Bewohnerin Gerhild Bühl mit ihrer Tochter Roswitha Bühl sowie Vlasta Beck von der Maro-Genossenschaft. im Hintergrund Pflegerin Matea Basic mit Bewohnerin Marie-Luise.
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„Mir gefällt es hier gut“: (vorne v. li.) Bewohnerin Gerhild Bühl mit ihrer Tochter Roswitha Bühl sowie Vlasta Beck von der Maro-Genossenschaft. im Hintergrund Pflegerin Matea Basic mit Bewohnerin Marie-Luise.

„Bestmögliche Form der Betreuung“

Besuch in der neuen Demenz-WG der Maro-Genossenschaft in Dietramszell

  • Clara Wildenrath
    vonClara Wildenrath
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Die ersten Bewohner sind in die neue Dietramszeller Demenz-WG eingezogen. Unsere Zeitung hat sie besucht.

Dietramszell – „Ah, das sind Kartoffeln“, sagt Marie-Luise und rührt mit dem Kochlöffel einmal in der Pfanne herum. „Und das, ist das Rhabarber?“ fragt sie neugierig und deutet auf die Pilzsoße im Topf daneben. „Ich koche nicht gerne“, gibt sie mit einem schelmischen Lachen zu. Deshalb hat Pflegerin Matea das Mittagessen heute alleine zubereitet. „Aber Du hilfst mir oft beim Abwaschen“, sagt sie und streicht der Seniorin sanft über die Hand.

Ein aromatischer Schwammerlduft zieht durch die Wohnküche der Demenz-WG. Nebenan am großen Esstisch sitzt Gerhild. Still, scheinbar teilnahmslos blickt sie vor sich hin, ab und zu geht ihr Blick in die Küche. „Mama war immer eine tolle Köchin“, sagt ihre Tochter Roswitha Bühl. Seit 15 Jahren leidet ihre Mutter an Demenz. Auf die Frage, ob sie manchmal mithilft in der Küche, antwortet die 83-Jährige leise: „Ich traue mich noch nicht.“ Aber als zwei Frauen sie zum Basteln einladen, lächelt sie und gesellt sich zu ihnen aufs Sofa.

Jeder Türrahmen ist in einer anderen Farbe gestrichen

Gerhild Bühl war eine der ersten Bewohnerinnen der ambulant betreuten Demenz-Wohngemeinschaft am Kreuzfeld in Dietramszell. Anfang Februar bezog sie hier ihr 17 Quadratmeter großes Zimmer, den „roten Salon“, wie es ihre Tochter scherzhaft nennt: Zur besseren Orientierung ist der Türrahmen jeder Wohnung in einer anderen Farbe gestrichen – bei Gerhild eben rot. Im Gang hängt eine Kette mit bunten Herzen, an der Tür ein handgemaltes Namensschild. Die Möbel – Bett, Kommode und ein alter Bauernschrank – stammen aus ihrem früheren Zuhause in Geretsried. Auch die bunt zusammengewürfelte Wohnzimmereinrichtung im Gemeinschaftsraum haben die Bewohnerinnen und Bewohner mitgebracht, erzählt Vlasta Beck von der Maro-Genossenschaft, die das Projekt verwirklicht hat.

Für uns ist das die bestmögliche Form der Betreuung

Roswitha Bühl. Ihre Mutter war zuvor in vier verschiedenen Heimen untergebracht  

Vier Damen und ein Herr sind bereits eingezogen; Anfang Mai soll die WG mit neun Mitgliedern komplett sein. „Für uns ist das die bestmögliche Form der Betreuung“, sagt Roswitha Bühl. Ihre Mutter sei in den vergangenen zwei Jahren in vier Heimen gewesen. „In der klassischen Pflege wird die Beschäftigung der Menschen viel zu sehr vernachlässigt. Da gehen ganz viele Fähigkeiten verloren.“ In der Wohngruppe hat ihre Mutter den ganzen Tag Ansprache.

Mindestens zwei Pflegekräfte kümmern sich um die demenzkranken Menschen, lachen, reden, basteln und essen mit ihnen. Wer will, kann beim Kochen oder Wäschemachen helfen. Auch nachts ist immer jemand ansprechbar. „Mir gefällt es hier gut“, sagt Gerhild, kurz erhellt ein Lächeln ihr Gesicht. An das Heim, in dem sie vorher gewohnt hat, könne sie sich nicht mehr erinnern.

Anders als in anderen Einrichtungen für Menschen mit Demenz sind die Türen der Wohngemeinschaft grundsätzlich nicht verschlossen. Wer will, kann das Haus jederzeit verlassen – auch wenn das Risiko natürlich groß ist, dass er oder sie in der unbekannten Umgebung nicht mehr zurückfindet. Ist das nicht gefährlich? „Natürlich kann es passieren, dass einer geht“, räumt Beck ein. Aus ihrer Erfahrung in den anderen vier ambulant betreuten Wohngruppen der Maro-Genossenschaft weiß sie aber: „Das hat sich nach drei oder vier Wochen erledigt. Denn der Grund für die Weglauftendenz ist in der Regel Angst, Unsicherheit oder Langeweile.“ Das Team sei in solchen Fällen sehr geduldig und suche mit den Angehörigen nach Lösungen. Zur Not käme dann auch mal ein GPS-Gerät zur Ortung zum Einsatz.

Ansprechend: In Dietramszell hat die Maro-Genossenschaft zwei Neubauten für eine Demenz- und eine Pflege-WG geschaffen.

Dass die Bewohner sich zuhause fühlen und nicht langweilen, dafür sorgen nicht nur die Pflegekräfte. „Die aktive Beteiligung der Angehörigen ist Teil des Konzepts“, erläutert Roswitha Bühl. Mindestens zweimal pro Woche kommt sie oder eine ihrer beiden Schwestern nach Dietramszell – und besucht dann nicht nur die Mama, sondern die ganze WG. „Wir machen zusammen Musik oder schauen Fotos von früher an. Wie in einer Familie.“ Die 53-Jährige ist Sprecherin und Geschäftsführerin der Gesellschaft bürgerlichen Rechts, die das Angehörigengremium gegründet hat. Diese GbR entscheidet über alle Angelegenheiten des Gemeinschaftslebens – zum Beispiel über die Beauftragung des Pflegedienstes, die Gestaltung der Gemeinschaftsräume oder das Anlegen von Gemüsebeeten im Innenhof.

Die Pflege-WG nebenan steht noch leer

Nach demselben Prinzip funktioniert auch die benachbarte Pflege-WG. Dort organisieren allerdings die Bewohnerinnen und Bewohner selbst das Zusammenleben. Zumindest soll das in Zukunft so sein – denn obwohl die Räumlichkeiten bereits bezugsfertig sind, wohnt dort noch niemand. Gerade im ländlichen Raum findet die Pflege von Angehörigen traditionell innerhalb der Familie statt, erklärt Beck. Sie ist überzeugt: „Wenn sich die Menschen erst an das Konzept gewöhnt haben, wird auch die Pflege-WG gut laufen.“ Kontakte zwischen den beiden Gruppen sind erwünscht, aber freiwillig. Im Foyer, das die zwei Häuser verbindet, könnten künftig auch gemeinsame Veranstaltungen stattfinden. Bislang steht es noch leer. Auch der Innenhof und die privaten Gärten sind noch nicht fertiggestellt. Eine große Pergola wartet noch auf Begrünung.

„In einer halben Stunde ist das Essen fertig“, sagt Matea. Im großen Gemeinschaftsraum der Demenz-WG herrscht friedliche, entspannte Stimmung. Marie-Luise schaut noch einmal rüber zur Sitzecke und begutachtet die Bastelarbeiten ihrer Mitbewohnerinnen. Gerhild und Tochter Roswitha nutzen die Zeit für einen kurzen Spaziergang. Morgen gibt es auf Gerhilds Wunsch Kaiserschmarrn. Vielleicht traut sie sich bei ihrem Leibgericht, wie in früheren Zeiten den Kochlöffel zu schwingen.

cw

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