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Blühende Landschaften statt englischer Gärten: Im Kampf gegen das Insektensterben sehen die Dietramszeller Gemeinderäte jeden gefordert. Einseitige Schuldzuweisungen an die Landwirte lehnen sie ab.

„Hier wird nur auf die Bauern eingehauen“

Insektenschutz löst hitzige Diskussion im Dietramszeller Gemeinderat aus

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Von Bauern-Bashing, einseitigen Schuldzuweisungen und gezielter Falschinformation der Bürger war im Dietramszeller Gemeinderatssitzung die Rede. Auslöser der Debatte: die Initiative „Pestizidfreie Kommunen“ des Bund Naturschutz (BN).

Dietramszell – In einem Schreiben des BN-Kreisverbands wurden die Bürgermeister der Gemeinden unter anderem dazu aufgefordert, „bei der Verpachtung kommunaler Flächen für eine landwirtschaftliche Nutzung ein Verbot des Einsatzes von Pestiziden im Pachtvertrag“ zu verankern (wir berichteten). Grund für den Vorstoß der Umweltschutzorganisation ist das Insektensterben, das eine Folge der „landwirtschaftlich intensiv genutzten, ausgeräumten Landschaften mit ihrem fehlenden Nahrungsangebot an Blühpflanzen“ sei.

„Hier wird nur auf die Bauern eingehauen. Die ganze mediale Begleitmusik ist verlogen“, empörte sich Vize-Bürgermeister Michael Häsch. „Es gibt keinerlei Untersuchungen, wie sich die Insektenbestände in landwirtschaftlich genutzten Gebieten verändert haben.“ Seiner Meinung nach werde die Bevölkerung über die Ursachen des Insektenrückgangs falsch informiert: „Eine Doktorarbeit des Leibniz-Instituts belegt, dass an Straßenlaternen genauso viele Insekten sterben wie durch die Landwirtschaft.“ Auch der Elektrosmog wirke sich aus.

Bürgermeisterin Leni Gröbmaier entgegnete, sie sei fassungslos „über die Diskussion, dass irgendwer bei uns gegen Landwirte wäre“. Denn schließlich gehe es in dem Schreiben des BN nur in einem von sechs Beschlussvorschlägen um die Landwirtschaft. Darüber hinaus werde beispielsweise ein Verzicht auf Pestizide auf allen kommunalen Flächen gefordert und die Förderung bienen- und insektenfreundlicher Blühflächen. Auch die Privathaushalte sollen über die Bedeutung der Artenvielfalt aufgeklärt und giftfreie Maßnahmen beim Gärtnern aufgezeigt werden. 

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„Das tun wir alles schon seit Langem“, sagte Gröbmaier. Auch die örtlichen Gartenbauvereine seien in diesem Punkt sehr engagiert. Ein Beispiel ist die Aktion „Blühendes Dietramszell“, in deren Rahmen Saatmischungen für Wildkräuter und -blumen an die Bürger verteilt werden. Auch die Gemeinderäte hatten auf ihrem Sitzungsplatz ein solches Tütchen liegen. „Wir müssen ein Zeichen setzen für jeden zu Hause“, stimmte Thomas Bachmaier der Rathauschefin zu: „Es braucht keinen englischen Rasen, ein paar Blumen sind auch ganz schön.“ Von den Pachtflächen, die von dem zusätzlichen Beschluss betroffen wären, könne ohnehin nur ein sehr kleiner Teil landwirtschaftlich genutzt werden, erklärte Gröbmaier.

Weitgehend einig war sich der Gemeinderat, dass bestehende Verträge nicht geändert, sondern das Verbot von Pestiziden nur bei einem Neuabschluss aufgenommen werden könne. Unter dieser Voraussetzung stimmte er dem Beschlussvorschlag mehrheitlich zu. Auf Ablehnung stieß dagegen Häschs Antrag, den BN aufzufordern, die alleinige Schuldzuweisung an die Landwirte zu unterlassen. „Wir wollen hier keine Fronten aufbauen“, argumentierte Gröbmaier. Einem zweiten Antrag ihres Stellvertreters schloss sie sich wie fast alle Gemeinderäte an: Der BN soll „die Bevölkerung über die multifunktionalen Gründe des Insektensterbens informieren und sich mit den betroffenen Landwirten und Gemeinden zusammensetzen und ein Konzept zur Erhaltung und Beschaffung von Lebensräumen für Insekten erarbeiten“. Unklar blieb, auf welchem Weg die Umweltorganisation von dem Begehren der Gemeinde erfahren soll. cw

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