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Großes Interesse: Rund 150 Bürger verfolgten das Symposium „Dietramszell und Hindenburg im Wandel der Zeit“.

Sachliche Aufarbeitung der Nazivergangenheit: Dietramszell ist überall

Hindenburg-Symposium mit Sicherheitsdienst

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Mit einem wissenschaftlichen Symposium über Paul von Hindenburg will die Gemeinde Dietramszell die sachliche Aufarbeitung der Nazivergangenheit vorantreiben.

VON CLARA WILDENRATH

Dietramszell – „Dietramszell ist überall“ und „Hindenburg lauert an jeder Ecke“: Mit Sätzen wie diesen gab Historiker Dr. Thomas Schlemmer den Dietramszellern ein Stück ihres Selbstbewusstseins zurück. Seit Jahren wird in der Gemeinde kontrovers und nicht immer sachlich darüber diskutiert, wie man mit Hinterlassenschaften aus der Nazizeit umgehen soll. Stein des Anstoßes war insbesondere eine Bronzebüste des Generalfeldmarschalls und Reichspräsidenten Paul von Hindenburg. Die Büste erinnerte an den ehemaligen Ehrenbürger der Gemeinde und stand von 1939 bis 1945 sowie noch einmal von 1952 bis 2014 an der Klostermauer.

Hindenburg-Biograf: Dr. Wolfram Pyta skizzierte den politischen Lebensweg des Reichspräsidenten.

Zu dem Symposium „Dietramszell und Hindenburg im Wandel der Zeit“ hatte die Gemeinde am Samstag renommierte Experten eingeladen. Ziel war, „sich offen und selbstbewusst mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen und für die Zukunft zu lernen“, wie Bürgermeisterin Leni Gröbmaier erklärte. Das Interesse war groß: Etwa 150 Bürger kamen am Nachmittag in den Festsaal des Gasthofs Peiss, um sich mehr als vier Stunden lang wissenschaftliche Vorträge anzuhören. Sachkundig moderiert wurde die Veranstaltung von Professor Hermann Rumschöttel, ehemaliger Generaldirektor der Staatlichen Archive Bayerns.

Der prominente Hindenburg-Biograf Dr. Wolfram Pyta aus Stuttgart beschrieb in mitreißender Rhetorik den politischen Lebensweg Hindenburgs. Der Reichspräsident sei zwar allem Anschein nach kein Antisemit gewesen, habe aber mit der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler bewusst das Ende der pluralistischen Demokratie bewirkt.

Auf das vielschichtige Verhältnis zwischen Dietramszell und Hindenburg ging der Historiker und Buchautor Dr. Michael Holzmann ein. Von 1922 bis 1931 verbrachte der Generalfeldmarschall jedes Jahr seinen dreiwöchigen Jagdurlaub im Ort. Einen solch berühmten Mann begrüßen zu dürfen, sei zwar eine große Ehre für die Gemeinde gewesen, so Holzmann. Auf der anderen Seite habe Hindenburg aber wenig Interesse für die Nöte der bäuerlichen Bevölkerung gezeigt. Bei der Reichspräsidentenwahl 1932 bekam er deshalb in Dietramszell – anders als im übrigen Deutschland – weniger Stimmen als sein Gegenkandidat Hitler. Welche Persönlichkeiten und gesellschaftlichen Entwicklungen zum Aufstieg der NSDAP im Oberland beitrugen, beleuchtete die Ascholdinger Historikerin Dr. Susanne Meinl.

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Dr. Thomas Schlemmer, Historiker am Institut für Zeitgeschichte, erläuterte am Beispiel von Schliersee, wie andere Gemeinden mit Relikten aus der NS-Zeit umgehen. Er machte deutlich, dass die Aufarbeitung überall nach dem gleichen Muster ablaufe: „Andernorts wird ebenso mit harten Bandagen diskutiert.“ Der Prozess beginne mit der Skandalisierung einer bis dahin in das gewohnte Ortsbild gehörenden Gedenkstätte und lasse sich in der Regel nur durch Anstöße von außen in eine sachorientierte Auseinandersetzung und Neugestaltung umleiten. Eines war jedoch für Schlemmer eine neue Erfahrung: „Ich habe selten ein so massives Aufgebot von Saalschutz erlebt bei einem Vortrag“, meinte er schmunzelnd. Der vierköpfige Sicherheitsdienst war von Dietramszells Bürgermeisterin Gröbmaier bestellt worden. Der Grund: Der Münchner Aktionskünstler Wolfram Kastner hatte sein Erscheinen angekündigt. Er hatte 2014 in einer aufsehenerregenden Aktion die Hindenburg-Büste von der Klostermauer abmontiert und damit die „Skandalisierung“ des Themas maßgeblich vorangetrieben.

Während des Symposiums hielt sich Kastner jedoch unauffällig im Hintergrund. Auch auf mehrfache Kritik an seiner „übergriffigen Aktion“ aus dem Publikum und die Forderung nach einer öffentlichen Entschuldigung bei der abschließenden Diskussionsrunde reagierte er nicht.

cw

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