Joachim Zeune: Der Forscher sprach über eine mögliche Rekonstruktion der Wolfratshauser Burg. Foto: archiv

Burgverein: Ein Experte macht Mut

Wolfratshausen - Die Wolfratshauser Burg könnte virtuell rekonstruiert werden, erklärte Joachim Zeune in seinem Vortrag „Methoden und Ergebnisse der Burgenforschung".

Joachim Zeune, einer der renommiertesten Burgenforscher Europas, ist unter anderem Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats der Deutschen Burgenvereinigung und Kurator des Europäischen Burgeninstituts. Der 60-Jährige aus Eisenberg/Zell im Allgäu veranschaulichte auf Einladung des Burgvereins Wolfratshausen am Freitagabend im Schützenhaus an der Geltinger Straße den rund 30 Interessierten anhand von Beispielen aus der Praxis Möglichkeiten, aber auch Grenzen der modernen Burgenforschung. Dabei holte er die Anwesenden auf den Boden der wissenschaftlichen Realität und rückte ihr Bild vom finsteren Mittelalter mit seinen Kriegsburgen gerade.

„Diese Vorstellung ist falsch und entstand im 18. Jahrhundert, als man begann, das Mittelalter zu verklären.“ Dazu beigetragen habe auch die Literatur, in der Fantasieburgen beschrieben werden, die es nie gegeben hat. In dieser Zeit habe sich zudem eine Burgenarchitektur entwickelt, die mit der des Mittelalters nichts zu tun habe. „Burgen waren einst Friedenssymbole, sie boten den Menschen Schutz und Sicherheit.“ Zeune machte außerdem unmissverständlich klar: „Burgenforschung kann man nicht einfach so machen. Dafür braucht man viel Erfahrung, muss studiert haben. Sie selbst werden hier nicht weiter kommen.“ Bei der wissenschaftlichen Arbeit dürfe man eines nämlich nie vergessen: „Man befragt das Objekt, nicht sich selbst.“

Torsten Sjöberg, Vorsitzender des Burgvereins, zeigte nach dem rund eineinhalb Stunden dauernden Vortrag Einsicht angesichts der Komplexität der Burgenforschung: „Wir werden wohl nicht drumrum kommen, uns Fachleute zu holen.“

Dass die durchaus gute Chancen hätten, die Wolfratshauser Burg virtuell zu rekonstruieren, davon ist Zeune nach einer ersten Sichtung des vorhandenen Materials überzeugt. Er selbst betreibt europaweit das einzige Büro für Burgenforschung und hat bereits zahlreiche Anlagen erforscht und rekonstruiert. Auch in Kammerstein und Heideck hat er mit seinem Team die Burgen, die einst dem Erdboden gleichgemacht wurden, virtuell wieder aufleben lassen. Und das, obwohl die Projekte auf den ersten Blick aussichtslos erschienen seien.

Auf den zweiten Blick indes habe man vieles entdeckt, was eine Rekonstruktion ermöglichte: historische Abbildungen, präzise Beschreibungen der Anlagen, Urkunden, Vermessungsfotos, Pläne, Archivalien. Durch die Zusammenarbeit von Wissenschaftlern verschiedener Fachbereiche war es schließlich möglich, die Anlagen virtuell wieder aufzubauen.

Rund zwei Jahre müsste man für ein derartiges Projekt einplanen, sagte Zeune. Von dem Vorsitzenden Sjöberg nach möglicher Unterstützung bei der Finanzierung gefragt, verwies der 60-Jährige auf die Leader-Förderung. Hier seien die Anträge einfach zu stellen. Es als EU-Projekt finanzieren zu lassen, sei dagegen sehr viel komplizierter. (Nina Daebel)

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