Derzeit wird viel gearbeitet am Stromnetz im Weilheimer Raum. Mit dem Boom der Elektromobilität hat das aber kaum etwas zu tun.
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Derzeit wird viel gearbeitet am Stromnetz im Weilheimer Raum. Mit dem Boom der Elektromobilität hat das aber kaum etwas zu tun.

BOOM DER ELEKTROMOBILITÄT IM LANDKREIS

Wer beim Kauf eines E-Autos einige Kriterien beachtet, kann viel Geld sparen - Doch reicht der Strom für alle?

  • Sebastian Tauchnitz
    VonSebastian Tauchnitz
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Verschiedene Förderprogramme der Bundesregierung sorgen derzeit dafür, dass nicht nur E-Autos ein rares Gut mit monatelangen Lieferfristen sind, sondern auch Wallboxen zum Aufladen und Elektriker, die sie anschließen, heiß begehrt sind. Doch geht bei uns das Licht aus, wenn jetzt auf einmal alle ihre Autos zu Hause laden?

Landkreis – Wer sich für den Kauf eines Elektroautos interessiert, der kann sich heuer eine Menge Geld sparen. Denn nicht nur der Autokauf wird von Bund und Herstellern mit bis zu 9000 Euro bezuschusst, auch für die Schaffung der nötigen Ladeinfrastruktur zu Hause gibt es fette Fördermittel. Für die Montage einer Wallbox in der heimischen Garage gibt es 900 Euro aus Berlin, wenn man bestimmte Kriterien erfüllt. Es gibt aber ein paar Dinge, die beachtet werden müssen.

Das ist ein attraktives Angebot, von dem viel Gebrauch gemacht wird. Doch was bedeutet das für die Stromversorgung im Landkreis? Geht irgendwann das Licht aus, wenn alle E-Auto-Besitzer daheim ihr Fahrzeug aufladen?

Für die nächsten 25 Jahre besteht Investitionsbedarf von rund 1,9 Milliarden Euro

Da müsse man sich keine Sorgen machen, meint Michael Bartels, stellvertretender Pressesprecher der Bayernwerke AG: „Die Netze des Bayernwerks sind bereit für eine vollständige Umstellung auf elektrische Pkw. Voraussetzung dafür sind aber weiterhin kontinuierliche und vorausschauende Investitionen in die Netz-Infrastruktur.“ Zu diesem Schluss sei bereits eine Studie gekommen, die vor zwei Jahren präsentiert wurde. Diese habe aber auch ergeben, dass „ allein im Mittel- und Niederspannungsnetz des Bayernwerks für die nächsten 25 Jahre ein Investitionsbedarf von rund 1,9 Milliarden Euro besteht“. Diese Investitionen ließen sich aber auch dadurch reduzieren, dass durch digitale Lösungen und Anreize für Kunden die Ladezeiten der Autos von der „laststarken“ Abendzeit, wenn daheim der Fernseher, der Herd, die Waschmaschine und der Geschirrspüler läuft, in die „lastschwachen“ Nachtstunden verschoben wird.

Wie das in Zukunft konkret aussehen kann, untersucht die Bayernwerk AG seit einigen Tagen in Zusammenarbeit mit dem Autohersteller Audi. Der hat 20 Mitarbeiter des Unternehmens mit einem Audi eTron ausgestattet, der mit spezieller Messtechnik ausgestattet wurde. Das Ziel der Untersuchung ist, dass man dem Auto einfach nur sagt, wann es wieder welchen Akkustand haben soll. Durch intelligente Ladesoftware soll dann der Aufladevorgang so gesteuert werden, dass das Netz möglichst gleichmäßig ausgelastet ist.

In Zusammenarbeit mit BWM läuft seit 2019 ein Forschungsprojekt

Parallel dazu laufe bereits seit 2019 in Zusammenarbeit mit BMW das Forschungsprojekt ,Bidirektionales Lademanagement’“. Klingt kompliziert, ist aber tatsächlich ganz einfach: In den modernen Elektroautos sind sehr große Akkus verbraucht. Untersucht wird nun, ob diese, wenn das Auto gerade nicht gebraucht wird, als „mobile Energiespeicher“ genutzt werden können. Will meinen: Wenn gerade viel Strom im Netz zur Verfügung steht, laden sie den Akku voll, ist die Nachfrage gerade besonders hoch, speisen sie die Energie zurück in das Stromnetz, um beispielsweise den jeweiligen Haushalt zu versorgen. Das hätte unter anderem dem Vorteil, dass der Strom, der aus regenerativen Energien wie Wind oder Sonne erzeugt wird, effektiv gespeichert werden kann – idealerweise ohne dass der Autobesitzer überhaupt etwas davon bemerkt.

Doch auch ohne diese Zukunftstechnik „könnten theoretisch bis 2045 alle drei Millionen Autos, die heute im Bayernwerk-Netzgebiet gemeldet sind, komplett und problemlos auf E-Mobilität umsteigen“, so der Pressesprecher weiter.

Förderung vom Bund gibt es nur unter bestimmten Bedingungen

Auch Peter Müller, Geschäftsführer der Stadtwerke Weilheim, beruhigt alle, die sich Sorgen um die Stromversorgung machen: „Im Landkreis Weilheim-Schongau sind derzeit 653 reine Elektrofahrzeuge und 1343 Hybridfahrzeuge gemeldet“, berichtet er. Gehe man nun von einem Jahresverbrauch von 4000 Kilowattstunden pro Elektroauto aus, dann mache das rund 2,6 Millionen Kilowattstunden pro Jahr. „Das entspricht rund einem halben Prozent des Gesamtstromverbrauchs des im Landkreis Weilheim-Schongau“, rechnet Müller vor. Wenn man jetzt davon ausgeht, dass im Schnitt ein Drittel des Stroms, der im Landkreis verbraucht wird, aus regenerativen Quellen stammt, dann „würde der vor Ort regenerativ erzeugte Strom derzeit erst dann nicht mehr ausreichen, wenn hier 41 750 Elektrofahrzeuge oder fast die Hälfte aller im Landkreis zugelassenen Autos elektrisch betrieben und einen Verbrauch von 4000 Kilowattstunden pro Jahr aufweisen würden. Da haben wir noch ein gutes Stück hin“, so Müller auf Anfrage. Der Ökostrom-Aspekt ist wichtig, weil es die Förderung vom Bund nur gibt, wenn der Antragssteller nachweist, dass er einen Stromtarif hat, bei dem er zu 100 Prozent mit Energie aus erneuerbaren Quellen versorgt wird.

Stromnetze in der Region sehr gut ausgebaut - Mehr an Leistung kann zuverlässig geliefert werden

Auch die Lechwerke haben ihre Hausaufgaben gemacht. Pressesprecherin Luisa Rauenbusch verweist auf Anfrage auf eine aktuelle Studie zum Thema: „Bis zum Jahr 2030 werden in der Region im privaten, halb-öffentlichen und öffentlichen Bereich rund 190.000 zusätzliche Ladepunkte für Elektrofahrzeuge erwartet. Aktuell sind rund 2200 Ladepunkte im LVN-Netzgebiet gemeldet (Stand Ende März). Bereits installierte und noch nicht gemeldete Ladepunkte sind hier nicht inbegriffen. Die maximale Ladeleistung, die dann laut Prognose im Jahr 2030 gleichzeitig abgerufen wird, liegt bei 475 Megawatt (MW). Das entspricht in etwa der elektrischen Leistung, die ein großes Gaskraftwerk bei Volllastbetrieb liefert.“

Größtenteils seien die Stromnetze in der Region bereits so gut ausgebaut, dass sie das erwartete Mehr an elektrischer Leistung zuverlässig liefern können. In einigen Hotspots bestehe aber auch noch Ausbaubedarf, so die Pressesprecherin weiter.

Bund fördert derzeit nur „anmeldepflichtige“ Wallboxen

Derzeit allerdings geht alles sehr, sehr schnell. So berichten einzelne Neukunden, die sich eine Wallbox installieren lassen wollen, davon, dass dies nicht möglich ist, weil das Stromnetz in ihrer Straße ansonsten überlastet wird, weil die Nachbarn schneller waren. „Zu den von Ihnen genannten Fällen kann es im Einzelnen kommen“, schreibt Michael Bartels von den Bayernwerken zu diesem Thema.

Allerdings müsse man unterscheiden zwischen „anmeldepflichtigen“ und „zustimmungspflichtigen“ Wallboxen. Der Bund fördert derzeit nur die „anmeldepflichtigen“ Wallboxen, an denen sich bis zu 11 Kilowattstunden zapfen lassen. Der Einbau einer solchen Wallbox muss dem Energieversorger nur angezeigt werden. Wem das nicht ausreicht, wer also auf den Zuschuss verzichtet, um auch zu Hause möglichst schnell laden zu können, der kann sich auch eine Wallbox installieren lassen, die 22 Kilowattstunden liefert. Hier muss allerdings der Netzbetreiber, also die Bayernwerke, vorher seine Zustimmung erteilen. „Um frühzeitig unser Netz ausbauen zu können, brauchen wir als Netzbetreiber die Unterstützung unserer Kunden sowie der Installateure, indem sie an die Anmeldepflicht bei einer Wallboxinstallation denken.“

Lechwerke investieren weiter in Ausbau und Modernisierung der Netzinfrastruktur

Ähnlich argumentiert auch seine Kollegin von den Lechwerken: „Zusätzlichen Ausbaubedarf sehen wir punktuell noch auf den letzten Metern des Verteilnetzes. Zum Beispiel, wenn entlang eines Straßenzuges bald besonders viele neue Elektromobilisten wohnen. Auch deshalb investieren wir weiter in Ausbau und Modernisierung unserer Netzinfrastruktur. Pro Jahr in einem Umfang von rund 80 Millionen Euro“, schreibt Luisa Rauenbusch. Kosten für einen punktuellen Ausbaubedarf für ein Mehr an Ladeinfrastruktur seien bereits inbegriffen. Auch Rauenbusch verweist darauf, dass vor der Installation von Ladestationen mit einer Leistung von mehr als 11 kW LVN sich die Situation vor Ort anschaue und die vorhandene Kapazität der Leitung prüfe. Falls diese nicht ausreicht, müsse das Netz verstärkt werden.

„Auch im Schongauer Gebiet stellen wir fest, dass die Elektromobilität weiter Fahrt aufnimmt. Im privaten Bereich und auch bei den ansässigen Firmen nehmen die Anmeldungen an Ladesäulen zu. Im privaten Bereich vermutlich auch angetrieben durch die Förderung der KfW.“ Die Lechwerke hätten die Prognosedaten der Analyse bis auf einzelne Orte heruntergebrochen. „So können wir sehr detailliert prognostizieren, welche Anforderungen der erwartete Boom der Elektromobilität an die lokalen Netze stellt und bedarfsgerechte Ausbaukonzepte entwickeln“, schreibt Rauenbusch weiter. In Schongau, Peißenberg und Peiting würden laut Prognose bis 2030 jeweils rund 1000 Ladepunkte im privaten, gewerblichen, halb-öffentlichen und öffentlichen Bereich erwartet.

Rund 80 Prozent des gesamten Stromverbrauchs der LVN-Kunden aus regenerativen Erzeugungsanlagen

Auch in Sachen intelligentes Lademanagement seien die Lechwerke aktiv, berichtet die Pressesprecherin. So laufe gerade ein Forschungsprojekt, bei dem es – ähnlich wie bei den Bayernwerken – darum geht, Ladestationen so zu steuern, dass sie das Netz möglichst nicht zusätzlich belasten.

Die vom Fördermittelgeber für den Einbau von Wallboxen vorgeschriebene Nutzung von Ökostrom sei kein Problem, ist sich Rauenbusch sicher: „Die regenerativen Erzeugungsanlagen in unserer Region liefern heute bereits rund 80 Prozent des gesamten Stromverbrauchs aller LVN-Netzkunden“, rechnet sie vor.

Im privaten Bereich kann der eigene Ökostrom zum Laden genutzt werden

Für das Jahr 2030 rechne LVN bei den erneuerbaren Energien mit einer maximalen Einspeiseleistung von rund 3100 Megawatt. Die erwartete Ladeleistung der Elektrofahrzeuge liege nach aktuellen Prognosen in neun Jahren nur bei 475 Megawatt. „Die Leistung der erneuerbaren Energien in der Region kann die benötigte Ladeleistung also decken“, so die Pressesprecherin.

Beim Blick auf den gesamten Energiebedarf in der Region ergebe sich ein ähnliches Bild: „2030 erwarten wir in der Region einen Gesamtenergiebedarf von rund 16000 Gigawattstunden. Zum Laden von E-Fahrzeugen würden davon nur rund 5,5 Prozent benötigt.“ Im Privaten könne zudem der eigene Ökostrom zum Laden genutzt werden. „Wenn wir berücksichtigen, dass immer mehr private Photovoltaikanlagen nach 20 Jahren Betrieb aus der EEG-Förderung fallen, lohnt es sich für die Besitzer, soviel des selbst erzeugten Stroms wie möglich auch selbst zu nutzen – etwa zum Aufladen des Autos.“

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