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Wollen den Landkreis voranbringen: (v. li.) Sebastian Englich (Linke), Filiz Cetin (SPD), Klaus Koch (Grüne) sowie (v. re.) Anton Demmel (CSU) und Landrat Josef Niedermaier (FW) im Gespräch mit Veronika Ahn-Tauchnitz, Redaktionsleiterin des Tölzer Kurier.

Diskussion über ÖPNV, Wohnen und Gesundheit

Kommunalwahl 2020: So schlagen sich die Landratskandidaten auf dem Podium

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Josef Niedermaier (FW) will Landrat bleiben. Filiz Cetin (SPD), Anton Demmel (CSU) , Klaus Koch (Grüne) und Sebastian Englich (Linke) wollen es werden. Bei unserer Podiumsdiskussion stellen sie sich den Fragen der Zukunft.

Ascholding – Eingedeckt mit Wasser, Schokolade und Gummibärchen haben alle Landratskandidaten einen kühlen Kopf bewahrt, auch wenn es über zwei Stunden lang um gewichtige Themen ging. Amtsinhaber Josef Niedermaier (FW) und seine Kontrahenten im Kommunalwahlkampf, Filiz Cetin (SPD), Anton Demmel (CSU) , Klaus Koch (Grüne) und Sebastian Englich (Linke), stellten sich am Mittwochabend den Fragen von Moderatorin Veronika Ahn-Tauchnitz. Isar-Loisachbote/Geretsrieder Merkur und Tölzer Kurier hatten zur Podiumsdiskussion in den Holzwirt in Ascholding eingeladen. Der Saal war fast bis auf den letzten Platz gefüllt.

Die Bewerber um den Chefsessel im Landratsamt waren sich in den Grundsatzfragen im Großen und Ganzen einig. Ins Wort fielen sich die alten Hasen des Kreistags vereinzelt, um besseres Faktenwissen anzubringen. Niedermaier, Demmel und Koch präsentierten sich gelassen und sattelfest. Cetin, die erst seit Kurzem in Bad Tölz wohnt, hat sich gut in die Landkreisthemen eingearbeitet und punktete mit Schlagfertigkeit. Englich hatte als Politik-Neuling einen schweren Stand.

ÖPNV

In einer Online-Umfrage konnten die Leser abstimmen, welches Thema sie am meisten interessiert. An der Spitze: Verbesserung des Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV). „Wie schafft dieser Landkreis, der oft im Verkehr erstickt, die Verkehrswende?“, wollte Kurier-Redaktionsleiterin Ahn-Tauchnitz wissen. Wie sei nicht die Frage, stellte Koch klar. „Wir müssen es schaffen.“ Das sah auch Demmel so. Die Vorstellungen der beiden vom Weg dahin liegen aber weit auseinander. Koch hält finanzielle Vorleistung für nötig. „Angebot schafft Nachfrage“, sagt er. Geld mit dem Füllhorn auszuschütten, liegt dem amtierenden Königsdorfer Bürgermeister dagegen fern. Dass die Verbesserung des ÖPNV mit der Fortschreibung des Nahverkehrsplans, die in Arbeit ist, auf dem Weg sei, merkte der Landrat an. „Die Verkehrswende kann nur mit einem Verkehrsmix gelingen“, findet Cetin. Und Englich verfolgt das Ziel eines kostenlosen ÖPNV für alle. Dafür fand er auf dem Podium allerdings keine Zustimmung. Verlässlichkeit, ausreichend Kapazitäten und verständliche Tarifstrukturen sind wichtiger, so der Tenor.

Fahrradfahren

„Ich würde mehr Fahrrad fahren, wenn es mehr Radwege gebe“, leitete Ahn-Tauchnitz das nächste Thema ein. Die hätten alle Kandidaten gerne. Das Geld ist da, die nötigen Grundstücke zu bekommen, sei allerdings das Problem, so Niedermaier. „Ich hoffe, dass die Gemeinden dranbleiben“, sagte Demmel über einen Radweg entlang der Bundesstraße zwischen Königsdorf und Bad Heilbrunn. Als kurzfristige Lösungen, um den Radverkehr attraktiver zu machen, schlugen Koch, Cetin und Englich sichere Fahrradabstellplätze und eine optische Trennung zwischen Radweg und Straße vor.

S7-Verlängerung

Dass die S7-Linie von Wolfratshausen nach Geretsried verlängert wird, daran glauben alle Landratskandidaten. Dieses Zeichen sei auch wichtig, betonte Koch. „Das Projekt ist abhängig von Mitteln, die von außen in unsere Region kommen“, so der Beuerberger. Niedermaier sagte: „So nah dran wie jetzt sind wir nie gewesen.“ Wie berichtet liegen aktuell die Planungsunterlagen aus. Demmel warb dafür, ins Rathaus zu kommen, um sie anzusehen.

Wohnen

Das zweitwichtigste Thema für die Bürger ist laut Online-Abstimmung bezahlbarer Wohnraum. Da der Landkreis nicht selbst bauen darf, setzt Cetin in dieser Frage auf die Förderung der Kommunikation zwischen Bürgermeistern und Akteuren. Niedermaier lobte die „extrem guten Baugenossenschaften“ im Landkreis. Die Gemeinde Königsdorf nutzte das Kommunale Wohnraumförderprogramm. Das kann Demmel nur weiterempfehlen. Koch hält mehr Geschosswohnungsbau für notwendig.

Gesundheit

Im Landkreis fehlen Pflegeplätze. Koch will das lösen, indem er Gemeinden zusammenbringt, damit sie gemeinsame Heime errichten. Hier sieht Demmel den Landkreis ebenfalls in der Pflicht. „Was hilft es, wenn das Heim steht, aber niemand dort arbeiten will“, warb Niedermaier dafür, Pflegeberufe attraktiver zu gestalten. Das sah Cetin ähnlich. „Es gibt Pfleger, die mehr arbeiten wollen, aber die Stunden nicht bekommen“, kritisierte Englich.

Lob gab es von den Kandidaten für die gut funktionierende Kooperation zwischen der Kreisklinik Wolfratshausen und dem Klinikum Starnberg in Sachen Geburtshilfe. Dass es angesichts der dadurch entstehenden Kosten (1,8 Millionen Euro pro Jahr) für den Landkreis eine gute langfristige Lösung brauche, warf Demmel ein. Cetin hält Kooperationen auch anderer Abteilungen für nötig. Dass die ständig neuen Bundesgesetze den Kliniken die Arbeit erschweren, kritisierte Niedermaier.

Koch möchte unbedingt beide Klinikstandorte im Landkreis, Wolfratshausen und Tölz, erhalten. Englich verfolgt mit der Rekommunalisierung einen radikalen Ansatz: „Mit Gesundheit darf kein Geld verdient werden.“

Lesen Sie auch: So will der neue Geschäftsführer die Kreisklinik in die Zukunft führen

Die Fragen aus der Bürgerschaft

Nach seinen „cleveren Verkehrsideen“ fragte Jakob Koch, Sprecher der Grünen Jugend, Anton Demmel (CSU). Der sprach sich für einen CO2-neutralen ÖPNV und bezahlbare Lösungen aus. 

Alexander Müllejans, ebenfalls von den Grünen, wollte von Josef Niedermaier wissen: „Welche Möglichkeiten sehen Sie, das Problem der Verspätungen auf der S7-Linie zu lösen?“ Der FW-Landrat gab an, der Landkreis München treibe den zweigleisigen Ausbau der Strecke voran. Die Situation bei der BOB sei ähnlich, auch hier arbeite man mit den Nachbarlandkreisen zusammen. 

Karl Probst vom Verein „Rettet die Isar jetzt“ erkundigte sich nach den Positionen der Kandidaten zum Thema Walchenseekraftwerk und den verursachten ökologischen Schäden. „Wir brauchen mehr Restwasser in der Isar“, so Klaus Koch. Niedermaier stimmte zu, sagte aber auch: „Das völlig CO2-neutrale Kraftwerk muss wirtschaftlich betrieben werden können.“ 

„Wie beteiligen sie die Bürger des Landkreises an der Energiewende?“, wollte Klaus Sieber aus Greiling wissen. „Die Tölzer Stadtwerke gehören den Bürgern vor Ort“, erklärte Niedermaier. Koch: „Wenn Bürger an Windrädern verdienen würden, wären sie leichter durchzusetzen.“ Demmel brachte eine Hol- und Bringschuld der Bürger ins Spiel. Sie müssten das Thema selbst in die Hand nehmen, sagte auch Sebastian Englich (Linke). „Wenn wir genug Windkraft haben, brauchen wir das Walchenseekraftwerk vielleicht nicht mehr“, spannte Filiz Cetin (SPD) den Bogen. 

Michael Häsch, Vize-Bürgermeister von Dietramszell (CSU), brachte den Widerspruch von Bienen retten und Flächenversiegelung durch den Bau von Radwegen an. „Wir müssen runter mit dem Flächenverbrauch“, so Koch. Demmel sprach sich für mehr Gelassenheit in Bezug auf die Landwirtschaft aus. 

In ratlose Gesichter blickte Franziska Kanzler aus Dietramszell, die nach einem vergünstigten Restmüllsack für Windeln fragte. Zuspruch erhielt Angelica Dullinger aus Kochel, die sich für die Förderung von Frauen einsetzte. Die Stärkung des Landkreises als Wirtschaftsstandort forderte Peter Pelz (CSU) aus Eurasburg. Die Debatte um digitale Hausmeister, die der Geretsrieder Bernhard Lorenz (SPD) aufbrachte, beendete Demmel: „Auch wenn ich da die Spaßbremse bin, wir können viel über Wünsch-dir-was diskutieren, aber ich kandidiere, um die Pflichtaufgaben vernünftig zu lösen.“

sw

Alle Infos zur Kommunalwahl im Landkreis Pad Tölz-Wolfratshausen finden sie immer aktuell auf unserer Themenseite.

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