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Die „alte“ und die „neue“ Heike Priess: Bis vor vier Jahren war die Dietramszellerin Profi-Triathletin (li.). Mittlerweile gehört das Herz der 39-Jährigen dem Ultra-Radsport. Derzeit bereitet sie sich mit drei Teamkolleginnen auf das Race Across America vor.

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Eisen in den Beinen, Hegel im Kopf

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Vom Problem-Teenager zur Leistungssportlerin und Philosophin: Der Zick-Zack-Weg der Heike Priess

Dietramszell – „Rauchen, saufen, Party machen“ – das ist nicht zwingend der Weg, der einen zum bekanntesten, mystischsten und wohl auch härtesten Triathlon der Welt führt. Und tatsächlich waren Hawaii und sein legendärer Ironman für Heike Priess in ihrer wilden Teenagerzeit so weit weg wie die aktuelle Forschung von ihrem Ziel, Einsteins Relativitätstheorie mit der Quantenphysik zu vereinen. Im Oktober 2008, als sie – 31 Jahre alt – auf dem Rad sitzend die flirrende Hitze über den Lavafeldern der Insel durchschnitt, führte sie jede vernunftorientierte, von höchster Disziplin durchdrungene Sportler-Vita ad absurdum: Sie hatte den Ritterschlag erhalten, war nun eine Ironwoman. Ihre Zeit? Geschenkt. Monatelange Rückenbeschwerden im Vorfeld hatten ein Topresultat verhindert. „Aber ich war dabei, habe gefinisht. Das war mein Traum. Den habe ich mir erfüllt, und das bedeutet mir sehr viel.“

Auf Lanzarote und Hawaii war Heike Priess als Triathletin am Start.

Heike Priess’ Weg zu einer Ausnahme-Athletin verlief im Zickzack-Kurs. Von ihren Eltern hat sie die Veranlagung nicht. „Sportlich? Nee, das sind die nicht.“ Als Inspiration diente ihr eher Schwester Andrea. Die malte als Synchronschwimmerin Figuren ins Chlorwasser und schaffte es mit den Donaunixen Neuburg bis zu deutschen und globalen Titelkämpfen. Also begleitete Klein-Heike ihre ältere Schwester eines Tages zum Training. Danach hatte sich das mit dem Wasserballett erledigt. „Zu langweilig“, sagt Priess. Sie ging lieber zu den Wettkampfschwimmern des benachbarten TSV. Dort kraulte sie zwei, drei Jahre recht erfolgreich mit, bevor sie zum Donau-Ruder-Club an ihrem Geburts- und Wohnort wechselte und den Badeanzug mit einem Rennkanu tauschte. Doch selbst der zweite Platz bei der Bayerischen und Rang sechs bei der nationalen Meisterschaft aktivierten das Leistungssport-Gen in ihr nicht komplett. Nach einem Streit mit der Trainerin warf sie den „ganzen Krempel“ hin. 14 Jahre alt war sie damals.

Bis der Sport wieder in ihr Leben trat, sollten neun Sommer vergehen. Die Zeit dazwischen? Sie war alles andere als gesund. „Ich hab’s wirklich krachen lassen“ erinnert sie sich. Alkohol, Zigaretten, Heavy Metal, Spaß haben mit Freunden – das waren feste Bestandteile ihres Tagesablaufs. Wie ihre Eltern das empfunden haben? „Ehrlich gesagt habe ich sie das bis heute nicht gefragt“, gibt sie zu. Sie hätten sie einfach machen lassen, „offenbar hatten sie Vertrauen zu mir“.

Immerhin: Nach einer abgebrochenen Automechaniker-Lehre verpflichtete sie sich, 17-jährig, „aus Abenteuerlust“ für fünf Jahre bei der Bundeswehr. Bis heute erachtet sie das als „eine der besten Entscheidungen meines Lebens“. Der Bund gibt ihr heute noch finanzielle Sicherheit: Sie ist aktive Reservistin. Eine Wehrübung bringt ihr, inzwischen Majorin, 3000 Euro netto. Und Übung bedeutet längst nicht mehr: nächtliche Gewaltmärsche, Februarkälte, im Schlamm robben. Zu Priess’ Aufgaben zählen Einsätze bei G 7-Gipfeln ebenso wie im Hochwasser-Fall. „Ich bin quasi Back-up, und Bedarf besteht immer.“

Während ihrer ersten Zeit bei den Streitkräften fand sie wieder Gefallen an körperlicher Leistung. „In der Grundausbildung musste ich an die Grenzen gehen.“ Sie hatte Spaß daran – und irgendwann den Ironman auf dem Schirm. Es sollte aber noch etwas dauern, bis sich dieser Traum verwirklichen ließ. Zunächst holte sie das Abitur nach, ließ ein Studium folgen: Philosophie, Politik und Internationales Recht. Warum diese ungewöhnliche Fächerkombination? Auch hier entwickelte sie Ehrgeiz: „Wenn schon, dann was Großes: Ich wollte einen Job bei der NATO oder UNO.“

Der Sport stellte sich zwischen diese Karriere. Sie hörte auf zu rauchen, trainierte – und absolvierte ihre ersten kurzen Triathlons. Dann folgte der Wechsel auf die Langdistanz. 2004 debütierte sie in Roth, im folgenden Jahr schwamm, radelte und lief sie dort auf den achten Gesamtplatz. Mit dem Sieg in der Altersklasse 30 auf Lanzarote 2008 qualifizierte sie sich für Hawaii. Die Triathlonkarriere zog die Dietramszellerin durch bis 2012, drei Jahre lang sogar als Profi. Ihre beste Saison 2011 krönte sie mit Rang sechs in Roth, gleichbedeutend mit der deutschen Vizemeisterschaft auf der Langdistanz.

Dann reichte es. Ihre Nebenjobs als Triathlontrainerin sowie Teilzeit-Bike-Guide auf Lanzarote und Istrien nahmen in ihrem Leben mehr und mehr Raum ein. Die Dopingproblematik und „Windschatten-Gaudi“, wie sie es nennt, machten der heute 39-Jährigen den Abschied vom Triathlon leicht. Ganz von Wettkämpfen lassen kann sie jedoch nicht. Ultra-Radrennen haben es Priess angetan. Die 24 Stunden am Nürburgring hat sie schon gewonnen. Im kommenden Juni möchte sie mit drei Mitstreiterinnen den Frauen-Teamrekord beim Race Across Amerika knacken (wir berichteten).

Wenn Heike Priess einmal daheim in Einöd ist, und das kommt selten genug vor, schaut sie begeistert US-Fernsehserien, kümmert sie sich um Katze Baby und um ihre Buchhaltung. „Die mache ich selbst.“ Wer Philosophie studiert habe, könne auch das Umsatzsteuergesetz lesen, konstatiert sie. „Das ist auch nicht schwerer als Hegel.“

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