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Ascholdinger Ausbeute: Gut 2000 Jahre sind die Fundstücke alt, die (v.li.) Markus Fagner, Stefanie Buchner und Tobias Albrecht unmittelbar neben der Staatsstraße 2072 gefunden haben. Es handelt sich um Tierknochen und Scherben. Außerdem haben sich Hinweise auf Häuser gefunden. Sie wurden genau kartiert.

Direkt an der Staatsstraße 2072

Keltensiedlung in Ascholding gefunden

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Das Erdreich von Ascholding ist geschichtsträchtig: Vor wenigen Tagen ist dort, wo derzeit der neue Edeka entsteht, der Rest einer Keltensiedlung gefunden worden. Die Archäologen sind entzückt. 

Dietramszell – Zweieinhalb Wochen haben die Arbeiten am neuen Edeka in Ascholding geruht, weil Archäologen der Firma Farch das dortige Erdreich genauestens inspiziert haben. Tatsächlich wurden sie fündig. In knapp einem Meter Tiefe stieß das Team von Markus Fagner auf die Überreste einer keltischen Siedlung, nach erster Einschätzung aus den letzten Jahrhunderten vor Christi Geburt. Weil Archäologen sich vor vorschnellen Schlussfolgerungen hüten, stellt Fagner die Aussage unter Vorbehalt. „Das vermuten wir, Stand jetzt.“

Die Keltenzeit in einer Kiste: Die Relikte aus Ascholding passen in diesen kleinen Behälter. Die Keramikscherben sind schwarz. Das bedeutet für den Kenner: Sie wurden ohne Sauerstoff gebrannt, wohl in einem Ofen. Andernfalls wären sie rot.

So richtig überrascht war der Experte aus Meilenberg über den Fund nicht. „Wenn man an all die Hügelgräber in der Umgebung denkt, dann ist doch klar: Diese Menschen müssen ja auch irgendwo gewohnt haben“, sagt er. Dennoch ist der Fund keine Alltäglichkeit. In einer Gegend mit Grünlandbewirtschaftung kommt es praktisch nie vor, dass beim Pflügen Fundstücke aus der Vergangenheit ans Tageslicht kommen, wie es anderswo üblich ist. Insofern ist das Aufspüren der etwa einen Hektar großen Keltensiedlung eine Seltenheit. Fagner findet es „extrem spannend“.

Ascholding und ein Keltenfund? Da war doch schon mal was. Um die Jahrtausendwende stieß ein Landwirt auf das Grab einer jungen Frau, die als „Mädchen von Ascholding“ berühmt wurde und heute im Tölzer Stadtmuseum als absolutes Prunkstück zu besichtigen ist. Gibt es da einen Zusammenhang? Fagner ist – natürlich – vorsichtig. Die Knochen des Mädchens konnten dem 1. Jahrhundert nach Christus zugeordnet werden. Die Siedlung direkt an der Staatsstraße 2072 stammt wohl aus einer früheren Epoche.

Nun, menschliche Knochen haben Fagner und seine Mitarbeiter Stefanie Buchner und Tobias Albrecht nicht gefunden. Dafür Hinweise auf sieben Häuser (wobei eins vielleicht sogar ein zusätzliches Stockwerk zur Aufbewahrung von Getreide hatte), etwa 30 Keramikscherben, eine Gewandnadel, allerhand Tierknochen sowie eine Feuerstelle. Besonderes Augenmerk legt Fagner auf eine Randscherbe. Ihre Aussagekraft ist beträchtlich. Nicht nur, weil sie Hinweise auf die Form des Gefässes (wohl ein Topf) gibt, sondern weil sie verziert wurde. Wenn man genau hinschaut, erkennt man ein gezacktes Muster. Ein Stück Kelten-Kultur.

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Derzeit werden die Fundstücke auf Gut Meilenberg „konservatorisch erstversorgt“, so Fagner. Sprich: Knochen und Scherben werden behutsam gewaschen und getrocknet. Dann kommen sie irgendwann in das Landesamt für Denkmalpflege, wo sie archiviert und der Forschung zur Verfügung gestellt werden. Was genau die Ascholdinger Funde bedeuten, muss irgendwann ein Forscher klären, etwa im Rahmen einer Doktorarbeit.

Die Kelten – der Allgemeinheit bekannt aus der Comic-Serie Asterix und Obelix – faszinieren Fagner. Wer sich vor 2000 Jahren plus x in diesen Breiten ein Haus bauen wollte, musste zunächst ein Stück Wald roden, das heißt: niederbrennen. Das Haus hielt im Schnitt 30 Jahre. Danach galt es, weiterzuziehen, oft dahin, wo das Wasser für einen Brunn erreichbar war. Die drei frostfreien Monate mussten die Kelten nutzen, um Nahrungsvorräte für das ganze Jahr anzulegen. „Alles andere, etwa Kult, war reiner Luxus.“

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Über eine Schrift verfügten die alten Kelten nicht, umso größer ist der Wert archäologischer Fundstücke. Fagner erinnert sich an ein Experiment, das einmal ein Fernsehsender veranstaltet hat. Dabei wurden Menschen der Gegenwart eingeladen, ein halbes Jahr wie in der Steinzeit zu leben. Sie hielten nicht lange durch, einfach weil sie nicht in der Lage waren, für ihr eigenes Leben zu sorgen.

Übrigens waren die Archäologen von Anfang an bei den Arbeiten am Edeka beteiligt. Es war also nicht so, wie man sich das landläufig vorstellt, dass nämlich ein Bagger zufällig auf etwas Historisches stößt und dann die Arbeiten erst einmal ruhen. „Das ist ein Klischee“, so Fagner. Für ihn und seine Firma ist es wichtig, nicht nur gründlich, sondern auch schnell zu arbeiten. Der Bau des Edeka sowie des Kindergartens verzögern sich nicht. „Darüber sind wir erleichtert“, sagt Tobias Janda, Geschäftsführer der Gemeinde.

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