Da war noch alles gut: Frank Irnich (re.) und sein Expeditionsleiter Arnold Coster wenige Tage vor dem schweren Erdbeben in Nepal, bei dem mehrere tausend Menschen ums Leben kamen. Foto: privat

„Die Lage hier ist grauenvoll“

Kathmandu/Geretsried - Frank Irnich meldet sich via Satellitentelefon aus Nepal.

Drei Tage nach den verheerenden Erdstößen in Nepal bleibt das Ausmaß der Katastrophe unklar. Experten sprachen gestern von knapp 4000 Toten und unzähligen Verletzten. Frank Irnich, Teilnehmer einer Everest-Lhotse-Expedition (wir berichteten), hielt sich im Basislager unterhalb des höchsten Berges der Welt auf, als die Erde am Samstag gegen 8.10 Uhr Mitteleuropäischer Sommerzeit erstmals bebte. Gestern Nachmittag, meldete sich Irnich via Satellitentelefon aus dem knapp 3000 Meter hoch gelegenen Lukla in unserer Redaktion. Er und seine Teamkollegen seien okay, berichtete der Geretsrieder Physiotherapeut und Sportlehrer. „Aber einige unserer Sherpas haben in ihren Dörfern Familienangehörige oder ihre Häuser verloren. Die Lage hier ist grauenvoll.“

In der Folge des Bebens zerstörte eine gewaltige Lawine große Teile des Basecamps. Irnichs Gruppe blieb deshalb unversehrt, weil Expeditionsleiter Arnold Coster glücklicherweise einen Platz am Rand des Lagers gewählt hatte. „Man muss sich das Camp in Form einer Banane vorstellen“, sagt der Kölner Rolf Irnich, der mit seinem Bruder Frank nach einigen Stunden der Sorge und Ungewissheit am Samstagnachmittag telefonieren konnte. „Die Lawine ist auf einer Breite von 300 Metern mitten durch diese Banane gerauscht.“

Der Niederländer Coster spricht in seinem Expeditions-Blog von 18 toten Bergsteigern und etwa 25 Schwerverletzten im Basecamp. Irnich und der Teamarzt zählten zu den Ersthelfern. „Mein Bruder und der Doc sind sofort nach dem Lawinenabgang losgezogen“, berichtet Rolf Irnich. „Wie Frank mir erzählte, haben sie eine Chinesin mit einem gebrochenen Becken geborgen.“

Frank Irnichs Betroffenheit über die Ereignisse hört man seiner Stimme trotz der brüchigen Telefonverbindung deutlich an. Er habe so etwas noch nicht erlebt, sagt der gebürtige Rheinländer. „Durch die Druckwelle der Lawine sind 50, 60 Kilo schwere Taschen und Felsbrocken mehrere hundert Meter weit durch die Luft geflogen, als wären sie Federn. Es war fürchterlich.“

Die Naturkatastrophe setzte der Bergsaison in diesem Teil des Himalaya, von der viele Nepalesen leben, ein Ende. Irnich und seine Expeditionskollegen haben das Basislager verlassen und Lukla erreicht. In dem kleinen Ort mit seinem berüchtigt-gefährlichen Flugplatz wartet der 53-Jährige auf den Weitertransfer in die Hauptstadt Kathmandu. „Moulay Abbas, mauretanischer Bänker und eines unserer Teammitglieder, sponsert einen Helikopterflug. Vermutlich wird das aber erst am Dienstag klappen“, sagt Irnich. Für den heutigen Abend hat er über seinen Bruder einen Flug nach Deutschland ergattert. Mittwochvormittag könnte er wieder zu Hause in Wackersberg sein, wo er lebt.

Ins Everest-Gebiet wird der 53-Jährige wohl nicht zurückkehren. Nach dem für 16 Sherpas tödlichen Lawinenabgang im Jahr 2014 und dem folgenden Streik der einheimischen Bergführer fand nun die zweite Expedition Irnichs ein jähes Ende. „Ich gehe davon aus, dass es das für mich dort war“, sagt der Extrembergsteiger, der 2011 erstmals auf dem Mount Everest stand.

Peter Borchers

Auch interessant

Kommentare