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Nach der Neugestaltung des Hauptplatzes sind alle Verkehrsteilnehmer gleichberechtigt. Der Geretsrieder Stadtrat besuchte Landsberg kürzlich und ließ sich Vor- und Nachteile schildern. 

Beispiel Landsberg am Lech

Stadtzentrum: „Aufenthaltsqualität hat sich erhöht“

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Geretsried – Die Stadt Landsberg am Lech hat es vorgemacht: 2012 und 2013 hat die Kommune ihren zentralen Stadtplatz saniert und über das „Shared-Space“-Prinzip verkehrsberuhigt. Auch in Geretsried gehen die Planungen im Rahmen der Neugestaltung des Stadtzentrums in diese Richtung. In Landsberg fällt das Fazit nach fünf Jahren der Erprobung insgesamt positiv aus. „Die Fußgänger stehen im Vordergrund, der Lärm hat sich verändert und die Aufenthaltsqualität hat sich deutlich erhöht“, sagt Oberbürgermeister Mathias Neuner im Gespräch mit unserer Zeitung.

Jede Veränderung des Platzes wurde von den Bürgern begleitet

Mathias Neuner: Oberbürgermeister von Landsberg am Lech

Der Hauptplatz ist das pulsierende Herz der 28 000-Einwohner-Stadt. Er ist baulich und historisch der Mittelpunkt, Identifikationsfigur des städtischen Lebens und wichtig für die Landsberger. Jede Veränderung dieses Platzes wurde von den Bürgern begleitet: Es gab drei Bürgerentscheide und ein Ratsbegehren. „Durch das erfolgreich abgeschlossene Ratsbegehren 2009 haben die Landsberger einer Neugestaltung des Hauptplatzes unter bestimmten Voraussetzungen zugestimmt“, berichtet der Oberbürgermeister. Wichtigstes Anliegen: Die Aufenthaltsqualität sollte sich durch eine Reduzierung des Lärms deutlich verbessern. Vor allem am Hauptplatz herrschte mit 17 000 gezählten Fahrzeugen pro Tag ein hohes Verkehrsaufkommen. Außerdem sollte der Platz barrierefrei und gut begehbar sein, Fußgänger und Fahrradfahrer deutlich mehr Raum bekommen. „Diese Anforderungen waren damit verbunden, einen Architektenwettbewerb durchzuführen“, erklärt Neuner. Auch die Meinung der Landsberger war gefragt: In mehreren Bürgerbeteiligungen flossen ihre Vorschläge in die Planung mit ein.

Stadtmarketing-Aktion „Schee gmiatlich“ erklärt „Shared Space“-Konzept 

Baustelle im Zentrum: Während der Bauarbeiten musste der Hauptplatz in Landsberg für den Verkehr für mehrere Monate komplett gesperrt werden.

Der Umbau des Hauptplatzes fand von April 2012 bis September 2013 statt. Neuner: „In beiden Jahren musste der Hauptplatz für den Verkehr für mehrere Monate komplett gesperrt werden.“ Eingeweiht wurde der Platz mit einem großen Fest. Anschließend setzte sich der Stadtrat mehrmals mit dem Hauptplatz und den Auswirkungen des „Shared Space“ auseinander. „Es wurden zusätzliche Zebrastreifen und Ampeln beantragt, die dann aber nicht beschlossen wurden“, berichtet der Oberbürgermeister Aber: Inoffizielle Hinweisschilder an beiden Eingängen des Hauptplatzes weisen darauf hin, dass dort möglichst nur mit Tempo 20 gefahren werden soll. Zur Erklärung: Da die Straße als Durchfahrtsstraße eingestuft ist, konnte kein Tempo 20 angeordnet werden. Um die Nutzer des Platzes mit dem Gedanken des gegenseitigen Respekts stärker vertraut zu machen, wurde Anfang 2015 die Stadtmarketing-Aktion „Schee gmiatlich“ ins Leben gerufen.

Parkplätze auf ein Minimum beschränkt

Ein wichtiges Thema bei der Planung war, die Parkplätze am Hauptplatz auf ein Minimum zu beschränken. Im selben Zeitraum wurden laut Neuner die Gebühren für die Parkgaragen „deutlich“ erhöht. „Diese beiden Umstände führten zu starken Diskussionen und Protesten.“ Die gerade erhöhten Parkgebühren seien wieder leicht gesenkt worden.

Anfangs polarisierte der Platz – die Stadt reagierte

Eine große, gepflasterte Fläche, fehlende Parkplätze, viele Wildparker, das mobile Stadtmobiliar und Probleme beim Queren der Straße mit Rollator, Rollstuhl und Kinderwagen: Anfangs polarisierte der neue Hauptplatz – und die Stadt reagierte. Die Kommune ließ die Kanten der Rinnen glätten. „Sie wurden gefräst, damit man die Straße leichter überquert werden kann“, berichtet der Oberbürgermeister. „Den Wildparkern wurden Blumenkästen entgegengesetzt.“

So sah der Hauptplatz mit Kopfsteinpflaster und Parkbuchten vor dem Umbau aus.

Verkehr fließt langsamer

Ein Großteil der Landsberger erfreut sich laut Neuner an dem neuen Hauptplatz. Der Verkehr sei zwar nicht wesentlich weniger geworden, aber er fließe langsamer. Die Überquerung der Straße erfordere etwas mehr Selbstbewusstsein. Doch die Autofahrer seien „überwiegend“ darauf eingestellt und würden die Fußgänger bereitwillig über die Straße lassen, so der Oberbürgermeister. Ortsfremde passen sich laut Neuner schnell an die Situation an. „In Landsberg am Lech hat sich die Situation im Vergleich zu früher, als das Auto den Platz dominierte, grundlegend geändert. Die prognostizierte Flut an Unfällen mit Personenschäden ist ausgeblieben.“

Was bedeutet „Shared Space“?

Der englische Begriff „Shared Space“ (auf deutsch „geteilter Raum“) bezeichnet eine Planungsphilosophie, die von Hans Monderman, einem niederländischen Verkehrswissenschaftler, entwickelt wurde. Sie dient der Verkehrsberuhigung durch eine entsprechende Gestaltung des öffentlichen Raums, in dem alle Verkehrsteilnehmer gleichberechtigt sind. Im „Shared Space“ gibt es keine Ampeln, keine abgetrennten Bordsteine und keine Schilder. Die Straßenverkehrsordnung kennt keine „Shared Space“-Verkehrsregelung. Stattdessen wird an die gegenseitige Rücksichtnahme aller Verkehrsteilnehmer appelliert (Grundprinzip aus Paragraph 1 der Straßenverkehrsordnung).

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