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Vorzeige-Trachtler: Die Jasbergler Baiernrain sind mit 445 Mitgliedern der größte Trachtenverein im Oberlandler Gauverband. Ende Juli richtet der Verein das Gaufest aus. 

Ein Dorf im Ausnahmezustand

Baiernrain rüstet sich fürs Gaufest

Noch ist Baiernrain ein beschauliches Dörfchen mit nicht einmal 200 Einwohnern, bestehend aus einer Kirche, einem Gasthof und ein paar Bauernhöfen. Aber das wird sich ändern.

Dietramszell – Am letzten Juli-Wochenende wird der kleine Ort in der äußersten Nordostecke des Landkreises so etwas wie der Nabel der Trachtenwelt sein – oder wenigstens des Oberlandler Gauverbands. Rund 5400 Trachtler feiern dann in Baiernrain ihr 106. Gaufest. „Der Festzug ist fast zwei Kilometer lang“, erzählt Jakob Pertold, Erster Vorsitzender des ausrichtenden Trachtenvereins „D’Jasbergler Baiernrain“. Seit Monaten schon laufen die Vorbereitungen für das Großereignis.

Pertold: „Der organisatorische Aufwand ist extrem hoch“

Vor allem die Bürokratie erfordert viel Zeit und Organisationsgeschick: Unzählige Genehmigungen mussten eingeholt, Straßensperrungen und Fluchtwege in Zusammenarbeit mit dem Landratsamt, der Polizei und dem Bauhof geplant werden. Gleich nachdem der Gauverband im Oktober 2015 die Baiernrainer als Ausrichter gewählt hatte, bildete sich ein 30-köpfiger Festausschuss. 15 Arbeitskreise kümmern sich um die zahlreichen unterschiedlichen Aufgaben – etwa Werbung, Küche, Abwasser und Verkehr. „Der organisatorische Aufwand ist extrem hoch“, sagt Pertold. „Es gibt immer mehr rechtliche Auflagen.“ Um Anschläge wie auf den Berliner Weihnachtsmarkt zu verhindern, müssen beispielsweise die Hauptstraßen durch querstehende LKW oder Radlader gesichert werden.

Nach 111 Jahren das erste Gaufest im Gemeindegebiet

Nach 111 Jahren ist es das erste Mal, dass das Gaufest im Gemeindegebiet Dietramszell stattfindet. Die Jasbergler mit ihren 445 Mitgliedern sind zwar der größte Trachtenverein im Gauverband. Anders als etwa in Schliersee oder Miesbach könnten sie jedoch nicht auf große finanzielle Unterstützung durch die Gemeinde oder den Fremdenverkehrsverein zählen. Denn in Dietramszell mit seinen weit verteilten Ortsteilen gibt es allein vier Trachtenvereine. Und als Mitglied des Gemeinderats kennt Pertold den engen kommunalen Finanzhaushalt – mehr als verwaltungstechnische Hilfe und Materialkostenzuschüsse sind da nicht drin.

Alle helfen zusammen

Um die Kosten niedrig zu halten, übernehmen beispielsweise zwei Metzger aus dem Verein die Bewirtung im Festzelt, die Plattlergruppen den Barbetrieb. Das Prinzip ist einfach: Jeder bringt sich und seine Fähigkeiten ein, alle helfen zusammen. Insgesamt muss der Verein rund 100 000 Euro vorfinanzieren, schätzt der Vorstand. „Aber das können wir stemmen.“ Durch seine Einnahmen aus dem seit 1950 jährlich stattfindenden Almfest am Jasberg und den Theateraufführungen ist der Verein solide aufgestellt. „Und wenn das Wetter nicht ganz schlecht ist oder irgendwelche Katastrophen passieren, sollte das Geld wieder reinkommen“, hofft Pertold. Mit einem großen Gewinn rechnet er allerdings nicht.

Fünf Tage dauert die Mammutveranstaltung

Zum Jahreshöhepunkt der Trachtler kommen 54 Vereine aus dem gesamten Oberlandler Gau und dem benachbarten Loisachgau. Fünf Tage dauert die Mammutveranstaltung – vom Konzertabend zum 70-jährigen Bestehen der Blaskapelle am Donnerstag, 27. Juli, bis zum Festausklang mit Tanzlmusi am Montag, 31. Juli. Für das Weinfest am Freitag, 28. Juli, hat sich die Plattler-Jugend etwas Besonderes ausgedacht: eine Modenschau mit historischer Trachtenwäsche. Am Samstag folgt dann der Gauheimatabend mit Stubnmusi, Gesangsgruppen und Plattlervorführungen. „Vorher wird noch zur Kirche raufmarschiert zum Totengedenken“, erzählt Pertold. Die Ehre erwiesen wird dort auch einem der berühmtesten Trachtler überhaupt: dem 1886 in Baiernrain verstorbenen Lehrer Josef Vogl aus Emmering, einem Gründungsvater der bayerischen Trachtenbewegung.

Zur „logistischen Herausforderung“, so Pertold, wird vor allem der Sonntag, 30. Juli. Nach der Trachtenschau und dem Feldgottesdienst stellen sich die Vereine zum Umzug auf. In zwei Abteilungen marschieren sie dann mit ihren Blaskapellen nach einem ausgeklügelten System in Richtung Festzelt. Es wird sicher nicht ganz einfach werden, den langen Zug ohne Chaos durch die kleinen Dorfstraßen zu leiten, gibt der Chef-Organisator zu. Doch auch diese Aufgabe, da ist er sich sicher, wird sein rühriger Verein am Ende bewältigen.

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