+
Auf Tour durch Deutschland: Maurice aus Düren ist ein Bäcker, der durch die Lande zieht. Das ist untypisch, normalerweise kennt man das nur von Zimmerern. Bis 1. Mai macht er Stopp beim Schmid-Bäck in Geretsried.

800 Jahre alte Tradition

Ohne Handy, ohne Auto: Maurice ist auf der Walz

Geretsried - Seit einem Jahr reist Maurice aus Düren (Nordrhein-Westfalen) durch die Lande. Ohne Auto, ohne Handy, nicht mal öffentliche Verkehrsmittel darf er nutzen. Der Bäckergeselle aus dem Rheinland ist auf der Walz. Gerade macht er Halt beim Schmid-Bäck in Geretsried.

Seit dem 12. Jahrhundert ziehen junge Handwerker durchs Land, um andere Regionen und neue Fertigkeiten in ihrem Fach kennen zu lernen. Die Wanderjahre, auch Walz genannt, waren damals Voraussetzung für den Beginn einer Meisterprüfung. Anfang des 20. Jahrhunderts lag die Zahl der Wandergesellen im vierstelligen Bereich. Heute, schätzt Maurice, sind es noch 500 bis 600. Der 22-Jährige ist einer von ihnen.

„Jeder, der ein traditionelles Handwerk gelernt hat, darf auf die Walz gehen“, erklärt der Wandergeselle, der seinen Nachnamen während der Wanderschaft ablegen muss. Dazu gehören unter anderem Gold- und Hufschmiede, Dachdecker, Zimmerleute – und Bäcker wie Maurice.

Vor einem Jahr ist er aufgebrochen. Die ersten eineinhalb Monate wurde er von seinem Altgesellen Albert begleitet, den er auf einer Sommerbaustelle kennen gelernt hatte. Wie es Brauch ist, holte Albert seinen Schützling von zu Hause ab. Davor findet jedoch eine große Abschiedsfeier statt, zu der der Wandergeselle in spe seine Familie und Freunde einlädt. Tags drauf verbuddelt er vor dem Ortsschild seiner Heimat eine Flasche Schnaps im Erdboden, die er vorher halb leer getrunken hat. 80 Zentimeter Tiefe muss das Loch haben. Hilfsmittel gibt’s keine. „Vielleicht schmeißt Dir einer einen Teelöffel hin“, scherzt Maurice. Der Rest wird mit den Händen gegraben. Dann klettert der Geselle auf das Ortsschild, bleibt kurz darauf sitzen, wirft einen letzten Blick auf sein Dorf und marschiert los. „Zurückschauen ist verboten“, erklärt Maurice. „Auch, wenn Dir Dein bester Freund hinterherruft.“

Seitdem ist Maurice zu Fuß unterwegs oder per Anhalter. Öffentliche Verkehrsmittel wie Bus und Bahn, sind nicht erlaubt. „Die gab es im Mittelalter ja auch nicht“, sagt der Rheinländer. Auch sein Handy musste er zu Hause lassen. Schwer fällt ihm der Entzug aber nicht. Maurice hat einen für sich viel wertvolleren Besitz: sein Wanderbuch. Darin notiert er alle Stationen seiner Reise. „In jeder Stadt hole ich mir einen Stempel im Rathaus oder bei der Polizei“, sagt er. Den ersten bekam er in Kerpen. Maurice blättert eine Seite weiter, auf der eine Landkarte abgebildet und ein roter Kreis eingezeichnet ist. Im Umkreis von 50 Kilometern darf er sich seiner Heimat während der drei Wanderjahre nicht nähern.

Seit sechs Wochen haust Maurice bei den Schmids ins Geretsried und steht bei ihnen in der Backstube. Den Kontakt zu Bäcker Ludwig stellte ein befreundeter Kollege aus Fürth her, wo der Dürener zuvor wohnte. Normal ist das nicht. „Eigentlich sind die Bäcker unvorbereitet, wenn ich an der Tür klopfe“, sagt er. Deshalb hat er auch schon die ein oder andere Abfuhr bekommen. Maurice macht sich nichts draus. „Wenn der Erste keine Arbeit hat, dann hat der Dritte welche“, sagt er sich.

Manche Tage und Nächte verbringt der Wandergeselle unter freiem Himmel, Sommer wie Winter. Gegen Kälte schützt ihn sein Schlafsack und seiner Traditionskluft. „Ich muss auf den ersten Blick als Wandergeselle erkennbar sein“, sagt er.

Obenrum trägt Maurice ein weißes Hemd, der Kragen ist eingeschlagen. Das Zeichen dafür, dass er freireisend ist. Darüber eine Weste mit acht Perlmuttknöpfen. Die stehen für acht Stunden Arbeit am Tag. Die sechs Knöpfe an der Jacke stehen für sechs Tage in der Woche, die drei Knöpfe an jedem Ärmel für drei Jahre Ausbildung und für drei Jahre Wanderschaft. Was nicht fehlen darf, ist der Hut. Den hat ein Wandergeselle immer auf dem Kopf. Außer beim Essen, in der Kirche, in der Backstube – und unter der Dusche.

Am 1. Mai will Maurice weiterziehen. Sein nächstes Ziel ist Berlin. Danach will er ins Ausland reisen. Schweden, Rumänien und Argentinien stehen auf der Wunschliste. Maximal drei Monate darf der Wandergeselle an einem Ort verweilen. „Denn wenn der Hund nicht mehr bellt und der Postbote dich beim Namen kennt, dann ist es Zeit, weiterzuziehen.“

von Alessandro Capasso

Auch interessant

Kommentare