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Wäsche waschen wie vor 50 Jahren: Elisabeth Wiedenbauer (li.) fühlte sich in ihre Kindheit zurückversetzt, als sie mit einem Waschbrett Tücher reinigte.

Zeitreise zum Jubiläum

Auf dem Thanninger Dorffest drängeln sich tausende von Besuchern

Zum Jubiläum veranstalteten die Thanninger ein Dorffest - Zeitreise inklusive. Das Interesse war groß.

Thanning – Als sich das Thanninger Jubiläumsfest am Sonntag dem Ende zuneigt, strahlt Korbinian Hasch von einem Ohr bis zum anderen: „Das Dorf ist über sich hinausgewachsen“, stellt der Koordinator fest. „Die Stimmung war supergut, das Wetter war traumhaft – wir sind rundherum zufrieden.“ Zumal auch der Publikums-Zuspruch so war, wie es sich die Organisatoren erträumt hatten: Am Samstag strömten über 2000 Besucher nach Thanning, am Sonntag sogar noch einige mehr.

Es habe so gut wie kein Angebot gegeben, das keinen Anklang fand. Gleich ob Kirchen-, Denkmal- oder Biogasanlagen-Führung: Überall marschieren viele Menschen mit. Kulinarisch erwiesen sich die außergewöhnlichen Angebote als Renner. Beispielsweise die Schäfersemmeln mit Lammfleisch und die „Zwuller mit Kraut“ – ein Gericht aus Kartoffeln, Mehl und Schmalz: „Da haben unsere Köche am Samstag gleich noch mal 120 Kilo zusätzlich gemacht“, sagt Hasch. Insgesamt sei es „wunderbar gelaufen“. Zum gleichen Fazit kommt der ehemalige Eglinger Bürgermeister Hans Sappl: „Unsere Erwartungen wurden mehr als erfüllt.“ Von den Besuchern habe es durchweg eine positive Resonanz gegeben, „und die Dorfgemeinschaft hat sehr gut mitgezogen“.

Zu denjenigen, die mit Leidenschaft dabei waren, gehört Elisabeth Wiedenbauer. Sie kümmert sich um den Programmpunkt „Wäsche waschen am Bach wie zu Großmutters Zeiten“. Wiedenbauer bearbeitet die Kleidung mit einem Stampfer an der Wasserwanne, säubert sie mithilfe eines Waschbretts und spült sie im Moosbach. Währenddessen kommen bei ihr jede Menge Erinnerungen hoch: „Ich bin am Moosbach aufgewachsen.“ Bis in die 1960er-Jahre hinein sei es üblich gewesen, die Stoffwindeln im Bach zu reinigen: „Die Fische haben schon darauf gewartet.“ Plötzlich lacht sie lauthals auf, als ihr eine Anekdote mit ihrem Bruder aus dem Jahr 1963 einfällt. Ihre Mutter ärgerte sich damals maßlos darüber, dass der Bub im Alter von drei Jahren noch immer nicht „trocken“ ist. Also ordnete sie an, dass er ab sofort seine Windeln selbst im Bach reinigen muss. Schnippische Bemerkungen von der Nachbarin gab’s obendrein. Wiedenbauer: „Da hat sich mein Bruder so geschämt, dass er von einem Tag auf den nächsten nicht mehr in die Windeln gemacht hat.“

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Jede Menge Erinnerungen werden auch in der Gräfin-Justitia-Straße wach. Beispielweise an den „Stoadickl“, ein Thanninger Original aus dem vergangenen Jahrhundert. Bis in die 1970er-Jahre produzierte der „Stoadickl“ – sein eigentlicher Name war Sepp Bernlochner – per Hand Mauersteine aus Schlacke. „Ich kann mich noch genau daran erinnern“, sagt Toni Huber. „Halb Thanning“ sei mit diesem billigen Baustoff errichtet worden. Während der Vorbereitung des Jubiläumsfests fragte das Festkomitee bei Florian und Leni Gams an, ob sie die historische Steinproduktion für zwei Tage aufleben lassen können – der „Stoadickl“ war schließlich Leni Gams’ Opa: „Wir haben leichtsinnigerweise Ja gesagt“, sagt Florian Gams schmunzelnd. Bausteine aus Schlacke dürfe man mittlerweile nicht mehr herstellen, sie gelten als industrieller Sondermüll. Also produzieren die beiden die Mauersteine aus Beton – sehr zum Unverständnis eines kleinen Buben, der beobachtet, wie die Gams-Familie die nötigen Bestandteile für den Mauerstein-Bau zusammenstellt und dann fragt: „Warum kauft ihr die Bausteine nicht einfach im Baumarkt?“

Zurück in die Vergangenheit heißt es auch im Thanninger Feuerwehrhaus, wo Markus Kreiter im historischen Kostüm mit einer antiken Boston-Tiegel-Druckmaschine Lesezeichen, Postkarten und Haussegens-Karten bearbeitet. Dass das Thanninger Feuerwehrhaus für die Vorführung ausgewählt wurde, ist kein Zufall. Es war einst die Heimat der Kreiter Druckservice GmbH, die heute in Wolfratshausen beheimatet ist.

In der Schmiedbergstraße sitzen unterdessen mehrere Frauen an Spinnrädern. Ein Relikt aus der Vergangenheit? Nur auf den ersten Blick. „Ich habe das Spinnen von meiner Mutter gelernt und sitze heute noch täglich am Spinnrad“, sagt Adelheid Dreistein. Das Material dafür liefern ihre 30 Schafe. Für Dreistein ist das Spinnen nicht nur Hobby. An der Volkshochschule gibt sie Kurse, und in ihrem Internet-Shop verkauft sie handgemachte Pulswärmer, Taschen und Pullover aus Schafwolle. „Im Prinzip sind solche Produkte nicht bezahlbar“, sagt Dreistein. „Ich habe aber den Eindruck, dass gerade junge Leute eine Wertschätzung für solche hochwertigen Produkte entwickeln.“

Beim Dorffest ging es auch darum, einen Bogen von der Vergangenheit in die Zukunft zu spannen – und das ist auch in diesem Fall gelungen.

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