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Bewegung und Rituale sind wichtig: Sozialdienstleiterin Gaby Strauhal (re.) mit Bewohnerin Hertha Hügl.

AWO-Seniorenzentrum

Demenzerkrankung: Drei Säulen zum Wohlfühlen

Wolfratshausen – In der „Champagnertrüffel-Phase“ – so nennt man das in der Demenzbegleitung – befinden sich die Patienten ganz im Hier und Jetzt.

Sie sind zufrieden, sofern einige einfache Bedürfnisse befriedigt werden. Das AWO-Seniorenzentrum hat als Vorreiter in Bayern ein Drei-Säulen-Konzept entwickelt, damit sich seine Bewohner rundum wohlfühlen.

Betritt man das Haus am Paradiesweg, weiß man gleich, was Heimleiter Dieter Käufer meint, wenn er von einem „Wohlfühl-Klima“ spricht. Pralinen liegen auf dem Tisch, der zum Haus gehörende Golden Retriever grüßt schwanzwedelnd. Der Aufenthaltsraum ist klar strukturiert, ohne Stolperfallen. Trotzdem wirkt er durch das helle, freundliche Licht, die orangefarbenen Möbel und das große Bild eines Baums voll buntem Herbstlaub über dem Sofa gemütlich. Licht und Farbe bilden die erste Säule des von Heimleiter Dieter Käufer und Fachleuten entwickelten und heuer eingeführten Konzepts. Die Patienten, zu 50 Prozent an Alzheimer erkrankt, zu 30 Prozent an vaskulärer Demenz und zu 20 Prozent an anderen Arten der Vergesslichkeit, bewegen sich in der gesamten Einrichtung frei.

Vor elf Jahren hat sich das AWO-Seniorenzentrum auf die Unterbringung und Tagespflege demenzkranker Menschen spezialisiert. 68 Bewohner im Alter zwischen 48 und über 90 Jahren sowie täglich bis zu fünf Tagesgäste werden von geschultem Personal betreut. Der Betreuungsschlüssel liegt mit einem Betreuer für 2,2 Bewohner höher als in anderen Heimen (Normal ist ein Schlüssel von 1:2,4 oder 1:2,6). Schnell wird im Pressegespräch mit Dieter Käufer deutlich, warum Demenzpatienten, möchte man ihren Bedürfnissen gerecht werden, besonders viel Zuwendung brauchen. Basteln oder Singen in Gruppen etwa ist wenig sinnvoll, weil jeder unterschiedliche Krankheitssymptome und -verläufe aufweist. „Bei uns wird der Mensch deshalb dort abgeholt, wo er gerade steht. Wir passen uns ihm an und nicht umgekehrt“, sagt Käufer.

Die zweite Säule „Kontinuität durch Rituale im Alltag“ wird deshalb ganz individuell angewandt. Sozialdienstleiterin Gabi Strauhal nennt Beispiele: „Manche mögen es, morgens die Zeitung vorgelesen zu bekommen. Andere helfen gerne bei der Zubereitung der Mahlzeiten, wieder andere rechen lieber das Laub im Garten zusammen oder schippen Schnee im Winter. Wichtig sei, dass die Bewohner über den Tag verteilt sinnvolle Beschäftigungen erhielten, wobei man sie weder über- noch unterfordern wolle.

Immer wichtiger werde die Berücksichtigung kultureller Eigenheiten, ergänzt Käufer. Im AWO-Heim leben neun Frauen und Männer mit fremdländischem Hintergrund. Sie stammen aus sechs verschiedenen Nationen. So bekommen beispielsweise im Fastenmonat Ramadan die Muslime ihr Essen erst nach Sonnenuntergang. Exotische Lieblingssüßigkeiten werden besorgt, und die Frauen dürfen die Kleidung tragen, die sie gewohnt sind.

Die dritte Säule besteht aus Bewegung. Demenzerkrankte haben einen besonders starken Bewegungsdrang. Das Pflegepersonal geht mit ihnen Walken und bietet Tanzabende an. Dabei werden Endorphine ausgeschüttet, der Tag-Nacht-Rhythmus – bei vielen gestört – kommt ins Gleichgewicht. Auch regelmäßige Ausflüge zum Bummeln oder Kaffeetrinken in die Innenstadt werden veranstaltet. Es gibt klassische Konzerte, Gottesdienste, die tiergestützte Arbeit mit Hunden und „Snoezelen“ (bequem und warm liegend Düfte schnuppern und leise Melodien hören). Käufer sagt: „Am Nachmittag wissen die Bewohner nicht mehr, was sie am Vormittag gemacht haben. Aber das spielt für uns keine Rolle.“ Wichtig ist der Heimleitung, durch viele Gespräche auch die Angehörigen in die Arbeit einzubeziehen. Das Wohlfühl-Konzept wirke sich auch auf die Mitarbeiter positiv aus, sagt Gabi Strauhal. Stress wie in anderen Einrichtungen komme nicht auf.

Tanja Lühr

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