63-Jähriger aus der S-Bahn geprügelt - Polizei findet Zeugin

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Gemeinsam für eine bessere Zukunft: Mit Skaten und Breakdance entwickelten viele Häftlinge ein ungeahntes Wir-Gefühl. 

Tobias Kupfer auf Workshop-Tour

Die Botschaft des Skaters

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Es ist eine verrückte Geschichte: Skateboarder Tobias Kupfer (41) tourt jedes Jahr durch Deutschland, um Jugendliche mit coolen Freestyle-Sportarten zu einem nachhaltigen Lebensstil zu motivieren. Diesmal machte er auch in einem Knast in der Nähe von Leipzig Station. Das war ziemlich spannend.

Egling – So eine Deutschland-Tour kann den stärksten Skater umhauen. Sogar wenn er Weltmeister ist. Wer Tobias Kupfer (41) derzeit sprechen möchte, findet ihn mit ziemlicher Sicherheit im Gartenstuhl vor seinem Bauernhof in Aufhofen, wo er die Eindrücke aus München, Berlin, Landshut, Leipzig und anderswo erst mal sacken lässt. Kurz: Er chillt. Die Vögel zwitschern, die Kräuter sprießen, und ganz in der Ferne drehen sich die Windräder von Berg. Der Anblick stört ihn nullkommanull, im Gegenteil: „Regenerative Energie ist doch super“, sagt er. Sie hilft mit, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Und genau das will er selbst auch.

Sein Leben nach der Leukämie begreift Kupfer als zweite Chance

Der gebürtige Leipziger hat einen ziemlich originellen Weg gefunden, seine Botschaft von einer besseren, gerechteren, glücklicheren und gesünderen Welt unter das junge Volk zu bringen. „Der Globus ist doch am Abkacken“, sagt er. „Kein Mensch weiß, was morgen passiert.“ Kupfer weiß, dass viele Jugendliche, denen es an Idolen in der Familie fehlt, eher auf einen coolen Skater oder Breakdancer hören als auf irgendeinen Lehrer, der vorne steht und Frontalunterricht macht. Genau das macht er sich zunutze. Der Name seines Projekts: Gorilla – ein Programm zur Gesundheitsförderung für junge Menschen zwischen 9 und 25 Jahren. Motto: „Mehr Uga-Uga im Leben.“ Kupfer selbst versteht das Ganze als zweite Chance, nachdem er vor einigen Jahren knapp eine Leukämie-Erkrankung überwunden hat. Er war dem Tod näher als dem Leben. „Ich will meine Zeit nicht mehr verschwenden“, sagt er.

Viele Kids suchen nach Idolen - und finden sie bei Freestylern

Junge Leute auf der Suche nach Orientierung: Damit ist schon viel gesagt. Mit seiner Workshop-Tour hat das Gorilla-Team vor allem in Mittel- und Förderschulen Station gemacht – in München waren es allein zehn. Wie nötig die Kids positive Impulse haben, hat er fast täglich erlebt: „Viele sind völlig haltlos und willenlos“, sagt er. Ein Großteil kam ohne Frühstück zum Unterricht, so ging es schon mal los. Auf dem Land geht es noch, die Kinder sind psychisch und physisch überwiegend in Ordnung, das soziale Umfeld meist intakt. Gorilla wird eher in den Städten gebraucht. Und genau da sind Kupfer und seine Leute hingegangen.

Nach den ersten Moves ist oft das Eis gebrochen 

Tobias Kupfer formt mit seiner rechten Hand ein L, das Zeichen für Hang loose. Bedeutet: Immer schön locker bleiben. 

In den Schulen legen Kupfer und seine Coaches richtig los, einen intensiven Tag lang. Erst Vorstellung der trendigen Sportarten wie Skaten, Longboarden, Breakdance, Freestyle-Frisbee und der speziellen Moves, manche eher Zauberkunststücke als Sport. Die Coaches sind Welt-und Europameister, also echte Cracks, und das ist auch gewollt. „Wir legen schon Wert darauf, dass sie richtig, richtig gut sind“, so Kupfer. Nach den ersten Moves ist meist das Eis gebrochen. In kleinen Gruppen lernen die Kids das Wichtigste über Bewegung, Recycling, nachhaltigen Konsum und gesundes Essen– Letzteres bei einem Buffet mit Lebensmitteln aus der Region. Alles geht spielerisch, im Mittelpunkt steht der Spaß. „Wir wollen, dass die Kids irgendwann sagen: Das war der geilste Tag in meiner Schulzeit“, so Kupfer.

Schüler zu begeistern, darin haben Kupfer und seine Leute inzwischen eine gewisse Erfahrung, 1400 Kinder und Jugendliche hat Gorilla auf der jüngsten Tour erreicht. Neu und aufregend war jedoch für alle der Auftritt in der Jugendstrafvollzugsanstalt (JSA) Regis-Breitingen (Sachsen) Ende Mai. Würde es funktionieren, die schweren Jungs vom Sinn nachhaltigen Denkens zu überzeugen? Sie für Guacamole statt Burger zu begeistern? Ihnen Breakdance statt Situps schmackhaft zu machen? Die Voraussetzungen waren nicht schlecht, immerhin hatten sich ein paar der Häftlinge darum beworben. Aber die Aufregung war trotzdem groß.

Wasser ist besser als Red Bull: Das vermittelt Kupfer auch Knackis

Beim ersten Anblick der JSA ist Kupfer dann ein bisschen erschrocken. Ziegelbauten auf einer grünen Wiese, drumherum ein massiver Stacheldrahtzaun, über den Mülltüten flogen. „Ich dachte gleich an Guantanamo Bay“, erinnert sich Kupfer in seinem Gartenstuhl in Aufhofen. Was kommt da auf uns zu? Doch das flaue Gefühl verflog rasch, als er in Kontakt mit den Häftlingen kam. Die Coaches wurden nicht schlechter empfangen als in den Schulen – im Gegenteil. „Die hatten echt Fun, das war mega“, sagt er. Vielleicht auch, weil Coaches und Häftlinge auf Augenhöhe miteinander geredet haben. So mancher Coach kommt selbst von der Straße, und nur dank Freestyle ist sein Leben anders und besser verlaufen, als so mancher vielleicht gedacht hätte.

In der Breakdance-Halle dröhnten die Beats

In der Breakdance-Halle dröhnten die Beats, man tanzte, was das Zeug hält. Häftling Jan (25) sagte ins Mikrofon des ZDF, das auch dabei war: „Ich mache Krafttraining, aber das hier ist viel anstrengender. Das macht Bock, da bleib ich dran.“ Kurz: So gute Laune herrschte schon lange nicht mehr im Knast. Und Anstaltsleiter Uwe Hinz erklärte: „Wir hoffen, dass damit Impulse gesetzt werden für die Freizeitgestaltung. Vielleicht bleibt bei dem ein oder anderen was hängen, was er später in seinem – hoffentlich straffreien – Leben machen kann.“

Eine Perspektive zu haben, ist wahnsinnig wichtig

Genau das hofft auch Tobias Kupfer. Wenn die Häftlinge eines Tages rauskommen, sollen sie sich an den großen Tag Ende Mai 2017 erinnern, als Gorilla bei ihnen vorbeischaute. Dabei helfen soll ihnen die Gorilla-Bag, die sie an diesem Tag in Empfang nehmen, gefüllt mit allem, was sie für einen Neuanfang brauchen, vom Kochbüchlein über Lernvideos. „Das bietet echt die Chance für ein neues Leben“, sagt Kupfer. „Skaten kann dabei helfen.“ Denen, die ganz unten sind, eine Perspektive zu geben – das hat Tobias Kupfer richtig Spaß gemacht. Wenn er an den Tag in einem sächsischen Knast denkt, dann lächelt er. Und die Windräder von Berg drehen sich dazu.

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