Besuch im Anbindestall:  BBV-Kreisobmann Wolfgang Scholz, Bäuerin Theresa Huber, BBV-Geschäftsführer Thomas Müller, Annalena Huber, Vize-Kreisobmann Martin Huber, Richard Huber sen. und Bauer Richard Huber.

Bauerbach

Kleinbauern – gefangen im Teufelskreis

In etwa 50 Prozent der Milchviehbetriebe in Bayern werden Rinder angebunden gehalten. Verbraucher sehen das zunehmend nicht mit dem Tierwohl vereinbar. Das setzt eine Spirale in Gang, an deren Ende stehen könnte, dass Betrieben mit Anbindehaltung weniger für ihre Milch gezahlt wird. Nur: Selbst wenn sie wollen – Laufställe und -höfe sind für viele Betriebe kaum möglich.

Schnurstracks geht Richard Huber durch seinen Anbindestall – vorbei an dem Kalb, das eine Stunde zuvor geboren ist. Vorbei auch an den fixierten Kühen, die – wie das in derartigen Ställen gebräuchlich ist – ihren Platz oft ein Leben lang nicht verlassen. Der Bauerbacher Landwirt und seine Familie sind auf dem Weg in den Laufstall, den die Kleinbauern erst vor drei Jahren weitgehend in Eigenleistung gebaut haben. Dort können einige ihrer 65 Kühe sich freier bewegen. Der Betrieb im Wielenbacher Ortsteil möchte seinen Tieren so mehr Lebensqualität bescheren.

Und damit soll nicht das Ende erreicht sein. Denn Anbindehaltung wird unter Verbrauchern zunehmend weniger geduldet. Darauf deuten Verbraucherstudien des Handels hin. Der wiederum lotet nun über die Molkereien aus, wie Milch von Tieren aus Anbindehaltung sukzessive vermeidbar wäre. Manche Molkereien denken bereits darüber nach, für solche Milch weniger zu zahlen (siehe Kasten). Fünf Molkereiverbände in Bayern und Baden-Württemberg fordern gar ein Verbot der Anbindehaltung bis 2030. Das Problem ist nur: Etwa 50 Prozent der bayerischen Landwirtschaftsbetriebe arbeiten damit. Ganzjährig oder saisonal.

Nicht nur für Familie Huber, sondern für viele kleinbäuerliche Betriebe wären Preiseinschnitte oder Verbote demnach existenzbedrohend. „Es ist dramatisch, dass Gesellschaft und Einzelhandel die Molkereien dazu bringen, keine Milch mehr von Betrieben mit Anbindehaltung zu nehmen“, sagt Wolfgang Scholz, Kreisobmann vom Bayerischen Bauernverband. Er sei ja gar nicht gegen höhere Umweltstandards, er wolle nur darauf aufmerksam machen, welche Probleme das bereite – gerade für kleinbäuerliche Betriebe, die in kleinen Dorfkernen kaum anbauen könnten. Viele hätten zudem nicht das Geld, um Laufställe oder Laufhöfe zu bauen.

Oder aber stoßen wie im Fall von Richard Huber auf hohe Hürden bei Baugenehmigungen. Weil den Landwirten das Tierwohl wichtig ist, wollen sie einen Laufhof bauen. Ein eingezäunter Bereich im Freien, wo die Rinder nicht nur mehr Bewegungsfreiheit bekommen, sondern auch im Freien sein können. Seit etwa zwei Jahren kämpfen er und seine Frau an der Seite des Bauernverbandes um die Genehmigung für den Laufhof. Doch sowohl Gemeinde als auch Landratsamt sagen bislang Nein. Stattdessen gestattete die Gemeinde den Bau eines Wohnhauses. Nur 18 Meter vom Laufstall entfernt. Würde nun ein Laufhof gewährt und gebaut, stieße der fast an das neue Wohnhaus, das seit etwa einem Jahr steht. „Ich kann es nicht verstehen. Der Betrieb war immer schon hier und jetzt sollen wir gefühlt hier weg“, sagt Huber.

Auch eine Weidehaltung abseits des Hofes wäre kaum eine Alternative. Die Straßen würden beschmutzt, es brauchte neue Infrastruktur, der Aufwand wäre immens.

Scholz vom Bauernverband kennt diese Probleme von vielen Landwirten. Er sagt, der technische Umweltschutz im Landratsamt habe da Ermessensspielraum. Deshalb wünsche sich der Bauernverband, dass er diesen im Sinne der Landwirte nutzt.

Doch wie so oft – so einfach ist es nicht. Das Problem liege in solchen Fällen vor allem bei Geruchsemissionen, sagt Anton Brücklmayr, Sachbereichsleiter beim technischen Umweltschutz im Landratsamt Weilheim-Schongau. „Dann spielen Faktoren wie die Anzahl der Tiere, die Stallform, das Belüftungssystem und die Güllelagerung eine Rolle.“

Zwar sei es schon so, dass der berücksichtigt werde, der zuerst an einem Ort sei, doch könne man schlecht schätzen, wer wann Bauvorhaben entwickle.

Im Fall von Familie Huber bedeutet das, sie muss sich bei der Laufhofgenehmigung nach den benachbarten Wohnhauseigentümern richten und Einschränkungen akzeptieren. Denn offenbar waren Richard und Theresa Huber zu spät dran. Hätten sie vor der Genehmigung des Nachbarhauses die Absicht, einen Laufhof zu bauen, geäußert, hätte wiederum der benachbarte Bauherr die Einschränkungen oder sogar die Bauverweigerung hinnehmen müssen. So jedenfalls schildert es der technische Umweltschutz.

Doch klar ist: Eine Lösung braucht es. Für den jahrhundertealten Betrieb der Hubers geht es um nicht weniger als die Existenz.

Christoph Zempel

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