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Zum Mittagessen treffen sich alle Bewohner der Demenz-WG. 

Wohngemeinschaft der besonderen Art

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Für ihre Serie Lebens(t)räume haben Fotograf Emanuel Gronau und Redakteurin Kathrin Hauser die Demenz WG „Maria“ der „Maro Genossenschaft“ besucht. 

Weilheim – „Sie wissen doch sicher, welcher Tag heute ist.“ Alle Augen richten sich erwartungsvoll auf die Frau, die heute zu Besuch in der Demenz-Wohngemeinschaft „Maria“ der „Maro Genossenschaft“ ist. Das Grüppchen, das draußen im Kreis um einen runden Tisch sitzt, hat sich offensichtlich gerade mit der Frage nach dem aktuellen Wochentag beschäftigt und keine Antwort gefunden.

Die Besucherin muss selber kurz überlegen und antwortet dann, es sei Mittwoch. Die Frauen und der Mann nicken wissend. Aber eigentlich ist es hier völlig unwichtig, ob es Sonntag, Dienstag oder Freitag ist. Fast alle Tage verlaufen ähnlich. Hier spielen andere Dinge eine Rolle.

Zum Beispiel, dass sich Albert Scherer und seine Freundin hier gefunden haben. Sie sitzen zu zweit auf der Bank auf dem Balkon. Er hat den Arm um sie gelegt. Sie wirken, als seien sie schon ihr Leben lang ein Paar. Dabei haben sie erst vor ein paar Monaten zusammengefunden, als die Seniorin auch in die WG „Maria“ gezogen ist, wo Albert Scherer schon seit Anfang 2017 lebt.

Er ist mit seinen 97 Jahren der Älteste hier, geht aber trotzdem noch leidenschaftlich gern schwimmen im Dietlhofer See – vorausgesetzt, seine Tochter Angelika Rupprecht hat die Zeit, diesen kleinen Ausflug mit ihm zu unternehmen.

Diese gemeinsame Aktivität ist wichtig für Vater und Tochter. Und weil das Schwimmen im See für ihren Vater alles bedeutet, nimmt sich Angelika Rupprecht so oft wie möglich die Zeit, ihm diese Freude zu machen. Überhaupt besucht sie ihn oft: „Ich weiß ja nicht, wie lange ich meinen Vater noch habe“, sagt sie.

Die vaskuläre Demenz, unter der Albert Scherer seit einem Schlaganfall vor etwa drei Jahren leidet, hat Vater und Tochter einander näher gebracht, wie Angelika Rupprecht erzählt. „Er hat sich mir offenbart und wollte ganz viel von mir wissen: was früher alles war, ob er ein guter Vater war, wie das mit dem Sterben ist... Er hat ja so vieles vergessen“, sagt die Tochter. Zeitweise hielt er sie sogar für seine Ehefrau, aber seit er eine Freundin in der Demenz-WG hat, kann sie wieder seine Tochter sein.

„Es war ein fürchterlicher Weg, bis mein Vater hier gelandet ist“, sagt sie. Nach dem Schlaganfall sei ihr Vater desorientiert, verzweifelt und depressiv gewesen und in allen Krankenhäusern und Einrichtungen sei er nach kurzem Aufenthalt wieder weggeschickt worden.

„Ich habe in der Zeit den Glauben an diese Welt verloren“, sagt die Tochter: „Die Generation meines Vaters hat nach dem Krieg dieses Land aufgebaut, und dann gibt es keinen Platz für sie?“ In dieser Zeit sei ihre Verzweiflung groß gewesen. Die Odyssee, die sie schildert, haben viele Bewohner und ihre Verwandten mitgemacht, bevor sie schließlich in einer der beiden Demenz-WGs der „Maro-Genossenschaft“ angekommen sind.

Ein Pfleger in irgendeiner der vielen Einrichtungen, in denen Albert Scherer kurz war, hat Angelika Rupprecht schließlich geraten, sich doch einmal eine Demenz-WG anzuschauen. Das Konzept hat ihr gefallen, auch wenn von Anfang an klar war, dass es viel Mitarbeit für sie als einzige Tochter mit sich bringen würde, wenn ihr Vater in einer so Wohngemeinschaft leben würde.

Die Verwandten der „Maria-WG“-Bewohner kümmern sich darum, dass die Zimmer – jeder Bewohner hat sein eigenes – sauber und in Ordnung sind, sie haben regelmäßige Versammlungen und müssen verschiedene Aufgaben für die Gemeinschaft übernehmen, sonst funktioniert die WG nicht. Und die meisten von ihnen besuchen ihre Angehörigen mehrmals die Woche.

Für Menschen, die ihre Eltern, Geschwister oder Verwandten nur irgendwo unterbringen und keine Arbeit mit ihnen haben möchten, ist eine solche WG also nichts. Dennoch war für Angelika Rupprecht klar, dass sie alle Pflichten und auch die Kosten in Höhe von rund 3000 Euro pro Monat übernehmen würde, damit es ihrem Vater wieder gut geht.

Im Januar 2017 ist er eingezogen. Als einer der Ersten in der Wohngemeinschaft, die erst kurz zuvor eröffnet worden war. Zu Beginn hat er sich schwer getan, sich einzugewöhnen, erst als nach und nach mehr Bewohner hinzukamen, hat sich der kontaktfreudige Albert Scherer wohler gefühlt. „Man kann hier gut leben“, sagt er.

Auch seine Tochter ist inzwischen sehr überzeugt davon, dass es die richtige Entscheidung war, den Vater in eine Demenz-WG einziehen zu lassen. „So kann er in gewisser Art und Weise immer noch selbstbestimmt leben“, sagt sie. Zudem hat sie Einblick in ganz viele Bereiche, die sein Leben jetzt ausmachen. Die Medikamente, die ihr Vater bekommt, werden mit ihr abgestimmt, sie weiß, dass er nachts oft nicht schlafen kann. In diesen Nächten muss ihr Vater nicht im Bett liegen, bis die Morgenschicht ihn anzieht. Nein, er darf aufstehen und zum Beispiel im Gemeinschaftsraum sitzen, bis er müde ist.

An seiner Zimmertür hängt ein Schild: „Albert Scherer, königlich bayerischer Postträger“. Der 97-Jährige war Briefträger und als solcher und durch seine kommunikative Art in ganz Weilheim bekannt. „Mein Vater war ein sehr beliebter Briefträger“, sagt Angelika Rupprecht. Über seinen Beruf spricht Albert Scherer heute noch gerne: „Ich habe viele Jahre bei der Post gearbeitet“, erzählt er: „Briefträger ist ein schöner Beruf, du bist immer in Bewegung, immer an der frischen Luft und hast mit vielen Leuten Kontakt.“

Es ist ein heißer Tag, die Sonne scheint und ein paar Bewohner sitzen auf dem Balkon und unterhalten sich. Elisabeth Kuban liebt diesen Balkon und die Aussicht, die sie von ihm aus auf die Sommerwiese hat. „Der Balkon ist Gold wert“, sagt sie. Das Haus direkt davor stört sie aber: „Das ist nicht schön“, sagt die 78-Jährige. „Das sollte abgerissen werden.“ Sie lacht und ihre WG-Genossen lachen mit. „Wir sind hier ein ganz fröhlicher Verein“, sagt Elisabeth Kuban, lacht wieder und steckt sich eine Zigarette an. Einige rauchen hier. Gerade ist das Mittagessen vorbei.

Das gemeinsame Essen gegen 12.15 Uhr ist ein Fixpunkt im Tagesablauf in der Demenz-WG. Da kommen alle im großen Gemeinschaftsraum mit offener Küche zusammen, helfen Köchin Maria beim Zubereiten, Schnippeln, Schälen und Tischdecken oder sie schauen nur zu. Anschließend wird zusammen gegessen. Manche werden gefüttert, die meisten essen selbständig. „Marias Sterneküche“ steht auf einem Schild in der Küche.

Es wird wenig gesprochen während des Essens. Alle konzentrieren sich auf die Nahrungsaufnahme. Auch Angelika Rupprecht isst einen Teller mit. Als Angehörige darf sie das, wenn sie einen kleinen Beitrag in die Gemeinschaftskasse leistet. Sie sitzt mit am Tisch, als wäre sie eine der neun Bewohner dieser WG. Man kennt sie und sie kennt die Mitbewohner ihres Vaters und deren Besonderheiten und Eigenheiten. Ein Mann war früher Handwerker und sucht auch heute eigentlich immer nach handwerklichen Tätigkeiten. Er ist ein wenig gefürchtet in der WG, weil er alles, was er findet, auseinanderschraubt und untersucht.

Als er zu einem Handy greift, das auf dem Tisch liegt, wird er lauthals von allen Seiten geschimpft. Er zieht ab. Bis auf diesen kleinen Zwischenfall ist dieser Mittwoch ein ruhiger Tag, da sind sich Pflegerinnen, Köchin und Verwandte einig. Wahrscheinlich liegt es an der Hitze, die lähmt alle ein wenig, meinen sie.

Elisabeth Kuban malt leidenschaftlich gern und liebt die Musik. In ihrem Zimmer hat sie eine große Plattensammlung, über ihrem Bett hängt ein selbstgemaltes Bild. Es ist abstrakt und bunt und erinnert an Hundertwasser. Sie hat ihr Zimmer im Erdgeschoss, an den Gemeinschaftsraum angrenzend. Damit sie nahe am Geschehen ist.

Elisabeth Kuban ist gern in Gesellschaft. Ihre Tochter Birgit Huber hat sie hierhergebracht, als sie merkte, dass ihre Mutter in ihrer Wohnung vereinsamt.

Überhaupt ist sie überzeugt, dass diese Art zu leben für ihre Mutter die richtige ist: „Hier kommt auf zwei bis drei Bewohner ein Betreuer und es geht eher familiär zu“, sagt Birgit Huber. „Und es ist eine Gemeinschaft.“ Dafür nimmt sie auch die Arbeit in Kauf, die die Demenz-WG mit sich bringt. „Wir Angehörige sind in jeder Hinsicht mehr involviert. Aber das Wichtigste ist, dass es der Mama gut geht.“ Und das tut es offensichtlich: „Es sind hier recht nette Leute“, sagt Elisabeth Kuban, die sich als fröhlichen Menschen bezeichnet.

Vieles ist inzwischen aus ihrem Gedächtnis verschwunden, aber sie weiß, wie ihre drei Töchter heißen und sie erinnert sich an die Bombennächte in ihrem Geburtsort Hannover. Nachdem das Zuhause zerbombt war, kam Elisabeth Kuban nach Bayern. Ihr Vater war ein Landschaftsgärtner. Sie vermutet, dass sie deswegen ihren Garten so geliebt hat und jetzt den Balkon mit dem Blick auf die Wiese so mag. „Der Balkon ist Gold wert“, sagt sie noch einmal und lacht. Sie habe viel gelernt über Demenz, seit ihr Vater betroffen sei und seit er hier lebe, sagt Angelika Rupprecht. „Das Leben ist nicht vorbei mit Demenz. Für mich hat die Krankheit ihren Schrecken verloren.“

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