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Kleiner historischer Moment: (v. li.) Matthias Kroiß (WBV), Förster Robert Nörr, Thilo Rothkegel (W.P. Handels GmbH) und Waldbesitzer Hubert Köglsperger setzen im Rahmen einer Pflanzaktion Baum Nummer 100 000, eine Weißtanne.

Pflanzaktion nach Orkan Niklas

100.000 Bäumchen für die Nachwelt

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Egling - Waldbesitzer im Landkreis ächzen unter den Folgen von Orkan Niklas. Eine Pflanzaktion soll die Schäden eindämmen. Ein Ortstermin im Wald.

Mit nur einem geübten Stich legt Hubert Köglsperger das Fundament für die Zukunft – für seine Kinder und Enkel. Den Spaten in der Hand hebt der Siegertshofener ein kleines Loch aus, Förster Robert Nörr lässt langsam einen Weißtannensetzling hineingleiten, drückt die Erde vorsichtig fest und grinst zufrieden. „Hier wird der Generationenvertrag im Wald gelebt“, sagt er voller Überzeugung.

Wir befinden uns in einem Waldstück im Eglinger Ortsteil Siegertshofen. Dieses idyllische Fleckchen Erde sieht aus, wie ein Wald für den Laien eben aussieht. Und wie er typisch ist für die Region. Bäume mit hohen Wipfeln, vor saftigem Grün strotzendes Unterholz. Die Vögel zwitschern, die Insekten schwirren. Doch die Idylle trügt. Dieser Wald steht stellvertretend für viele Wälder in der Gegend, die von Orkan Niklas im vergangenen Jahr teils schwer in Mitleidenschaft gezogen wurden. Der Sturm hat Schneisen in intakte Wälder gerissen. Mit einem Federstreich Jahrzehnte der Pflege zunichte gemacht. Wunden, die man oft nicht auf den ersten Blick sieht und die erst in Jahrzehnten verheilt sein werden. „Ich werde höchstens noch erleben, wie die nachgepflanzten Bäume so hoch wie Christbäume werden“, sagt Hubert Köglsperger, dessen Wald eines seiner beruflichen Standbeine ist. Den wirklichen Ertrag, den werden erst die Enkelkinder haben. 40 Jahre dauert es, bis eine Fichte groß genug ist, um ihr Holz etwa für den Hausbau einsetzen zu können. Aber, so Köglsperger. „Waldbesitzer denken eh nicht in Quartalen, sondern in Schritten von 25 Jahren.“

Klimawandel: "Wir sind mittendrin"

Nur wenige Meter weiter und vom Waldweg aus kaum erkennbar, zeigt Köglsperger eine sonnige Lichtung. Was zunächst normal aussieht, ist tatsächlich eine der Lücken, die der Sturm hinterlassen hat. Um Schäden wie diese wenigstens ansatzweise wieder auszumerzen, haben Waldbesitzervereinigung (WBV) und Waldbesitzer während der vergangenen rund acht Wochen „eine riesige Leistung erbracht“, wie Förster Robert Nörr betont. 100 000 Bäumchen haben sie in einer Gemeinschaftsaktion gepflanzt und somit dazu beigetragen, „in unserer Heimat stabile Wälder zu bekommen“. Die seien laut Nörr in Zukunft nämlich wichtiger denn je. Orkan Niklas sei lediglich symptomatisch gewesen. „Ich weiß“, sagt Nörr, „das Wort Klimawandel will keiner besonders gerne hören. Fakt ist aber: Wir sind mittendrin“.

Derlei Pflanzungen sind eine Art Lebensversicherung für Wald und Mensch

Die Waldbesitzervereinigung (WBV) Wolfratshausen:

Gegründet wurde die gemeinnützige, nicht gewinnorientierte WBV Wolfratshausen im Januar 1949 und gehört damit zu den ältesten WBV in Bayern. Ihr Zweck ist, privaten, bäuerlichen, genossenschaftlichen, kommunalen und körperschaftlichen Waldbesitz im WBV-Wirkungskreis zu erhalten und zu fördern.Die Vereinigung vertritt ihre Mitglieder etwa in allen Fragen der Waldwirtschaft, berät in Sachen Holzeinschlag, Forstschutz und Bodenverbesserung. Sie hilft zudem bei der Holzvermarktung und beim Bau und der Pflege von Wegen. Ihr Wirkungsbereich erstreckt sich auf die Landkreise Bad Tölz-Wolfratshausen und Teile von München und Miesbach. Die WBV verfügt über mehr als 1100 Mitglieder und eine Fläche von über 18 000 Hektar.

Für die Wälder bedeute das häufigere und heftigere Stürme. Aber auch Dürren würden signifikant zunehmen. Und das sei noch nicht einmal das ganze Problem. „Im Anschluss an solche Ereignisse können wir auch beobachten, dass der Borkenkäferbefall auffällig zunimmt“; sagt der Waldexperte. Verbleibende Bäume würden geschwächt und dadurch gegenüber Stürmen wieder viel anfälliger. „So entsteht ein regelrechter Dominoeffekt“, erklärt Nörr. Zudem würden sich auf brachen Flächen etwa Brombeersträucher rasch verbreiten. Die wiederum ließen nachwachsenden Bäumchen kaum eine Überlebenschance. Plötzliche, starke Sonneneinstrahlung und daraus resultierender Sonnenbrand und Wasserstress seien weitere negative Nebeneffekte. Nur gesunde Mischwälder mit Fichten, Tannen und Buchen seien dagegen ausreichend gewappnet. „Möglichst natürlich eben“, schiebt Köglsperger hinterher und gibt zu bedenken, dass Bäume fachgerecht gepflanzt werden müssten. „Ein falsch gepflanzter Setzling wurzelt nicht tief genug und fällt dann schnell um.“


Ein Ziel der Waldwirtschaft sei es, „schöne, reife Bäume zu ernten“, sagt Thilo Rothkegel vom Dietramszeller Holz-Großhandel W.P. Handels GmbH. Dies erfordere aber jede Menge Pflege und andauernde Kontrollen. Einen anderen, ganz wesentlichen Aspekt dürfe man aber keinesfalls vergessen. „Eine 100 Jahre alte Fichte hat rund 2,6 Tonnen CO2 absorbiert“, sagt Rothkegel. „Im Gegensatz zu Sträuchern ist das langfristig und damit unbezahlbar für die Gesellschaft.“ Derlei Pflanzungen seien also eine Art Lebensversicherung für Wald und Mensch.

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