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Da geht es lang: Die Jakobsmuschel weist den Pilgern den Weg nach Santiago di Compostela. Von diesem Schild in Asturien waren es noch 300 Kilometer bis ans Ziel.

140 Tagesetappen, 3365 Kilometer

Wie der Jakobsweg das Leben von Kurt Andorfer veränderte

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Der Dietramszeller Kurt A. Andorfer ist im Jahr 2015 den Jakobsweg nach Santiago di Compostela gewandert. Danach, sagt er, war er ein anderer Mensch. 

Kurt A. Andorfer ist heute immer noch passionierter Wanderer und Pilgerberater.

Dietramszell – Am 11. Dezember 2015 spielt sich in Altmünster am Traunsee in Oberösterreich eine skurrile Szene ab. Ein Mann, der sein Haus verkauft hat, übergibt der neuen Besitzerin den Schlüssel und sagt dann den Satz: „Heute ist ein guter Tag, nach Spanien zu gehen.“ Er meint das ernst. Schnappt sich seinen 15 Kilo schweren Rucksack und macht sich auf den Weg. Damit ist klar: Das alte Leben lässt er hinter sich, ein für alle Mal. Was das neue bringt, bleibt abzuwarten. Jetzt heißt es erst einmal: Wandern, wandern, wandern. Schritt für Schritt für Schritt.

Heute, gut vier Jahre später, ist Kurt A. Andorfer (53) im neuen Leben angekommen. Er hat eine neue Heimat gefunden, nämlich Dietramszell, genauer den Ortsteil Linden. Er hat eine neue, in Holzkirchen lebende Lebensgefährtin. Und er übt einen neuen Job aus, seit 1. Dezember vergangenen Jahres im Dietramszeller Rathaus. Dazwischen lag der Jakobsweg, spanisch Camino. In Zahlen: 140 Tagesetappen, 3365 Kilometer. Andorfer sagt, dass das Wandern aus ihm einen anderen Menschen gemacht hat. „Losmarschiert bin ich als hochmütiger, zynischer Realist. Aber der Camino hat mir immer wieder den Spiegel vor die Nase gehalten, um zu erkennen, zu lernen und mich zu ändern.“

Das alte Leben war in die Brüche gegangen

Vor jenem ominösen 11. Dezember 2015 ist für den Oberösterreicher einiges in die Brüche gegangen. Die Ehe, aus der drei inzwischen erwachsene Kinder hervorgegangen sind, ist am Ende. In seinem letzten Job als Personalvermittler geht nichts mehr weiter. Also entscheidet er sich für einen harten Schnitt, verkauft das Haus und hat plötzlich ein halbes Jahr Zeit. „Aus heutiger Sicht war das ein großes Glück.“ Von Leuten aus seinem Umfeld, die ihm das nicht zutrauen, lässt er sich nicht beirren. Dass er ungewöhnlicherweise im Winter aufbrechen muss, macht ihm nichts aus. „Berge habe ich einfach ausgelassen.“ Außerdem wissen Wanderer: Es gibt kein schlechtes Wetter, nur die falsche Kleidung.

Gehen, gehen, gehen: Kurt A. Andorfer marschierte in einem halben Jahr 3365 Kilometer. In Frankreich kaufte er sich neue Schuhe. Hier ein Bild aus dem Nationalpark Pilat bei Lyon.

Die erste Herberge, in der er übernachtet, ist das Haus seiner Mutter in der Nähe von Vöcklabruck – ein angenehmer Auftakt. Danach wird es endgültig ernst. Andorfer hat in keiner einzigen Pension reserviert. „Das hätte meinem Freiheitsgedanken widersprochen“, sagt er. Also muss er sich jeden Abend von Neuem nach einer neuen Bleibe umsehen, was teils mühselig ist. Und: Er hat sich übergewichtig und völlig untrainiert auf den Weg gemacht. Klar, dass er sehr bald an seine körperlichen Grenzen stößt und Pausen braucht. „Aber irgendwann kommst Du dann schon in einen Rhythmus rein.“

Das Wandern brachte eine große Befreiung mit sich

Das Glück des Wanderns erfährt der Pilger zum ersten Mal so richtig, als er in den Chiemgau einbiegt. Ihm wird bewusst, dass er ab sofort keine Termine mehr hat, für niemanden mehr erreichbar sein muss und sich einfach nur noch an der Schöpfung erfreuen kann. Die Erkenntnis kommt ihm bei Traunstein, der Heimat von Papst Benedikt XVI. „Das“, sagt er, „war eine unglaubliche Befreiung.“

Doch es gibt auch Tiefpunkte, physische und psychische. Am schlimmsten ist es im Burgund. Andorfer spricht kein Französisch, die Verständigung ist schwierig bis unmöglich. Die Gegend ist von Landflucht gezeichnet, die Stimmung depressiv. „Da war ich kurz davor, aufzuhören. Ich war überzeugt: Das Ganze ist eine Nummer zu groß für mich.“ In dieser Situation rettet ihn ein Freund, der sich just in dieser Krise von sich aus meldet und ihn ein Stück nach Spanien begleitet.

Mit im Gepäck hat Andorfer ein Netbook. Denn: Seine drei Kinder – heute 31, 30 und 28 Jahre alt – hatten ihren Vater nur unter der Bedingung ziehen lassen, dass er regelmäßig von sich hören lässt. „Deswegen war es für mich ein Ritual, mich abends hinzusetzen und ihnen zu schreiben, was ich erlebt habe und was mich momentan bewegt.“ In seinem Buch „Camino im Winter“ zitiert er aus diesen Mails.

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Kurze Rast: Der Rucksack des Oberösterreichers war 14,5 Kilo schwer – mit den Wintersachen, deren er sich in Avignon entledigte. Das Bild machte er auf der Via Tolosan bei Toulouse.

Auch durch den Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen führt der Weg des Oberösterreichers, und zwar in den Weihnachtsfeiertagen 2015. Die Stationen: Sachsenkam, Bad Tölz, Beuerberg. Seine späteren Wohnort Dietramszell, durch den der Jakobsweg eigentlich führt, umgeht er, einfach, weil er die Kurstadt Bad Tölz sehen will. „Für mich war das alles auch ein bisserl Sightseeing.“ Seine heutige Partnerin lernt er zwar noch nicht kennen, geht aber bereits 50 Meter an ihrem damaligen Haus in Bad Aibling vorbei. „Wenn sie aus dem Fenster geschaut hätte, wäre sie vielleicht gleich mitgegangen“, sagt er und lacht herzlich.

Oft ist der Wandersmann gefragt worden, ob er, wie manche andere, Gott sucht. Seine Antwort lautete stets: „Nein, ich habe ihn ja schließlich nicht verloren.“ Andorfer bezeichnet sich als gläubigen Christen, doch um Spiritualität ging es ihm nicht in erster Linie.

Am Ziel angekommen, heult der Wanderer wie ein Kind

In Spanien ist es schlagartig vorbei mit jener Einsamkeit, die der Pilger anfangs so genossen hat. Jedenfalls auf der Hauptroute drängeln sich die Pilger aberwitzig. „Da geht es zu wie auf einem internationalen Wandertag“, erinnert sich Andorfer. Am 31. Mai 2016 kommt er endlich, endlich in Santiago de Compostela an. „Ich habe geheult wie ein Kind. Und mir geschworen: Ich gehe keinen Meter mehr.“

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Heute ist der Mann, der einst in Altmünster ins Ungewisse aufgebrochen ist, ausgebildeter Pilgerbegleiter und hält Vorträge – den nächsten am Dienstag, 18. Februar, um 19 Uhr in der Volkshochschule Holzkirchen-Otterfing. „Ich will meine Zuhörer motivieren, selbst mit dem Wandern anzufangen.“ So mancher, der schon längst mit dem Gedanken gespielt hat, den Camino zu gehen, hat hier den letzten Kick bekommen. Und dem Beispiel Kurt A. Andorfers zu folgen.  

Das Buch

Kurt A. Andorfer: Camino im Winter – Briefe an die Kinder, Eigenverlag, 148 Seiten mit 34 Fotos, 19,90 Euro zuzüglich Versand, online erhältlich unter www.caminoimwinter.at, beim Amazon oder im Buchhandel.

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