„Ansonsten wäre ich wohl gestorben“

- Wolfratshausen – Die Knochenmarkspende kam aus Schweden. Genauer gesagt aus Uppsala. Mehr weiß Guido Bürger nicht – und das will er auch nicht. Vor zehn Jahren wurde ein Spender gefunden – nach einer bis dahin beispiellosen Hilfsaktion unserer Zeitung.

von ines grabe <P>Als Guido Bürger zehn Jahre alt war, wurde bei dem heute 33-Jährigen Aplastische Anämie diagnostiziert. Es folgten unzählige Krankenhausaufenthalte, verschiedene Therapien und Behandlungen &#8211; &#8222;langfristig hat nichts geholfen&#8220;. Trotz der seelischen und körperlichen Belastungen absolvierte der Wolfratshauser die Realschule sowie eine Ausbildung zum Industriekaufmann. Im Anschluss wurde der damals 19-Jährige von der Krankenkasse als erwerbsunfähig eingestuft. &#8222;Von da an ging es bergab&#8220;, erinnert sich Bürger, der &#8211; jetzt kerngesund &#8211; in seinem Biedermeiersessel sitzt. <P>&#8222;Die Chance steht eins zu 80 Millionen&#8220; <P>Im Frühjahr 1995 wandten sich seine Eltern an den Isar-Loisachboten/Geretsrieder Merkur. Unsere Zeitung rief die Leser in einer bis dahin beispiellosen Aktion dazu auf, sich als Knochenmark-Spender typisieren zu lassen. &#8222;Die Chance, jemanden zu finden, steht eins zu 80 Millionen&#8220;, erklärt der Wolfratshauser. Guido Bürger hatte Glück: Über eine weltweit existierende Spenderdatei wurde &#8222;in letzter Minute&#8220; ein passender Spender gefunden. Kurz vor dem Eingriff ging Bürger zum Friseur und ließ sich eine Glatze rasieren. Durch die Chemotherapie, die vor dem Eingriff stand, wären die Haare ohnehin ausgefallen. <P>Vor genau zehn Jahren, Ende Januar 1996, wurde ihm das lebensnotwendige Knochenmark transplantiert. Sein Körper nahm es an: &#8222;Ansonsten wäre ich wohl gestorben&#8220;, sagt er ruhig und gefasst. &#8222;Es stand spitz auf Knopf.&#8220; Angst vor dem Tod hatte er nicht. &#8222;Das Leid wäre endlich vorbei gewesen&#8220;, blickt er zurück. Vier Wochen lag Bürger im Klinikum Großhadern. Seither ist er &#8222;Augenfetischist&#8220;: Alle, die ihn damals besuchten, trugen einen Mundschutz und eine Kopfbedeckung. So habe er gelernt, von den Augen zu lesen. Seitdem schaut er zuerst in die Augen, dem &#8222;Tor zur Seele&#8220;. <P>Ende Februar 1996 wurde er aus der Klinik entlassen. Von da an pflegten ihn seine Eltern. &#8222;Mama flößte mir Haferbrei ein&#8220;, erinnert er sich. Im April war es endlich soweit: Der damals 23-Jährige startete in sein &#8222;zweites <P>Viele Freunde wendeten sich von ihm ab <P>Leben&#8220;. Sein größter Wunsch war: &#8222;Eine Nase voll Pferdegeruch.&#8220; Die Gedanken an sein Lieblingspferd Artos haben ihn am Leben gehalten, resümiert er. <P>Während seiner Krankheitsphase habe er gelernt, &#8222;dass der Mensch an sich schlecht ist&#8220;. Viele Freunde hat er gehen sehen &#8211; nur wenige sind ihm in der schweren Zeit geblieben. &#8222;Sie sind die wahren&#8220;, sagt er mit fester Stimme. Und seine Mutter, die er &#8222;über alles liebt&#8220;. <P>Heute fühlt er sich &#8222;rotzewohl&#8220; <P>Schritt für Schritt fasste Guido Bürger wieder Fuß. Er nahm seine Tätigkeit als Industriekaufmann auf und zog nach München. Er lebt wieder im elterlichen Haus und fühlt sich heute &#8222;rotzewohl&#8220;. Seit zwei Jahren ist er als Teamleiter in einem Münchner Callcenter tätig. Obendrein reist er gerne. &#8222;Am liebsten nach Skandinavien&#8220;, schwärmt Bürger. Vielleicht hängt dass mit seinem Knochenmark-Spender zusammen. Schließlich kam der aus Uppsala in Schweden. <P>

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