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Alles nur noch digital? „Der persönliche Kontakt ist einfach unerlässlich“

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Von: Sebastian Tauchnitz

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„Lebenslanger Fan“: Markus Nitsch, der neue Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit, verehrt den französischen Maler Marc Chagall. Keine Frage, dass zwei Kunstdrucke von ihm in seinem Büro hängen.
„Lebenslanger Fan“: Markus Nitsch, der neue Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit, verehrt den französischen Maler Marc Chagall. Keine Frage, dass zwei Kunstdrucke von ihm in seinem Büro hängen. © Sebastian Tauchnitz

Seit Anfang Juli hat die Agentur für Arbeit Weilheim, die auch für die Landkreise Garmisch-Partenkirchen, Starnberg, Landsberg am Lech und Fürstenfeldbruck zuständig ist, einen neuen Chef. Im Interview stellt er sich den Lesern vor.

Weilheim – Betritt man das Büro von Markus Nitsch in der Agentur für Arbeit in Weilheim, glaubt man kurz, sich im Gebäude geirrt zu haben. Den spröden Charme einer Amtsstube verströmt hier exakt gar nichts. In warmem Rot erstrahlen zwei der vier Wände, großformatige Chagall-Drucke fangen den Blick ein. Ein ärmelschonertragender Bilderbuchbeamter ist er wohl nicht, der neue Vorsitzende der Geschäftsführung des Agenturbezirks Weilheim. Im Interview mit der Heimatzeitung erzählt der 60-Jährige, warum es ein Vorteil ist, erst Theologe und dann Arbeitsamtschef zu sein, wie man dem Fachkräftemangel begegnen will und warum Digitalisierung doch kein Allheilmittel ist.

Sie sind seit Anfang Juli Chef hier in Weilheim. Sind Sie schon angekommen?

In meiner ersten Woche in Weilheim habe ich mir hier ein Hotelzimmer genommen, bin Abend für Abend durch die Stadt gelaufen. Es ist wichtig, ein Gefühl für die Region zu bekommen, in der man tätig ist. An meinem Arbeitsplatz bin ich mittlerweile auch gut angekommen – das neue Büro ist gerade fertig geworden. Jetzt suche ich noch eine geeignete Stellvertreterin oder einen geeigneten Stellvertreter, aber auch das wird sicher schnell klappen.

Sie sind studierter Theologe, erst vor 20 Jahren wechselten sie den Beruf und gingen zur Agentur für Arbeit – ein krasser Wechsel. Profitieren sie von ihrem „früheren Leben“?

Wenn man sich entscheidet, nicht mehr als Theologe tätig sein zu wollen, ist der Wechsel immer krass – man muss wohl oder übel noch einmal vollkommen neu anfangen. Ich denke aber schon, dass mir die Erfahrungen, die ich damals gemacht habe, heute helfen. Die Beratung von Arbeitsuchenden und Arbeitgebern ist heute immens wichtig. Da schadet ein bisschen Empathie garantiert nicht. Am Ende sind es unsere Erfahrungen, die uns ausmachen und von denen wir profitieren.

Apropos Erfahrungen: Sie haben auch eine Weile für die Agentur für Arbeit in den neuen Bundesländern gearbeitet, zu Zeiten, in denen dort die Arbeitslosenzahlen extrem hoch waren. Was ist schwieriger zu verwalten – der Mangel an Arbeitsplätzen im Osten oder der Mangel an Arbeitskräften in Oberbayern?

Die Unterschiede zwischen der Arbeit in Stendal in Sachsen-Anhalt und in Weilheim in Oberbayern sind durchaus geringer, als man meinen möchte. Der Anteil der Menschen über 50 und die Integration von Langzeitarbeitslosen in den Arbeitsmarkt sind hier wie da Herausforderungen, die wir meistern müssen. Zudem ist das eine wie das andere sehr problematisch.
Man kann natürlich sagen, dass der Arbeitsmarkt hier „gesund“ ist, weil wir eine sehr geringe Arbeitslosenquote haben. Das ist aber immer eine Frage der Perspektive. Ein Schulabgänger, der bei uns zwischen mindestens zwei verschiedenen Ausbildungsplätzen auswählen kann, sagt sicher, das sei ein „gesunder“ Arbeitsmarkt. Das Unternehmen, das deutlich lieber die Auswahl zwischen zwei Bewerbern pro Ausbildungsplatz hätte, sieht das garantiert anders. Der Fachkräftemangel ist ein riesiges Problem.

Zur Person: Markus Nitsch

Seit dem 1. Juli dieses Jahres ist Markus Nitsch neuer Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Weilheim. Zu diesem gehören neben dem Landkreis Weilheim-Schongau auch die Landkreise Landsberg am Lech, Garmisch-Partenkirchen, Starnberg und Fürstenfeldbruck. Damit ist er Chef von insgesamt 509 Mitarbeitern. 207 davon arbeiten direkt bei der Agentur für Arbeit, in den gemeinsamen Einrichtungen mit den kommunalen Trägern – den fünf Jobcentern – sind weitere 296 Mitarbeiter tätig. Dazu kommen noch sechs Nachwuchskräfte.

Der 60-jährige Nitsch hat eine ungewöhnliche Vita. Der gebürtige Münchner studierte Theologie in Bamberg und Frankfurt. Danach arbeitete er elf Jahre lang als Theologe. Darunter zweieinhalb Jahre lang mit drogenabhängigen und alkoholkranken Gefängnisinsassen und fünf Jahre lang im Osten der Türkei. 2001 wechselte er zur Bundesagentur für Arbeit. Vor neun Jahren übernahm er erstmals Leitungsaufgaben von Agenturen, vor Übernahme seiner Aufgabe in Weilheim leitete er die Agentur für Arbeit in Schwandorf in der Oberpfalz.

Was kann man dagegen unternehmen?

Auch hier gibt es keine Patentlösung. Wir versuchen beispielsweise verstärkt, im EU-Ausland Fachkräfte anzuwerben – gerade im Pflegebereich. Allerdings ist das Thema „Fachkräfteanwerbung“ hier im Oberland immer stark damit verbunden, dass die Unternehmen auch gleich dafür sorgen müssen, dass Wohnraum für die Arbeitskräfte bereit steht. Ansonsten gilt es, die bestehenden Potenziale in der Region auszuschöpfen. Konkret geht es um die „Ungelernten“ oder „Wieder Ungelernten“.

Was meinen Sie mit „Wieder ungelernt“?

Das sind Menschen, die zwar irgendwann einmal eine Ausbildung absolviert haben, aber dann so lange nicht mehr in ihrem gelernten Beruf gearbeitet haben, dass sie quasi wieder bei Null anfangen müssen. Deswegen ist Qualifizierung bei uns ein großes Thema – das geht aber nur, wenn die Kunden diesen Weg auch mitgehen wollen. Das A und O ist eine gute Beratung.

Die Agentur für Arbeit stand in der Vergangenheit nicht immer als Synonym für „gute Beratung“, um es mal vorsichtig zu formulieren...

Das ist sicher nicht falsch. Wir arbeiten aber hart daran, dass sich das ändert. Und haben schon viel erreicht. Mein Ziel ist, dass wir so weit kommen wie bei der Berufsberatung. Da kommen die Jugendlichen freiwillig und gern zu uns, in der Gewissheit, dass wir ihnen mit Rat und Tat zur Seite stehen.

Nun ja, freiwillig kommt sicher niemand zur Agentur für Arbeit...

Sie würden sich wundern. Wir sind ein Dienstleister – sowohl für die Beschäftigten als auch für die Arbeitgeber. Und es gibt mittlerweile viele Fälle von Menschen, die einen Job haben, aber dort nicht glücklich sind. Diese kommen zu uns, melden sich „Arbeit suchend“ und schauen sich dann ohne Druck und Sorgen die Angebote an, die wir ihnen unterbreiten können.

Kleine Fangfrage: Geht das auch online?

(Lacht). Ich weiß, worauf Sie hinaus wollen. Aber ich kann Sie beruhigen: Wir haben bei der Digitalisierung unserer Angebote große Fortschritte gemacht. Alle unsere Vermittler haben schon bald die Möglichkeit, auch per Videotelefonie mit den Kunden in Kontakt zu treten. Das ist immens wichtig in einem Flächenlandkreis wie dem unsrigen. Dann müssen die Menschen nicht mehr ständig nach Weilheim kommen, wenn sie das nicht wünschen.
Zudem kann mittlerweile jeder unserer Mitarbeiter auch im Homeoffice arbeiten, von dort aus auf alle Systeme zugreifen. Klar sind wir noch nicht dort, wo wir sein möchten. Da haben wir die gleichen Probleme wie alle anderen auch – durch die Lieferengpässe hat noch nicht jeder ein Laptop. Aber wir gehen den Schritt konsequent weiter. So wollen wir zügig dahin kommen, dass nicht mehr wir die Termine vergeben, sondern sich unsere Kunden die Termine buchen, die ihnen passen.

Also sind wir auf bestem Weg zum „virtuellen Arbeitsamt“?

Das kann und wird nicht das Ziel sein. Denn obgleich Videokonferenzen, Mails und Webanwendungen vieles vereinfachen – für ein Vertrauensverhältnis zwischen Berater und Kunde ist meiner Ansicht nach der persönliche Kontakt unerlässlich. Deswegen raten wir dazu, dass zumindest die Erstgespräche persönlich absolviert werden, um sich kennenzulernen.

Anm. d. Redaktion: Herr Nitsch hatte in seinen Antworten durchgehend gegendert. Aus Gründen der Lesbarkeit hat die Redaktion entschieden, dass wir darauf verzichten. Gemeint sind aber selbstverständlich immer Männer, Frauen und Diverse gleichermaßen.

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