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Vor 75 Jahren: Flammeninferno in Thankirchen - Dorfbewohner überlebten im Stollen

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Von: Clara Wildenrath

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Flammeninferno in Thankirchen - Dorfbewohner überlebten im Stollen
SS-Truppen legten am 1. Mai 1945 Thankirchen in Schutt und Asche. Die Lüftlmalerei erinnert daran. © cw

Vor 75 Jahren stand Thankirchen in Flammen – weil SS-Truppen in einem aussichtslosen Gefecht das Vorrücken der US-Amerikaner aufhalten wollten.

Dietramszell Nur der Kamin stand noch. „Das weiß ich noch, wie wenn’s gestern gewesen wär“, sagt Martin Raßhofer. Als der damals Siebenjährige am Abend des 1. Mai 1945 mit seiner Familie aus dem Luftschutzkeller kam, war der Nachbarhof fast völlig abgebrannt. Die Flammen loderten noch, Rauchwolken standen in der Luft. Von Thankirchen war nicht mehr viel übrig geblieben.

„Das weiß ich noch, wie wenn‘s gestern gewesen wäre“

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Martin Raßhofer erlebte als Siebenjähriger das Flammeninferno in Thankirchen.

Kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs hatte sich eine etwa 40 Mann starke SS-Abteilung in dem kleinen Dorf verschanzt, um den Vormarsch der Alliierten zu verlangsamen. Ihr Auftrag war es, dem flüchtenden deutschen Heer den Rücken freizuhalten. „Die SS-Männer, alles junge Burschen von 18 Jahren, legten Panzersperren an, hoben am Nordrand der Ortschaft Schützenlöcher aus und brachten ein Pakgeschütz und Granatwerfer in Stellung“, ist im Isar-Loisachboten vom 30. April/ 1. Mai 1970 zu lesen.

Als aus Richtung Humbach acht US-Panzer anrückten, begann das Gefecht. Über eine Stunde tobte die aussichtslose Schlacht, dann trat die SS den Rückzug an. „Mit zwei geklauten Traktoren sind sie geflüchtet, bis der Treibstoff leer war“, berichtet Raßhofer. Ein Traktor sei später am Tegernsee wiederaufgetaucht, der andere an der österreichischen Grenze.

SS-Abteilung hatte sich im Dorf verschanzt

Dass es unter den rund 90 Dorfbewohnern keine Verwundeten oder Toten gab, war Raßhofers Vater zu verdanken: Er hatte mit einigen Kriegsgefangenen in einer ehemaligen Kiesgrube südlich von Thankirchen einen Stollen gegraben. „Drei Tage, bevor es losgegangen ist, haben sie uns Kinder dorthin gebracht“, erzählt der heute 82-Jährige. Als die ersten Schüsse fielen, versammelte sich der ganze Ort in dem selbst gebauten Luftschutzkeller. 

Thankirchener grub mit Kriegsgefangenen einen Stollen

Am Abend begleiteten die Amerikaner die Thankirchener wieder ins Dorf zurück. „Es war schon dunkel“, erinnert sich Raßhofer, „und rundum hat alles gebrannt.“ Das Vieh des Nachbarn irrte durch die Trümmer, der Stier war ins Feuer gestürzt. Seine Familie habe Glück gehabt: Das Elternhaus stand noch – war nach fünf Einschlägen von Panzergeschossen allerdings nicht mehr bewohnbar. 

„Es war schon dunkel, und rundherum hat alles gebrannt“

Weil überall Munition herumlag, haben die Amerikaner einen Tag lang das ganze Dorf in das Haus seines Onkels gesperrt, erzählt Raßhofer, „damit nichts passiert“. Am nächsten Tag schon durfte er aber mit seinen Eltern und den beiden Geschwistern ins Pfarrhaus ziehen, das vergleichsweise wenig abbekommen hatte. Auch die Kirche St. Katharina wirkte trotz mehrerer Treffer recht unversehrt.

Von der amerikanischen Besatzung weiß Raßhofer nur noch Einzelheiten

Aus der Zeit der amerikanischen Besatzung und des Wiederaufbaus sind Raßhofer nur noch wenige Einzelheiten im Gedächtnis geblieben. „Ich hab’ meinen ersten Schwarzen gesehen“, erinnert er sich und lacht. Deutlich vor Augen hat er noch das Bild der Tischdecken, die während des Angriffs im heimischen Wohnzimmerschrank lagen: „Die sahen aus wie ein Sieb, komplett durchlöchert von Bombensplittern.“

Fresko beschreibt die Zerstörungen

Schräg gegenüber, auf der anderen Straßenseite, war das Austragshaus seines Onkels komplett abgebrannt. Beim Wiederaufbau verzierte der Architekt und Hobbymaler Fritz Baer die Fassade mit einem Fresko, in dem er die Zerstörungen beschrieb. Damit die sinnlosen Gefechte von Thankirchen, die letzten Kriegshandlungen im Altlandkreis Wolfratshausen, nicht in Vergessenheit geraten.

Ein Jubiläum im Stillen feiert in Lochen heuer die Kirche Maria Magdalena: Sie wird 500 Jahre alt. Doch wegen der Corona-Pandemie wurden alle geplanten Festivitäten abgesagt.

cw

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