des Bistums findet sich eine Liste mit Gottesdienstübertragungen im Radio oder Internet. Da kommt also viel in Bewegung, und da muss nicht jede Gemeinde für sich etwas erfinden oder technisch aufrüsten. Aber dem Sonntag, so glaube ich, müssen wir einen Charakter geben, so gut es geht.

Die Kirchen an sich stehen ja weiter offen. Und ein Zeichen in Weilheims Stadtpfarrkirche Mariae Himmelfahrt ist in diesen Tagen das Lebensbaumkreuz, das in die Mitte gerückt wurde. Was hat Sie dazu veranlasst?

Mich rührt an, was unter diesem Lebensbaum schon alles passiert ist. Es ist eines der ältesten Glaubenszeichen in der Stadt, vermutlich aus der Zeit um 1350. Dieses Kreuz begleitet uns Weilheimer seit Jahrhunderten, und es will auch jetzt ein Zufluchtsort sein. Deshalb gehört es gerade jetzt in die Mitte der Kirche.

Woher nehmen Sie persönlich Zuversicht für die nächsten Wochen?

Zuversicht ist bei mir nicht gleich Optimismus. Aber ich bin zuversichtlich, weil ich glaube, dass Menschen in Not solidarischer werden – und weil ich glaube, dass im Menschen das Gute liegt. Religiös gesprochen, dass Gott in jedem Menschen wirkt.

Interview: Magnus Reitinger

Die Chancen der Wüsten-Erfahrung

„Glauben in Zeiten von Corona“ – unter diesem Titel hat Pfarrer Engelbert Birkle einen Text verfasst, der als Faltblatt in den Kirchen der Stadt ausliegt und viele Gläubige sehr berührt hat. Darin ermutigt der Seelsorger dazu, Schmerz über die Situation zuzulassen: „Das darf nicht sein! Das soll nicht sein!“ seien verständliche erste Reaktionen auf das Undenkbare, das dieser Tage geschehe. Jedoch: „Ein zweiter Schritt wird dann sein, sich dem Unangenehmen zu stellen. Das ist auch die geistliche Aufgabe in diesen Zeiten: Dem Schmerz nicht auszuweichen. Das Unangenehme nicht von sich zu stoßen. Ein alter geistlicher Grundsatz lautet: Was nicht angenommen ist, kann auch nicht verwandelt werden.“ Die Herausforderungen dieser Tage deutet Birkle so: „Man kann wohl sagen, dass wir und die ganze Gesellschaft eine ,Fastenzeit ganz eigener Prägung’ zu leben haben. Als Gesellschaft erleben wir gerade eine Situation, die sich mit den biblischen Erfahrungen von Wüste verbindet. (...) Die vertrauten Wege und die gewohnten Sicherheiten sind ,wie vom Winde verweht’. Es gibt niemanden, der weiß, wie lange dieser Zustand andauert. Das, was bisher genährt hat, ist plötzlich weg. Kulturelle Zerstreuungen, öffentliche Feste, ein Bad in der Menge, Reisen und Ausflüge, waren doch wie ,Nahrung für die Seele’. Jetzt gibt es das alles nicht mehr. Alle sind gefordert, auf die Notration zurückzugreifen. Es zeigt sich nun, was ich mich hält, wenn so vieles nicht da ist. Was nährt und stärkt mich, wenn all die äußeren Impulse wegfallen? Auch diese Einsichten können wehtun, sind aber sicher heilsam! In der Tradition des Volkes Israel gab es das Brachjahr. Alle sieben Jahre sollte das Land Ruhe haben. So eine Brachzeit erleben wir als Gesellschaft, Kirche, als Pfarrei und als Einzelne. Im Wegfallen und Streichen birgt sich auch die Chance einer Klärung. Was üblich und selbstverständlich war, fehlt jetzt. Es wird sich in den nächsten Wochen zeigen, was sich überlebt hat, was schmerzlich fehlt und was künftig anders oder neu sein soll.“ Die Gläubigen ruft Pfarrer Birkle dazu auf, „zu Hause in der familiären Gemeinschaft miteinander zu beten und so im Bund mit Gott zu bleiben“. Und er appelliert: „Helfen wir einander in diesen kommenden Wochen. Durch die vielen abgesagten Veranstaltungen werden auch Kräfte frei.“

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