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So kennt man Emmanuel Nass in Baiernrain: Auf seinem Dreirad kurvt er leidenschaftlich gerne durch die Gegend und freut sich, wenn er jemanden zum Ratschen trifft. Seine Pflegeeltern Rosmarie und Josef Gilgenrainer geben dem körperbehinderten Buben so viel Unterstützung wie nötig und lasse n ihm so viel Freiheit wie möglich. 

Inklusion  

Ein starker Junge, den alle im Dorf schätzen

Über die Inklusion von Menschen mit Behinderung und noch mehr über die Integration ausländischer Mitbürger wird viel gesprochen. Bei Emmanuel Nass aus Baiernrain ist beides vorbildlich gelungen. Zu verdanken ist das seiner Pflegefamilie, den Gilgenrainers, sowie der intakten Dorfgemeinschaft.

Baiernrain Wenn Emmanuel mit seinem Spezialfahrrad mit zwei Hinterrädern fröhlich durch den Dietramszeller Ortsteil Baiernrain fährt, grüßt ihn jeder beim Namen. Der 17-Jährige ist Mitglied im Trachtenverein D’Jasbergler. In Lederhose, Haferlschuhen und Janker ist der Junge ghanaischer Abstammung „schon ein Hingucker“, wie seine Pflegemama, Rosmarie Gilgenrainer, mit einem stolzen Lächeln sagt. Die gelernte Erzieherin und Mutter von drei leiblichen Kindern im Alter von damals 12, 14 und 16 Jahren entschloss sich im Jahr 2000 gemeinsam mit der Familie, ein Pflegekind aufzunehmen. „Kurz vor Jahresende bekam ich einen Anruf vom Münchner Jugendamt. Ein ,kleiner, schwarzer, unauffälliger Junge‘ sollte in die Bereitschaftspflege vermittelt werden“, erinnert sich die heute 63-Jährige noch genau an das Telefonat. „Einen Tag vor Silvester kam Emmanuel als Baby zu uns in die Familie.“

Leibliche Mutter liegt im Wachkoma

Emmanuels Mutter hatte im siebten Schwangerschaftsmonat einen Herzinfarkt erlitten. Sie liegt bis heute im Wachkoma. Weil das Baby während des Not-Kaiserschnitts zu wenig Sauerstoff erhielt, erkrankte es an Zerebralparese. Sie äußert sich vor allem in Bewegungsstörungen. Die Ärzte wussten zunächst nichts von der Erkrankung. Rosmarie und ihrem Mann Josef Gilgenrainer kam Emmanuel jedoch schon nach kurzer Zeit bei ihnen zu Hause „zu unauffällig“ und „zu brav“ vor. Sie suchten einen Facharzt auf. Nach der Diagnose beschlossen sie – wieder im Familienrat – das Kind für drei Jahre zu behalten, so wie es der zeitlich befristete Pflegevertrag vorsah. „Wir haben sehr viel Unterstützung von Therapeuten, Sozialarbeitern und dem Verein Lebenshilfe bekommen. Die wertvollen Begegnungen mit dem gesamten Helferkreis um ein behindertes Kind möchte ich nicht missen“, sagt Rosmarie Gilgenrainer.

Als Emmanuel drei Jahre alt war, wollte der leibliche Vater, der mit drei älteren Kindern in München lebt, seinen Jüngsten eigentlich zu sich holen. Es stellte sich aber heraus, dass er der Aufgabe alleine nicht gewachsen war. Er ist bis heute der Vormund seines Sohnes. Der Kontakt zur Herkunftsfamilie habe sich manchmal als recht schwierig erwiesen, sagen die Pflegeeltern. Doch heute sei er gut und für Emmanuel sehr wichtig. Nach der zeitlich befristeten Pflege übernahmen die Gilgenrainers das Kind in Vollzeitpflege, betreut durch das Jugendamt Bad Tölz.

Emmanuel lässt sich nicht entmutigen

Emmanuel sollte nicht nur mit seinen Geschwistern und Cousins, sondern auch mit den Kindern aus dem Dorf spielen können. Alle waren auf dem großen Hof mit Pferden, Katzen und viel Platz zum Toben willkommen. „Damit waren jedoch sowohl Emmanuel als auch die anderen Kinder oftmals überfordert“, weiß die Pflegemutter im Nachhinein. Sie begleitete den Kleinen von da an, wo es nötig war, redete mit den Eltern, erklärte, was Emmanuel kann und was nicht. „Es ging immer besser“, sagt sie. Emmanuel ging in die Landesschule für Körperbehinderte in München, wo er ganzheitlich und konduktiv gefördert wurde. Das heißt, er durfte und sollte möglichst viel selber machen. Es habe natürlich immer wieder Rückschläge gegeben, berichten die Gilgenrainers. Oft habe Emmanuel seelisch sehr gelitten. Neben der Spastik nahm während der Pubertät seine koordinativen Probleme stark zu. Entmutigen hat sich ihr starker Junge aber nie lassen.

Der Durchbruch in Sachen Integration passierte während der Vorbereitung auf die Firmung. „In der Pfarrei haben sie Emmanuel ganz selbstverständlich mitgenommen. Er hat echte Freunde gefunden, mit denen er immer noch unterwegs ist“, sagt Rosmarie Gilgenrainer. Emmanuel erzählt von seinen Kumpels und den Mädels aus Baiernrain und Umgebung. Mit ihnen besucht er Feste, spielt Fußball und verbringt viele Abende. Die Pflegemama ergänzt: „Sie schätzen Emmanuels humorvolle, gesellige Art, nehmen ihn an, wie er ist, und unterstützen ihn. Sie wissen zum Beispiel, dass er einen Strohhalm zum Trinken braucht und legen den ohne große Worte bereit.“ Rosmarie Gilgenrainer fällt ein wunderbar passendes, afrikanisches Sprichwort ein: „Um ein Kind großzuziehen, braucht es ein ganzes Dorf.“ Die Baiernrainerin ist überzeugt davon, dass Integration auf dem Land besser gelingt als in der Stadt: „Man redet viel mehr miteinander. Dadurch entstehen erst gar keine Vorurteile. Anonymität gibt es hier nicht.“ Emmanuels Eingliederung bezeichnet sie als „lebendig, ehrlich, gewachsen“.

Berufswunsch ist noch offen

Seit Mitte September geht ihr 17-jähriger Pflegesohn ins ICP, ein Förderzentrum für Körperbehinderte in München, um dort ein Berufsgrundschuljahr zu absolvieren. Was er einmal werden wolle, wisse er noch nicht, sagt Emmanuel, der im Mai nächsten Jahres 18 wird. „Später will ich gerne in einer betreuten Wohngemeinschaft leben“, kündigt der Jugendliche an. Seine Eltern und Geschwister wünschen sich, dass er ein möglichst selbstständiges und glückliches Leben führen kann und eine Beschäftigung findet, die ihm Freude bereitet. „Unser Haus wird ihm natürlich auch nach dem Ende der Pflegschaft jederzeit offen stehen“, betonen Rosmarie und Josef Gilgenrainer.

Tanja Lühr

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