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Bei der Arbeit: Annemarie und Florian Gebauer.

Handgefertigt

Bairawieser Krippen gehen um die Welt

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Seit 40 Jahren verkauft Annemarie Gebauer auf dem Münchner Kripperl-Markt handgefertigte Heiligen- und Krippenfiguren sowie Weihnachtskrippen. Ihre Kunden kommen oft aus fernen Ländern.

Dietramszell – Wenn das Jesuskind an Heiligabend in seiner Krippe liegt, hat es einen weiten Weg hinter sich: Über 3000 Kilometer ist es Anfang Dezember von Bairawies nach Wolgograd gefahren. Sorgfältig in Seidenpapier eingehüllt verbrachte es die Reise – zusammen mit Maria und Josef, Ochs und Esel und rund 50 weiteren hölzernen Figuren – in einer maßgeschreinerten Holztruhe.

Sein neuer Besitzer ahnt bislang noch nichts von seiner Existenz. Das insgesamt fast zwei Meter breite Krippenensemble im orientalischen Stil mit runden Kuppeldächern und Palmen ist ein Überraschungsgeschenk, weiß Florian Gebauer. Der Bairawieser Schreinermeister hat die Gebäudeteile im Sommer entworfen, gefertigt, verputzt und im Garten von der Sonne trocknen lassen, bis sie die die gewünschte, leicht rissige Fassadenstruktur bekamen.

Nichts von der Stange: Seit 25 Jahren baut Familie Gebauer aus Bairawies orientalische Krippen und verkauft sie in alle Welt.

Für die abschließenden Dekorationsdetails war seine Mutter Annemarie Gebauer zuständig. Die etwa 20 Zentimeter großen Krippenfiguren stammen aus Südtirol, wo sie genau nach Kundenwunsch geschnitzt, bekleidet und detailgetreu ausstaffiert wurden. „Versöhnungskrippe“ haben Mutter und Sohn den russischen Großauftrag genannt. Denn: Ihr Vater und Großvater dienten 1942 in der Sechsten Armee, die im damaligen Stalingrad von russischen Truppen eingeschlossen wurde. „Nur weil er an diesem Tag zufällig einen Botengang erledigen musste, entkam er dem Kessel“, erzählt Annemarie Gebauer.

Dass ihre Krippe ausgerechnet in dieser Schicksalsstadt, dem heutigen Wolgograd, eine neue Heimat findet, kommt für sie göttlicher Fügung gleich. Die neue Krippe ist zwar eine der größten, die die Künstlerfamilie bisher angefertigt hat. Aber nicht die erste, die eine derart weite Reise zu ihrem neuen Besitzer zurücklegen musste: „Wir haben unsere Krippen nicht nur ins europäische Ausland, sondern auch nach Japan, Mexiko und in die USA geliefert“, berichtet die 69-Jährige.

Seit 40 Jahren verkauft sie am Münchner Kripperl-Markt Heiligenfiguren und Weihnachtskrippen. Aufgebaut hat das Geschäft ihr Mann Wolfgang, ein Holzbildhauer, der sein Leben der sakralen Kunst gewidmet hat. Er verstarb im vergangenen Jahr. „Von ihm habe ich alles gelernt, was ich kann“, sagt die ehemalige kaufmännische Angestellte: „Fassen, bemalen, dekorieren“. Auch bei Restaurierungen und Ergänzungen von großen Kirchenkrippen, etwa im Münchner Liebfrauendom, war sie oft mit von der Partie.

Schon oft hat Gebauer an ihrem Weihnachtsstand erlebt, dass religiöse Kunst Grenzen überwinden kann. Nachdem sie dort jahrelang kaum ein Christuskreuz verkauft hatten, habe ausgerechnet eine Muslimin aus dem Iran eines der größten ausgestellten Exemplare erstanden. „Weil sie das Symbol des Kreuzes liebt“, erinnert sich Annemarie Gebauer an die Erklärung der Kundin.

Auch der Kontakt zu dem Auftraggeber aus dem christlich-orthodoxen Russland kam auf dem Weihnachtsmarkt in München letztes Jahr zustande. Etliche Seiten Schriftverkehr zeugen von den Feinabstimmungen. Welche Abmessungen sollen die Gebäudeteile haben? Welche Figuren sollen dabei sein? Bis hin zum Gesichtsausdruck und zur Körperhaltung kann der Kunde jedes noch so kleine Detail bestimmen, so Florian Gebauer. „Massenware gibt es bei uns nicht“, erklärt er stolz.

Auf die Idee, statt der gewohnten alpenländischen Krippen solche nach orientalischem Stil zu bauen, sind die Gebauers 1995 bei einer Pilgerfahrt nach Israel gekommen. „Jesus ist schließlich im Nahen Osten geboren.“ Und: Sie heben sich damit deutlich von der Konkurrenz ab, meint Annemarie Gebauer. Dazu kommt die detailreiche Anfertigung von Krippen in Dimensionen, die man sonst kaum findet. Die erste „Riesenkrippe“ für Figuren von bis zu 30 Zentimeter Höhe ging 2017 an einen Schweizer Kunden. In diesem Jahr kam die Heilige Familie immerhin bis Wolgograd.

cw

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