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Polarlichter in Nordschweden: Das Christfest 2017 feierte Werner Müller-Schell in der Heimat seiner Freundin bei deren Großmutter.

Wenn der Christbaum eine Palme ist

So feiern Weltenbummler aus dem Landkreis Weihnachten

Einige Menschen aus dem Landkreis verbringen Weihnachten nicht zu Hause im Kreise ihrer Lieben, sondern im Ausland. Wir haben die Weltenbummler aufgespürt.

Wolfratshausen – Ein Weihnachtsfest außerhalb der Heimat – also ganz ohne Familie, Tanne, Christmette, Bescherung und Mamas Rehbraten – ist für viele keine Option. Doch es gibt Ausnahmen – und damit sind nicht nur jene gemeint, die vor zu viel Besinnlichkeit an den Strand von Koh Samui fliehen. Den einen schlägt es aus beruflichen Gründen in die Ferne, der andere unternimmt eine Weltreise und ist just an Weihnachten auf der gegenüberliegenden Seite der Erdkugel. Wir haben ein paar Weltenbummler aufgespürt und lassen sie erzählen, wie ihr Weihnachtsfest aussieht.

Kindern helfen in Indien: Johanna Woisetschläger

Ein bisschen heimatliche Tradition muss schon sein: Die Königsdorferin Johanna Woisetschläger bastelt im Englischunterricht mit ihren indischen Schützlingen Nikoläuse aus Klopapierrollen.

Johanna Woisetschlägers Christfest „wird etwas anders ablaufen als normal in Deutschland“ – weniger ruhig und besinnlich. Die Königsdorferin leistet derzeit als Betreuerin von HIV-infizierten Jugendlichen ein Freiwilligen-Jahr in Südindien. Dort „wird es ein Programm geben mit Tänzen, Theater und Feuerwerk“. Die meisten Menschen in der Region sind Hindus, folglich sei in den Dörfern außerhalb des Projekts nicht viel Weihnachtsstimmung auszumachen. Außerdem ist die Königsdorferin „dank der frischen 20 bis 30 Grad“, wie sie schmunzelnd erzählt, „noch nicht ganz im Dezember angekommen“.

Weil sie aber für ein christliches Projekt arbeitet, geht es nicht ganz ohne Feierlichkeiten zur Geburt Christi. Um ein bisschen deutsche Tradition einzubringen, studierten die 19-Jährige und ihre Mitvolontärin mit ihren Schützlingen ein Krippenspiel ein. „Außerdem wollen wir Plätzchen und Kuchen für alle backen, wofür man, wie so oft hier, kreativ werden muss.“ Einen Backofen gibt es nämlich nicht, „aber mit der Mikrowelle wird es auch irgendwie klappen“.

Generell wird der Königsdorferin in Indien noch bewusster, „dass es an Weihnachten nicht auf materielle Geschenke ankommt“. Im Vergleich zu den Menschen hier, „besitzen wir in Deutschland sowieso viel mehr, als wir eigentlich brauchen“. Die Wünsche der Kinder in Indien seien bescheiden, beispielsweise ein Kuchen oder Äpfel, die sie nur selten bekämen. „In Deutschland sind das Kleinigkeiten, die für viele Kinder selbstverständlich sind.“ Für die 19-Jährige zählt an den Festtagen, „von lieben Menschen umgeben und vor allem dankbar zu sein. Dankbar, für alles, was wir in unserem Leben geschenkt bekommen. Daher ist es für mich wirklich das allerbeste Weihnachtsgeschenk, dass mich mein Freund aus Deutschland an Weihnachten besuchen kommt.“ 

Weihnachten international: Globetrotter Werner Müller-Schell

Warm anziehen: Werner Müller-Schell, Weltreisender aus Deining, verbrachte den Heiligabend in Schweden.

Gäbe es das Fach „Heiligabend in der Fremde“, wäre Werner Müller-Schell ein Meister. Er habe Weihnachten 2017 in einem kleinen nordschwedischen Dorf bei der Großmutter seiner Freundin verbracht, erzählt der Journalist, Reiseblogger und Globetrotter aus Deining. Rund 300 Kilometer südlich des Polarkreises ist es um diese Jahreszeit täglich nur etwa vier Stunden hell. Und es ist kalt, richtig kalt: „Die Temperaturen lagen zwischen minus 5 und minus 20 Grad. Dafür gibt es Nordlichter, die wir pünktlich am Heiligabend auch gesehen haben.“ Müller-Schell erlebte dieses „Naturschauspiel“ erst das zweite Mal überhaupt, „sodass ich davon gar nicht genug bekommen konnte“. Zum schwedischen Heiligabend gehört auch, dass sich die Familie am Nachmittag vor dem Fernseher versammelt und Donald Duck schaut. Anschließend gibt es das traditionelle Julbord, ein ausladendes Büffet mit allerhand Leckereien.

Das Weihnachtsfest im Jahr zuvor verbrachte Müller-Schell in der indischen, den Hindus heiligen Metropole Varanasi. „Die Stadt liegt direkt am Ganges und ist bekannt für ihre Rituale. Viele Hindus wollen hier sterben und verbrannt werden, damit ihre Asche anschließend in den heiligen Fluss gelangt.“ Dazu gebe es jeden Abend heilige Rituale, so genannte Ganga Aarti. „Auch wenn Weihnachten im Alltag überhaupt keine Rolle spielt, ist dort also jeder Abend heilig.“ Nach diesem Ritual feierte der 31-Jährige in seiner Unterkunft mit einigen anderen Reisenden trotzdem Weihnachten. „Irgendjemand hatte sogar einen Christbaum organisiert, es war ein sehr besinnlicher Heiligabend.“

Das Christfest im Jahr 2015 verbrachte der Deininger in der für viele ultimativen Weihnachtsstadt: Er besuchte eine Freundin in New York. „Die Atmosphäre, die unzähligen Lichter, überall Deko“ – noch nie war Müller-Schell in einer Stadt, „die Weihnachten so zelebriert hat“. Ob das schön oder besinnlich sei, müsse jeder für sich selbst entscheiden. „Ein Erlebnis war New York über Weihnachten auf jeden Fall.“

Heuer geht es der Weltenbummler ruhiger an. Er feiert zweigeteilt: ein wenig bei seinen Eltern in Deining sowie bei sich daheim in Salzburg, wo er mittlerweile lebt. „Meine Freundin aus Schweden kommt zu Besuch.“ Ein bisschen international muss im Hause Müller-Schell an Weihnachten einfach zugehen. 

Die Mütter reisen hinterher: Yvonne Turzer und Thomas Schygulla

Im Bockerl unterwegs: Die Geretsrieder Weltreisenden Yvonne Turzer und Thomas Schygulla treffen ihre Mütter wahrscheinlich in Kalifornien.

„Mit Plänen klappt es auf Reisen oft nicht so ganz“, sagen Yvonne Turzer und Thomas Schygulla, die seit Anfang Mai mit ihrem Kleinbus namens Bockerl unterwegs sind. Deswegen haben die Weltreisenden aus Geretsried keine Pläne für Heiligabend geschmiedet. Sicher ist aber, dass die 34- und der 39-Jährige den Feiertag mit ihren beiden Müttern verbringen werden. Nachdem Turzer und Schygulla Kanada durchquert haben, sind sie mit ihrem Bockerl aktuell in den USA unterwegs und haben ihre Mütter etwa eine Woche vor Weihnachten in Las Vegas getroffen. Turzer geht „davon aus, dass wir am 24. im Yosemite National Park sein werden“. Wenn es da, wo sie dann sind, etwas gibt, wollen sie essen gehen. Vermutlich werden sie sich aber eher „ein entspanntes Plätzchen suchen, gemeinsam kochen und im Wohnmobil der Mütter ein paar Gläser Wein trinken. Wir freuen uns schon genug, zumindest mit einem Teil der Familie zusammen zu sein.“

Lesen Sie auch: Nach Getriebeschaden: Geretsrieder Weltreisende können weiterfahren

Erlebt große Herzlichkeit in Mexiko: Julia Kratzer

Offen und herzlich sind zwei Adjektive, die oft im Zusammenhang mit der lateinamerikanischen Lebensart zu hören sind. Julia Kratzer organisiert im Februar ein Festival in Panama. Aktuell reist sie durch Mexiko, freut sich, dass die Willkommenskultur in ihrem Gastland nicht nur in der Adventszeit zum Tragen kommt. „Die Menschen laufen mit einem offenen Herzen herum – und das ganzjährig“, schwärmt die Wolfratshauserin. In Deutschland beschränke sich dieses Verhalten oft nur auf die Wochen vor Weihnachten. Kratzer erklärt diesen Unterschied mit der Meditation, die in Mazunte Oxaca üblich ist. „Es gibt eine Schule, in der man lernt, jeden Morgen in sich hineinzuhören.“ Dazu gibt’s rohen Kakao. „Er gilt als Herzöffner. Nebenbei dient er als Kaffee, ohne das Nervensystem zu belasten und ist reich an Nährstoffen.“

Fan der lateinamerikanischen Herzlichkeit: Julia Kratzer aus Wolfratshausen verbringt Weihnachten in Mexiko. Im Februar organisiert sie ein Festival in Panama.

Aus Deutschland vermisst die 29-Jährige während der Weihnachtszeit vor allem die Stille: „Beim Spazierengehen hört man nichts, außer die eigenen Schritte im Schnee.“ In Mexiko sei es dagegen laut, bunt und aufgeregt. Aus den Restaurants schallen Weihnachtssongs, an Plastikbäumen blinken farbige Lichterketten, und die Fischer sind unterwegs, um fürs Festtagsessen einen großen Fang zu machen. Obwohl Kratzer kein Fan von grauen, kalten Wintertagen ist, fehlt es ihr, eingepackt in dicke Winterklamotten, die Schneeflocken fallen zu sehen. Nach all der Unbeschwertheit, der sie in Mexiko begegnet, bleibt für sie vor allem eine Frage offen: „Warum leben wir nicht auch in Deutschland jeden Tag im Jahr so wie in der Vorweihnachtszeit?“ 

peb/sw/lm

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