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Rotkreuz-Helferin Gisela Schmidt (mi.) war als Hebamme für die Neugeborenen im DP-Lager Föhrenwald verantwortlich. Sie war somit die einzige Frau und Christin, die Zutritt zu den jüdischen Beschneidungsritualen hatte.

Historischer Verein Wolfratshausen

„Den Herrgott hab ich oft gebraucht“

Bad Tölz-Wolfratshausen – "Ärzte, Hexen, Handaufleger" heißt ein Buch über die Medizingeschichte im Isar- und Loisachtal. Es ist ein ungewöhnliches Werk, das viele Geheimnisse offenbart.

„Jüdisches Landheim Wolfratshausen im Isartal bei München, 570 Meter über dem Meer. Sonniges, staub- und nebelfreies, alpines Klima.

Verwundete und Pflegepersonal im Lazarett Holzen.

Besonders günstige Erfolge im Herbst und Winter. Auf Wunsch Unterricht in allen Fächern der Volks- und Mittelschulen. Tagessatz Mark 4,- Prospekte kostenfrei“, lautet 1926 eine Annonce in der Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung, die für das Wolfratshauser Kindererholungsheim wirbt. Der Beitrag „Eine Insel des Friedens in einem Meer von Hass“ über das Erholungsheim für jüdische Kinder in Wolfratshausen ist nur einer von vielen Aspekten, die das Buch „Ärzte, Hexen, Handaufleger“ des Historischen Vereins Wolfratshausen aufgreift.

Das reich bebilderte Werk (248 Seiten) wirft in fünf Kapiteln einen umfassenden Blick auf die Medizingeschichte im Isar- und Loisachtal. Aus einer ungewöhnlichen Perspektive wird von Badern und Barbieren, Mönchen und Klosterschwestern, Ärzten, Hebammen und sonstigen heilkundigen Frauen und Männern berichtet. Darunter Hexen, Kurpfuscher und Quacksalber. Der fünfte und letzte Teil des Buches widmet sich der Medizin im Schatten des Dritten Reichs.

Gespickt sind die aufwändig recherchierten, mal heiteren, mal ernsten Berichte mit schönen Kuriositäten wie etwa im Beitrag „Amulett und Erdspiegel“. Darin geht es um die „Kohlheißn-Traudl“ von Walchstadt, besser gesagt um die „Kurpfuscherin von Walchstadt“, wie es in den Polizeiakten von 1910 bis 1913 heißt. Auf ihrem Grabstein wird sie als Helferin und Wohltäterin gepriesen. In diesem Spannungsfeld bewegt sich das Leben der „Kohlheißn-Traudl“. Das Bild dieser Frau bleibt vage. Zeitzeugen gibt es keine mehr.

Als Gertraud Streitl wurde sie am 30. Juli 1845 in Oberbiberkor geboren und lebte bis zu ihrem Tod 1924 in Walchstadt im elterlichen Gasthof „Zum deutschen Reich“ (heute „Walchstädter Höh“). Sie war als Heilerin für Mensch und Tier, als Ratgeberin und Hellseherin weithin bekannt. Die Hilfesuchenden kamen angeblich sogar aus dem Ausland. Sie gehörten zu allen Bevölkerungsschichten, darunter wohl auch Geistliche.

Anfang des 19. Jahrhunderts gab es in Wolfratshausen keinen Arzt, wie der Beitrag „Von der Kutsche zum Computer“ zeigt. Die Bevölkerung wurde von einem Bader versorgt, dessen heilkundliches Handwerk sich bis ins 17. Jahrhundert zurückverfolgen lässt. Von 1805 bis 1909 finden sich dann 20 Ärzte in den Quellen, darunter auch mehrere Landgerichtsärzte und Mediziner, die in der neu gegründeten Krankenanstalt arbeiteten. Einer der namentlich bekanntesten Ärzte war Dr. Josef Platiel. Sein Name taucht erstmals öffentlich am 10. November 1908 auf, als im Amtsblatt des königlichen Bezirksamts Wolfratshausen die neuen „Leichenschaubezirke“ bekanntgegeben werden. Kurz zuvor hatte sich Dr. Platiel mit 31 Jahren als praktischer Arzt und Geburtshelfer in Wolfratshausen niedergelassen. Damit gründete er eine der ältesten Arztpraxen am Ort, die immer noch besteht.

Leichenwagen, die von Pferden gezogen wurden, gab es bis 1969. Der Trauerwagen musste von „zwei ordentlich, gutmütigen Pferden und einem nüchternen, zuverlässigen und anständig in schwarz gekleideten Knecht geführt sein.“

Fährt man auf der Bundesstraße 11 von Geretsried Richtung Königsdorf liegt sie unübersehbar auf der rechten Seite: die Nikolauskapelle. Sie steht gewissermaßen am Anfang der Geschichte und Medizingeschichte von Geretsried, schreibt Kaija Voss in ihrem Beitrag „Kanarienvögel und Sanitätskolonnen“. „Gerratesried“ wird im Jahr 1083 erstmals urkundlich erwähnt. Um 1900 hat der Ort nur knapp über 260 Einwohner. Medizingeschichte, die über die Volksheilkunde hinausging, wurde bis dahin noch nicht geschrieben. Das ändert sich auch mit dem Bau der beiden Rüstungswerke, der Dynamit AG und der Deutschen Sprengchemie (DSC), die auf dem Gebiet des damaligen Wolfratshauser Forsts ab 1937 entstanden, nicht grundsätzlich. Allerdings verfügt man jetzt schon über einen Werksarzt und über Sanitätsbaracken für Werksunfälle, denn die Produktion von Sprengstoff war zweifelsohne gesundheitsgefährdend. Die Pikrinsäure war Bestandteil des hergestellten Sprengstoffs Nitropenta. Sie führte nicht nur zu allergischen Reaktionen, sondern färbte Haut und Haare gelb, sobald eine Person damit länger in Berührung kam. Die Pikrinsäure fraß sich durch die Kleidung, die giftigen Dämpfe führten zu Atemwegsreizungen. Die Arbeiterinnen wurden aufgrund ihres „gelben“ Erscheinungsbildes auch „Kanarienvögel“ genannt. Eine Zeitzeugin erinnert sich. „Dr. Bösl kontrollierte monatlich den Gesundheitszustand der DSC-Belegschaft, machte toxikologische Untersuchungen in der Pressenabteilung und ordnete Urlaub an, wenn sich Haare und Augen gelb verfärbten.“

Eine wichtige Rolle in der Medizingeschichte spielten seit jeher die Hebammen wie im Beitrag „Den Herrgott hab ich oft gebraucht“ geschildert. Der Sage nach war das Wolfratshauser Marktgschlärf eine Hebamme, eine Wehemutter, eine mystische Gestalt, der übersinnliche Kräfte nachgesagt wurden und die nächtens durch die Gassen und Straßen irrte, um in die Zimmer der Leute zu schauen. Warum eine Hebamme zum Schreckgespenst der Wolfratshauser Sagen und Legenden wurde, darüber kann man nur mutmaßen. Eine Erklärung könnte sein, dass die Hebammen aufgrund ihrer Geschichte und ihres jahrhundertealten Wissens zwar bewundert und verehrt, andererseits aber mythologisiert und gefürchtet wurden. Der Hebammenberuf, einer der ältesten Frauenberufe der Welt, erfordert hohe Anforderungen: „Eine Hebamme müsse der Schrift kundig sein, um ihre Kunst anhand der Theorie zu erlernen, diätetische Maßnahmen anwenden und geeignete Heilmittel geben können sowie auch chirurgische Eingriffe beherrschen. Darüber hinaus müsse sie unerschrocken sein, um gefährliche Situationen ruhig zu meistern, mitfühlend, um Trost zu spenden und frei von Aberglauben.“ Weil aber die „akademische“ Heilkunst seit der Antike durch männliche Ärzte geprägt war, wurden die Hebammen lange von diesen aus Standesgründen bekämpft.

Roswitha Diemer

Info

Das Buch „Ärzte, Hexen, Handaufleger“ (25 Euro) ist im örtlichen Buchhandel sowie über den Historischen Verein erhältlich.

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