"Das hat der ganzen Stadt nicht gut getan"

- Bürgerentscheid: "Sehr trauriges", aber "völlig legales Ergebnis"

VON SABINE SCHÖRNER Geretsried - An dem Transparent vor der Petruskirche hängt Trauerflor - Symbol für die Stimmung unter den Fürsprechern der Suchthilfeeinrichtung. 3520 Geretsrieder konnte das "Soziale Bündnis für Heilen und Helfen" am Sonntag mobilisieren, gegen das Bürgerbegehren zu stimmen. Das waren 240 zu wenig. Mit 3759 Stimmen haben die Gegner der Suchthilfeeinrichtung die einfache Mehrheit und das Quorum (es lag bei 3566 Stimmen) erreicht. So fassungslos Kirchenvertreter, Stadträte und andere Fürsprecher auf das Ergebnis reagieren, so groß ist ihr Wunsch, dass der tiefe Riss, der sich durch die Bevölkerung zieht, wieder gekittet werden kann.

"Mir geht es nicht besonders gut", sagte gestern Bürgermeister Hans Schmid (CSU). Schon am Morgen bekam er einen Anruf der Deutschen Presseagentur. Aus den Reihen des Stadtrats wurde er gebeten, prüfen zu lassen, ob man das Ergebnis anfechten kann. Sobald die Rechtsanwältin der Stadt aus dem Urlaub zurück ist, wird Schmid diesem Wunsch nachkommen. "Ich glaube aber nicht, dass dabei was herauskommt." Anlass ist das letzte Flugblatt der Initiatoren des Bürgerbegehrens. Darin hatten sie die Fürsprecher der Suchthilfeeinrichtung offen der Lüge bezichtigt.

Diese "Unterstellungen" findet FW-Stadtrat Bernd Emmerich "unerträglich". Auch die Art, wie Menschen "diffamiert wurden", die sich ihrer Suchtkrankheit stellen und wieder ein normales Leben führen wollen, ist ihm unbegreiflich. "Das hat mit einer christlichen, sozialen und toleranten Haltung nichts zu tun", sagt Emmerich. Ihm hat das Ergebnis des Bürgerentscheids "gewaltig auf den Magen geschlagen". Es werde lange dauern, "bis sich die Stadt davon wieder erholt". Jetzt gehe es darum, nach außen zu vermitteln, dass sich immerhin 3520 Geretsrieder für die Suchthilfeeinrichtung ausgesprochen haben.

"Sehr traurig" ist Grünen-Stadtrat Volker Witte über den Wahlausgang. Dass 3759 Geretsrieder für das Bürgerbegehren gestimmt haben, erklärt er sich mit einem Informationsdefizit. "Hätten sie sich besser informiert - und Möglichkeiten dazu gab es genügend -, hätten sie sich nicht vor den Karren der Gegner spannen lassen." Deren Vorwurf gibt Witte zurück: "Wie hier mit Lügen und falschen Argumenten gearbeitet wurde, finde ich ganz unglaublich. Ich will nur hoffen, dass kein Gegner je in die Situation kommt, für sich oder seine Kinder Suchthilfe in Anspruch nehmen zu müssen."

"Aus der Diskussion heraushalten" will sich Franz Wirtensohn (CSU), einer der drei Stadträte, die in der Februar-Sitzung für das Bürgerbegehren gestimmt hatten. "Das hat der ganzen Stadt nicht gut getan", kommentiert der Geltinger den Konflikt. "Man muss beobachten, wie groß der Spalt in der Bevölkerung ist", schließt sich der Bürgermeister an. Wie Schmid hoffen auch Emmerich und Witte, "dass die Gräben wieder zugeschüttet werden können". Nüchtern äußert sich Vize-Bürgermeister Gerhard Meinl über das "knappe" Ergebnis. "Es ist völlig legal und daher nicht zu kommentieren, auch wenn man den Ausgang bedauert", sagt der CSU-Chef. Er zieht einen Vergleich zur Bundestagswahl, als Edmund Stoiber infolge der Flut "wegen weniger tausend Stimmen" nicht Kanzler wurde. In einem Punkt fühlt sich Meinl "bestärkt": Er war dagegen, als 1995 der Bürgerentscheid auf kommunaler Ebene eingeführt wurde.

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