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Katharina  hat ihr Hobby zum Beruf gemacht und ist Musikerin geworden.

Eine Hochbegabte auf der Suche

Nicht normal, aber glücklich

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Katharina war nie wie andere Kinder in ihrem Alter. Weil sie hochbegabt ist, war sie oft außen vor. Mit der Zeit lernte sie, damit umzugehen. Heute ist sie stolz darauf, anders zu sein.

Musikgenie, Hochbegabte, Küken: In ihrer Kindheit und Jugend war Katharina vieles. Nur das, was sie am liebsten gewesen wäre, war sie nicht: einfach ganz normal. Heute, mit 23, hat sie das akzeptiert – und ist statt normal lieber glücklich.

Katharina merkte früh, dass sie anders ist als andere. Als kleines Mädchen machte sie einen IQ-Test, der ihr Gefühl belegte. Das Ergebnis: 138. Katharina ist hochbegabt. Doch diese Bewertung war ihr nie wichtig, sie bildete sich nichts darauf ein. Trotzdem gibt sie zu, dass früher einige Klischees auf sie zutrafen. Das Vorurteil, dass Hochbegabte Probleme haben, soziale Kontakte zu knüpfen, erfüllte sie damals. „Kinder merken sehr intuitiv, ob jemand anders ist. Ich war im Kindergarten oft der Außenseiter.“

Mit sechs hatte sie ihren ersten Auftritt

Schon in dieser Phase half ihr die Musik sehr. Dieses Talent ist ihr in die Wiege gelegt worden – oder besser auf die Spieldecke. Katharinas Mutter Eva ist Klavierpädagogin. „Und die Decke lag schon immer neben ihr auf dem Boden.“ Obwohl Klavier naheliegend gewesen wäre, begann Katharina im Alter von vier Jahren Geige zu spielen. „Die singt schön, habe ich immer gesagt.“ Unterricht nahm sie in München; ihre Mutter förderte sie, aber überforderte sie nicht, betont Katharina. Mit sechs hatte sie ihren ersten öffentlichen Auftritt, Konzerte und Projekte folgten, acht Jahre stand sie bei „Jugend musiziert“ auf der Bühne. Doch schon im Kindergarten entdeckte Katharina noch etwas anderes: Sie will Musik nicht nur spielen, sondern auch schreiben. „Ich hatte sehr früh Melodien im Kopf, wie andere eben Kinderlieder“, sagt sie. Im Vorschulalter entstand ihre erste Komposition. Das Thema: die Angst vor dem Nachbarshund.

Ihr musikalisches Talent machte die Schulzeit für Katharina nicht einfacher. Im Gegenteil, es verstärkte ihre Außenseiterrolle. Das war für sie mal mehr, mal weniger schwierig. In die erste Klasse an der Grundschule Wielenbach ging sie nur vier Tage. Lesen, schreiben, rechnen bis 20 – all das hatte sie sich bereits im Vorschulalter selbst beigebracht. Daher saß sie ab dem fünften Tag in der zweiten Klasse. Aus dieser Zeit ist ihr ein Vorfall auf dem Schulhof besonders im Gedächtnis geblieben: „In der Pause haben sich zwei Jungs geprügelt, was für mich völlig unverständlich war. Ich habe gefragt, warum die beiden nicht einfach miteinander reden“, erzählt Katharina heute. Die Lehrerin konnte damals die für ein sechsjähriges Mädchen untypische Reaktion nicht nachvollziehen und zweifelte kurzzeitig daran, ob Katharina reif genug für das zweite Schuljahr sei. Katharinas Mutter beschwichtigte sie.

Früh übt sich: Mit vier Jahren begann Katharina, Geige zu spielen.

Nach dem Übertritt ans Gymnasium in Tutzing am Starnberger See merkte Katharina schnell, dass sich der häufige Nachmittagsunterricht im G8 nicht mit ihrem Übungspensum vereinbaren ließ – und übersprang kurzerhand die sechste Klasse, um ins alte Gymnasialsystem zu rutschen. Aber dadurch wurde es noch schwerer für Katharina. In der siebten Klasse, als ihre Mitschüler mit pubertären Problemen wie Stimmungsschwankungen und den ersten Pickeln zu kämpfen hatten, war sie ein zehnjähriges Mädchen. Intelligent zwar, aber trotzdem das Küken. „Zwischen den anderen und mir lag damals eine Wahnsinns-Diskrepanz.“ Manchmal hatte sie mit Mobbing zu kämpfen, oft mit Unverständnis. „Ich kapierte nicht, warum diese oder jene Klamottenmarke so wichtig war.“ Sie war unglücklich, hatte nur einen Wunsch: „Ich wollte einfach nur normal sein. Nicht die Hochbegabte auf dem Sockel.”

Der Zufall spielt Katharina – wie so oft, wie sie sagt – in die Hände. Mit elf entdeckte sie in einer Musikzeitung die Ausschreibung eines Komponierwettbewerbs. „Ich fand das spannend, dachte, das versuche ich einfach mal“, sagt sie. Eingeschickt hat sie das Werk „Zahnschmerzenblues“, vierhändig an einem Klavier. Leider eine Themaverfehlung. Das Stück hätte für zwei Instrumente sein müssen. Beeindruckt war die Jury trotzdem von der Leistung der Elfjährigen, und lud das Mädchen kurzerhand zum Vorspielen ein. Die positive Kritik beflügelte Katharina.

Drei Mal übersprang Katharina eine Klasse

Doch gleichzeitig hatte sie das Gefühl, an der Geige nicht mehr so recht vorwärts zu kommen. Katharina grübelte, stellte ihr Tun infrage, anstatt, wie sie rückblickend sagt, „dieses glatte, wettbewerbsorientierte Geigenmädchenleben“ weiter voranzutreiben. Heute ist Katharina froh, dass sie den Schritt gewagt hat, den Fokus vom Geigenspiel aufs Komponieren zu verschieben. „Ich hatte einfach das dringende Bedürfnis, mich auszudrücken.“ Katharinas Hartnäckigkeit wurde belohnt und ihr Können langsam bekannt. Sie nahm Unterricht bei namhaften Komponisten. Die behandelten sie als ernstzunehmende Musikerin, nicht als das kleine Mädchen, wie es ihre Mitschüler taten.

Zu Beginn der Oberstufe wechselte Katharina noch einmal die Schule, ging nach Weilheim und übersprang dort erneut eine Stufe – zum dritten Mal. Mit 14 Jahren war sie in der zwölften Klasse. Das „Kükenphänomen“, wie Katharina es nennt, war stärker als je zuvor. An der Abschlussfahrt nach Wien durfte sie nicht teilnehmen, weil sie zu jung war. Einen Tag nach der ersten Abiprüfung feierte Katharina ihren 16. Geburtstag.

Trotz der guten Noten und ihrem Talent wusste sie nicht, was sie nach ihrem Abschluss machen will. „Ich interessierte mich für vieles, fand die unterschiedlichsten Richtungen spannend.“ Ihr Schlüsselerlebnis war eine Streicherfreizeit in den Sommerferien. „Die Dozenten, die dort mit den Jugendlichen musiziert haben, haben mich sehr inspiriert. Ihre Leidenschaft, wie glücklich sie waren – ich wusste plötzlich, dass es das ist, was ich auch möchte“, erinnert sich Katharina.

Mit 20 lernte sie sich zu akzeptieren

Sie ging nach München an die Musikhochschule, um Geige und Komposition zu studieren. Doch obwohl sie sich für diesen Weg entschieden hatte, fiel ihr das Studium lange schwer. Natürlich war sie dort wieder die Jüngste, hatte deshalb lange das Gefühl, ihren Kommilitonen permanent beweisen zu müssen, dass sie es verdient habe, an der Uni zu sein. „Ich versuchte zwanghaft, in diese Schablone zu passen. Ich wollte es allen zeigen, aber verkrampfte dabei total.“ Sie machte sich selbst viel Druck. Doch hielt ihm stand.

„Ich bin anders.“ Mit Anfang 20 lernte Katharina, das zu akzeptieren. Wenn sie das heute sagt, schwingt Stolz in ihrer Stimme mit. Doch trotz ihrer Begabung kämpfte sie lange mit Versagensängsten und dem Gefühl, nicht normal zu sein und den Ansprüchen der anderen nicht zu genügen. Mittlerweile hat Katharina ihren eigenen Weg gefunden – und ist glücklich.

Parallel zum Kompositionsstudium machte sie ein Pädagogikdiplom in Geige, um das Instrument unterrichten zu können. An das anschließende künstlerische Diplom hängte sie einen Master in Geige. Seit sie 18 ist, arbeitet sie parallel zum Studium freiberuflich als Musikerin und Komponistin. Sie schreibt zeitgenössische Stücke, komponiert für Tanz- und Musiktheater und ist mit ihren Projekten deutschlandweit unterwegs. „Das ist für mich das größte Geschenk: Ich konnte meine Leidenschaft zum Beruf machen.“

Über die Jahre hat sich Katharina in Musikerkreisen ein Netzwerk aufgebaut, das ihr Halt gibt. Mit 23 verließ sie München und ihre oberbayerische Heimat zum ersten Mal und zog zu ihrem Freund nach Freiburg. Das war der letzte große Schritt, um sich abzunabeln und das Kükennest endgültig hinter sich zu lassen. Was sie dort genau machen wird, weiß sie noch nicht. „Es ergibt sich schon irgendwas – hat sich bis jetzt ja immer“, sagt sie optimistisch. In ihrem Kopf entstehen permanent neue Ideen. „Langweilig wird mir mit der Musik nie.“

Der Kindheitswunsch ist in Erfüllung gegangen

Wenn Katharina von ihrem Leben erzählt, nennt sie viele der Erlebnisse und Entscheidungen, die ihren Weg geprägt haben, „lustige Situationen“ und „verrückte Zufälle“. Irgendwie hat immer eins das andere ergeben und sie so dahin gebracht, wo sie heute ist. Ihre Hochbegabung und das musikalische Talent sind für sie selbst nichts Besonderes – sie kennt es ja nicht anders. Trotzdem ist sie sich ihrer Stärken mittlerweile bewusst. Rückblickend stellt Katharina aber fest, dass ihr Weg bis jetzt wohl nicht rein zufällig verlaufen ist. „Bei einer Hausaufgabe zum Thema Berufswunsch habe ich schon in der Grundschule geschrieben, dass ich Komponistin werde.“ Normalerweise gehen Kindheitsträume selten in Erfüllung. Heute ist Katharina froh, nicht ganz normal zu sein – aber dafür glücklich.

Stichwort Küken: Im Gespräch hat sich die Autorin oft wiedergefunden. Zuhause ist sie die älteste von drei Schwestern.

Magdalena Höcherl, 24, Volontärin beim Isar-Loisachboten

Alter, die Jugend! Eine Volontärs-Beilage

Dieser Text ist Teil der Beilage „Alter, die Jugend!“. Die Volontäre von Münchner Merkur, tz und Merkur.de haben sich auf die Suche nach Geschichten gemacht, die das Verhältnis der jungen Leute zum Alter und anders herum erzählen. Hier geht es zum Überblick über alle Artikel.

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