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Sorgte 2014 für einen Skandal: Aktionskünstler Wolfgang Kastner demontierte die Hindenburg-Büste von der Klostermauer.

Umstrittener Reichspräsident

Symposium zur  Aufarbeitung der Nazi-Zeit: Die „Causa Hindenburg“ geraderücken

Über die Erinnerung an den umstrittenen Reichspräsidenten Hindenburg wird in Dietramszell kontrovers diskutiert. Nun ist ein Symposium zu diesem Thema geplant.

Dietramszell Beim Thema Hindenburg kochen in Dietramszell schnell die Gemüter hoch. Vor fünf Jahren musste sich der Ort international als „braunes Nest“ beschimpfen lassen, weil sich der Gemeinderat zunächst nicht offiziell von den Ehrenbürgerschaften aus der Zeit des „Dritten Reichs“ distanzieren wollte. Kurze Zeit später sorgte Aktionskünstler Wolfram Kastner durch die Demontage der Hindenburg-Büste an der Klostermauer für neuen Zündstoff. Ob und wie man der Erinnerung an den umstrittenen Reichspräsidenten Raum geben will, wird seither in der Gemeinde kontrovers und mit großer Vehemenz diskutiert.

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„Die Atmosphäre ist emotional sehr aufgeladen“, sagt Historiker Dr. Michael Holzmann. „Es ist Zeit, die Fakten geradezurücken und ein Bild der Verhältnisse zu entwickeln, das der Realität entspricht.“ Der Autor, der lange in Dietramszell gelebt und auch an der Ortschronik mitgeschrieben hat, organisiert deshalb ein Symposium zur wissenschaftlichen Aufarbeitung der regionalen Nazi-Einflüsse. Welche politische Rolle spielte Paul von Hindenburg im Ersten Weltkrieg und im „Dritten Reich“? Welches Verhältnis hatte er zu Dietramszell – und die Bevölkerung zu ihm? Über diese und andere Fragen referieren am 30. November im Gasthof Peiß renommierte Geschichtsexperten. Besonders freut sich Holzmann über die Zusage des bekannten Hindenburg-Biografen Professor Wolfram Pyta. Dr. Thomas Schlemmer, Historiker am Institut für Zeitgeschichte, erläutert am Beispiel des Oberland-Denkmals in Schliersee, wie andere Gemeinde mit Hinterlassenschaften der NS-Zeit umgehen. Moderiert wird die Veranstaltung vom ehemaligen Generaldirektor der Staatlichen Archive Bayerns, Professor Hermann Rumschöttel.

Mit von der Partie ist bei der hochrangig besetzten Veranstaltung auch die Ascholdinger Historikerin Dr. Susanne Meinl. Sie beleuchtet in ihrem Vortrag, welche gesellschaftlichen Entwicklungen und welche Persönlichkeiten zum Aufstieg der NSDAP im Oberland beitrugen. Eine zentrale Rolle spielte dabei Hermann Esser, erläutert sie im Gespräch mit unserer Zeitung. Der Propagandaleiter der NSDAP und bayerische Wirtschaftsminister lebte in Thankirchen. Dort habe sich der Antisemit immer sehr leutselig gegeben und sich unter anderem „sehr für die Landbevölkerung eingesetzt“. Meinl hält es für wichtig, das sensible und komplexe Thema mit Bedacht anzugehen, um niemanden vor den Kopf zu stoßen. Beim Thema Hindenburg gebe es nicht nur Schwarz und Weiß, sondern viele Zwischentöne. Durch seine Jagdurlaube, die der Reichspräsident regelmäßig in der Gemeinde verbrachte, habe er durchaus auch Glanz und Bekanntheit in den Ort gebracht. Auf das vielschichtige Verhältnis zwischen Hindenburg und Dietramszell geht Holzmann in seinem Referat noch ausführlicher ein.

„Ein solches Symposium haben wir schon jahrelang vorgehabt“, erklärt Bürgermeisterin Leni Gröbmaier. Sie wünscht sich eine sachliche Darstellung der „Causa Hindenburg“ aus allen Gesichtspunkten. Schuldzuweisungen oder moralische Verurteilungen seien fehl am Platz. Ziel der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit müsse sein, dass ähnliche Verbrechen an der Menschheit nicht mehr vorkommen: „Unser Auftrag ist es, die Demokratie zu schützen und zu stärken.“

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Ein weiterer wesentlicher Schritt in der Vergangenheitsbewältigung ist ein Geschichtspfad, der im Rahmen des Dorferneuerungsprojekts entstehen soll. Geplant ist er entlang eines neuen Gehwegs unterhalb des Rathaushangs. Wie genau er aussieht, stehe aber noch nicht fest: „Dafür müssen wir noch mehr Bürgerbeteiligung einholen“, meint Gröbmaier. Historiker Holzmann, der als Mitglied des Arbeitskreises Geschichte auch an diesem Projekt federführend beteiligt ist, hält acht bis zehn Stationen zur Ortsgeschichte für sinnvoll. Bis der Pfad fertig ist, werden allerdings noch zwei bis drei Jahre vergehen, schätzt er. Die Hindenburg-Büste, um die sich in den vergangenen Jahren hitzige Diskussionen entzündet hatten, soll nach den bisherigen Plänen dort nicht aufgestellt werden.

Info

Das Symposium „Dietramszell und Hindenburg im Wandel der Zeit“ findet am Samstag, 30. November, ab 14 Uhr in der Gaststätte Peiß statt und steht allen Interessierten offen. Der Eintritt ist frei.

(vu)

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