„Ich wollte ein Mahnmal setzen“

- Seit kurzem ziert den neu gestalteten Karl-Lederer-Platz in Geretsried eine Säule. Es ist das Meisterstück des Bildhauers Claudio Josef Canella.

von claudia koestler <P>Geretsried &#8211; Der sonst so freundlich-offene Mensch verzieht ein wenig die Mundwinkel, wenn man ihn mit Künstler anspricht: &#8222;So würde ich mich nicht bezeichnen&#8220;, sagt Claudio Josef Canella. Das Wort verbinde man doch meist mit etwas exzentrischen Zeitgenossen. &#8222;Ich bin einfach ein Steinbildhauer&#8220;, stellt der Münchner fest, dessen gut zwei Meter hohe Säule aus hellem Juragestein am Brunnenrand schräg vor dem Geretsrieder Rathaus steht. &#8222;1993 habe ich das Stück zur Meisterprüfung gefertigt&#8220;, erzählt Canella, 120 Stunden reine Handarbeit mit Hammer und Meißel stecken in dem Werk. <P>Die Stele soll auch ein Stückchen Zeitgeschichte widerspiegeln: &#8222;Damals war eine Zeit, als in Deutschland wieder Asylantenheime brannten. Ich wollte damit ein Mahnmal setzen&#8220;, sagt der Bildhauer. Seine Familie sei eine &#8222;europäische Mischung&#8220;, er selbst ist halber Italiener, seine Frau Schweizerin. &#8222;Wir sollten nicht vergessen, dass wir im nächsten Land schon selber Ausländer sind, und Solidarität, Friede und Freiheit unverzichtbar sind&#8220;, sagt Canella. Deshalb soll die Säule als Denkanstoß dienen. Am oberen Ende züngeln Flammen, darunter steht in Deutsch, Italienisch, Französisch, Englisch, Russisch, Hebräisch und Arabisch eingemeißelt der Spruch &#8222;Wir sind alle Ausländer, fast überall&#8220;. <P>&#8222;Ich hoffe natürlich, dass der Text auch in den Übersetzungen stimmt&#8220;, sagt Canella und lacht. Seiner Meinung nach stammt der Spruch aus einem Stück Goethes. &#8222;Ein Freund hat ihn mir mal als Zitat aus einem Bühnenstück mitgebracht.&#8220; Doch obwohl die Säule mit ihrer Inschrift lange Zeit im Goethe-Institut in Prien stand, bezweifeln die Mitarbeiter dort die Urheberschaft Goethes. &#8222;Nicht nachweisbar in Goethes Zitatensammlung noch in den Archiven&#8220; erfährt man dort auf Nachfrage. Wahrscheinlicher ist deshalb, dass der Spruch aus dem Volksmund stammt. &#8222;Aber wer auch immer den Satz prägte, er bleibt schließlich wahr&#8220;, so Canella. <P>Inzwischen führt er einen eigenen Steinmetzbetrieb in Oberschleißheim. <P>Vom Goethe-Institut ging die Säule vor einigen Jahren nach Gelting zum Steinmetzbetrieb Hirschberger, wo Canella in jungen Jahren gearbeitet hatte. &#8222;Dort ist das Stück dann von der Geretsrieder Bürgermeisterin entdeckt worden, die es unbedingt haben wollte&#8220;, erzählt Canella. Trotzdem hat er seine Arbeit mit einem lachenden und einem weinenden Auge verkauft: &#8222;Mir war vor allem wichtig, dass die Säule an einem guten Platz kommt und nicht nur als Hundeklo fungiert&#8220;, sagt er und lacht. &#8222;Aber jetzt erfüllt sie auf dem Karl-Lederer-Platz wirklich einen Sinn.&#8220; <P>

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