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„Liebe“ heißt das Solo, das Hagen Rether spielt, seit er Kabarett macht – das aber jeden Abend anders ist. Seine letzten Worte in Weilheim: „Seien Sie gut zu Ihren Kindern!“.

Weilheim

War das jetzt Kabarett?

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Weilheim - Hagen Rether forderte sein Publikum im Weilheimer Stadttheater bis kurz vor Mitternacht.

Weilheim – Sie ist verrückt, die Welt, in der wir leben. Das hat nach dem 200-minütigen Vortrag des Kabarettisten Hagen Rether auch der übelste Fleischesser, SUV-Fahrer und Discounter-Kunde im Weilheimer Stadttheater kapiert. Doch allein schon, dass wir alle da sitzen die halbe Freitagnacht, das macht ja wohl Hoffnung: Dass einer wie Rether ständig in ausverkauften Häusern spielt. Einer, der auf „soziale“ Netzwerke pfeift und sich dem Medienzirkus auch sonst weitgehend verweigert. Einer, der keine Show macht, ja nicht einmal ein richtiges Programm bietet.

Der Kabarett-Star huscht bei seinem allerersten Weilheim-Gastspiel auf die Bühne, setzt sich in seinen Bürolehnstuhl am Flügel und redet drauflos. Er redet und redet und redet. „Und sonst? Wie ist die Freiheit?“, grinst er in die vollbesetzten Reihen. Es wirkt wie Plaudern, nicht wie Kabarett. Und ist doch das Schärfste, Durchdachteste, Konsequenteste, das im deutschen Kabarett zurzeit zu erleben ist. Denn dieser asketische Aufklärer, 46, hält sich nicht mit Politikerbeschimpfung auf und nicht mit den Säuen, die medial durchs Dorf getrieben werden. „Läppisch“ findet er, wenn sich Kollegen an Merkel & Co. abarbeiten – und geradezu grotesk das allgemeine Getöse um den jeweils aktuellen Skandal. Wie? Die sind gar nicht ehrlich bei VW? „Was glauben Sie denn“, fragt Rether, „wie man ein Milliardenkonzern wird? Durch Nettsein und Ehrlichkeit?“.

 Für Hagen Rether, der in Bukarest zur Welt kam, in Freiburg aufwuchs und in Essen Heilpraktiker lernte, ehe er an der Folkwang-Kunsthochschule studierte, sind all diese Blähungen nur Stellvertreterkriege, Ablenkung von den wirklich wichtigen Fragen: Dass jeden Tag „eine Fläche wie Köln“ an Regenwald vernichtet wird – „warum regt uns das nicht auf?“. Dass Menschen ständig ihre Smartphones checken und Langeweile „das letzte verbliebene Tabu“ ist – „was ist los mit uns?“. All der Stress, der Druck, die Depressionen, weil Alte unter- und Junge überfordert sind – „warum machen wir das?“.

„Ich versteh’ das nicht...“, schüttelt Rether immer wieder den leicht angegrauten Haarzopf. Und weiß doch, was zu tun ist: Kinder sollen nachmittags um die Häuser ziehen – Computer lerne man später binnen zwei Wochen zu bedienen, „dafür musst du doch nicht deine Jugend vergeuden“. Erwachsene aber sollten erwachsen werden und für ihr Handeln Verantwortung übernehmen: Wer ständig in Urlaub fliege, dürfe sich nicht wundern, wenn er keine Ruhe finde; SUV-Fahrer sollten sich nicht über kleine 80er-Jahre-Parkhäuser beschweren, Fleischesser nicht den Metzger für ihre Gicht verantwortlich machen. Und welche Konzerne andere platt machen, sei bekannt. Ihre Produkte „kann man kaufen oder auch nicht kaufen“.

„Unsere Schuhe machen Leute, die selber keine anhaben“: Wenn Rether den Irrsinn auf den Punkt bringt, wird es still im Theater. Und doch gibt es viel zu lachen bei diesem wunderlichen Künstler, der auf der Bühne Banane isst, der mitten im Redeschwall eine Viertelstunde den Flügel poliert, auf dem er fast nicht spielt, der erst nach zwei Stunden „Begrüßung“ Pause macht und dann bis kurz vor Mitternacht weiterredet. Der Veganer Rether wirkt am Ende erstaunlich frisch, das Publikum ist fertig – und wollte doch keinen Satz versäumt haben.

Magnus Reitinger

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