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Der Glanz von Perlmutt: Hans Buxbaum zeigt das Innere einer toten Bachmuschel. Im Hintergrund der Mooshamer Weiherbach.

Am Weiherbach

Der Muschelretter von Moosham

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In Bayerns Gewässern sind Muscheln heimisch. Doch den Weichtierchen geht es schlecht. Deshalb gibt es in Bayern offizielle Muschelbetreuer. Zum Beispiel Hans Buxbaum aus Wolfratshausen.

Moosham Hans Buxbaum ist irritiert. Immer wieder geht er am Mooshamer Weiherbach auf und ab und leuchtet mit seiner Taschenlampe ins Wasser: „Genau hier, hier waren sie.“ Er ist auf der Suche nach seinem Schützling, der Bachmuschel. Erst vor wenigen Wochen waren an genau dieser Biegung noch über hundert im Wasser gelegen, die Öffnungen gut sichtbar nach oben gestreckt. Doch nun ist von ihnen nichts mehr zu sehen.

Buxbaum schreitet hin und her – nichts. Dann geht er noch ein paar Schritte weiter, hinauf, gegen die Strömung. „Ah, jetza!“, ruft er erleichtert. Er leuchtet in das trübe Wasser und plötzlich sind sie zu sehen: dutzende Bachmuscheln, etwa handtellergroß. „Okay, Entwarnung“, sagt Buxbaum. „Da drüben war ihnen wohl die Strömung zu stark, da sind sie abgehauen, in die Bucht.“ Aha: Muscheln können sich fortbewegen, auch gegen die Strömung, und zwar mit ihrem „Fuß“. So wird der kleine Muskel genannt, den die Muschel aus der Schale herausstrecken kann.

40 000 Muscheln leben hier

Muscheln können auch Wasser durch eine Öffnung ansaugen, um Sauerstoff und Nährstoffe herauszufiltern, sie haben einen Blutkreislauf, ein Herz – und manche Arten haben sogar Zähne, kleine „Schlosszähne“, zum Verschließen der Schale.

Wehren können sie sich damit aber nicht, und deshalb gibt es Menschen wie Hans Buxbaum, seines Zeichens Muschelbetreuer. In Outdoorjacke und Gummistiefeln stapft der Wolfratshauser den Bach entlang, denn er hat zu tun: Er muss den Bachlauf kontrollieren. Denn Muschelschutz sei auch Gewässerschutz, sagt der 69-Jährige.

Das Muschelvolk hier am Mooshamer Weiherbach ist eines der größten Vorkommen der Bachmuschel in ganz Bayern, und damit auch eines der wichtigsten Vorkommen in ganz Europa. Hier leben etwa 40 000 Weichtiere auf etwa zwei Kilometern Bachstrecke.

Noch Anfang des 20. Jahrhunderts war die Bachmuschel die häufigste Süßwassermuschel in Europa. Doch im letzten Jahrhundert gingen die Bestände um über 90 Prozent zurück. Sie ist vom Aussterben bedroht, steht auf der Roten Liste.

Schmackhaft, sagt Buxbaum, seien die Muscheln nicht. Früher wurden sie zwar gegessen, aber: nur von Schweinen. Und vom Fischotter, für den wären sie ein Genuss – aber der lebt nicht hier am Weiherbach, zum Glück. Für den Menschen ist der Verzehr sowieso streng verboten. Artenschutz.

Der Mooshamer Weiherbach ist ein Gewässer dritter Ordnung, damit ist eigentlich die Gemeinde dafür zuständig. „Aber die machen halt nix“, sagt Hans Buxbaum. „So ein kleines Gewässer hat einfach keine wirtschaftliche Bedeutung – deswegen kümmert sich niemand darum.“

Weil aber Hans Buxbaum nicht der Typ ist, der meckert, sondern der Typ, der anpackt, kommt er hier raus an den Bach und versucht zu retten, was nicht einfach zu retten ist. Denn die Bachmuschel ist trotz ihrer harten Schale, in der innen dick das Perlmutt glänzt, recht empfindlich. Oder besser gesagt: anspruchsvoll. Sie braucht eine ganz spezielle Umgebung, kurz gesagt: ein sauberes, fließendes Gewässer mit Kiesuntergrund und gesundem Fischbestand. Genau das ist die Aufgabe des Muschelbetreuers: Das Wasser so gesund zu erhalten.

Mit Plastikflaschen gegen den Biber

In vielen Muschelgebieten ist das größte Problem, dass Dünger oder Humus von angrenzenden Landwirtschaftsflächen das Wasser für die Muschel unbewohnbar machen. Da haben Buxbaum und die Mooshamer Muschel Glück: Der Bach fließt die ersten beiden Kilometer durch ein Landschaftsschutzgebiet, einen Wald. Grundsätzlich also ein sauberes Paradies für die Bachmuschel, ohne „anthropogene“, also menschengemachte Einflüsse. Doch es bleiben andere Gefahren, etwa, dass etwas den Bach staut, das Gewässer somit nicht mehr fließt, der Boden verschlammt und der Kiesgrund zu wenig Sauerstoff hat. Auch das wäre für die Muschel tödlich.

Geheimwissen vom Biberberater: Mit dieser Konstruktion aus Plastikflaschen hält Hans Buxbaum den lästigen Biber fern.

Buxbaums größte Gegenspieler sind riesige Äste, die ins Wasser fallen. Und der Biber und seine Dämme. Ja, der Biber ist auch streng geschützt, und ja, Hans Buxbaum weiß, dass das eine seltsame Situation ist. Aber in diesem Fall muss er sich gegen den Biber und für die Muschel entscheiden. Denn: „Die Muschel kann sich nicht wehren.“ Und schon gar nicht woandershin verschwinden. Der Biber schon.

Buxbaum ist ein Stück weiter spaziert und blickt zufrieden auf die Konstruktion vor sich: Ein Stamm liegt quer über dem Bach, daran aufgehängt baumeln mehrere leere Plastikflaschen über dem Wasser. Das gesamte Gebiet rundherum war in den letzten Wochen immer wieder komplett überschwemmt. Wegen Transportdämmen des Bibers. Buxbaum hat sie immer wieder ausgebaut, mit Genehmigung der Naturschutzbehörde, doch der Biber baute sie immer wieder auf. Bis Buxbaum die leeren Flaschen aufhängte. „Die mag er nicht“, sagt der Muschelbetreuer zufrieden. Warum? „Das weiß ich nicht.“ Wie er auf diese Idee kam? „Geheimwissen vom Biberberater.“

Zusammenarbeit mit der TU München

Etwas weiter hinten ist ein Elektrozaun kreuz und quer über dem Bach aufgespannt - Stufe zwei der Bibervergrämung. Auch das hat gewirkt. „Offensichtlich haben wir ihn erwischt, den Burschen.“ „Wir“, das ist ein Netzwerk an Helfern. Im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen gibt es noch den Biberberater und einen zweiten Muschelbetreuer; der Landesbund für Vogelschutz wirkt auch mit. Rückgrat ist die Koordinationsstelle für Muschelschutz an der Technischen Universität (TU) in München, es ist die einzige ihrer Art bundesweit.

Die TU hatte überhaupt erst die Idee für die Muschelbetreuer. Bei ihr wurde Buxbaum ausgebildet, dort nimmt er immer wieder an Fachtagungen teil, zu denen Wissenschaftler aus aller Welt kommen. Mittlerweile hält auch er Vorträge, für den Betreuer-Nachwuchs.

Ein Muschelparadies: Hunderte Teich- und Bachmuscheln leben im Weiherbach; hier am Ufer liegen unzählige leere Schalen der toten Tiere.

Dass er mit der Wissenschaft eng zusammenarbeitet, das ist ihm sehr wichtig. „Es geht mir um die Zusammenhänge. Ich will alles verstehen“, sagt er. Er hat hier am Weiherbach schon bei einer Methodenerprobung für die Muschel-Nachzucht mitgearbeitet, und für eine Doktorarbeit rund um die Bachmuschel assistiert.

Buxbaum opfert viel Zeit für den Naturschutz, seine Frau hat dafür glücklicherweise vollstes Verständnis. Er ist nicht nur Muschelbetreuer, sondern auch Hornissen- und Greifvogelberater, doch als „klassischen“ Naturschützer sieht er sich nicht. „Natürlich schütze ich die Natur“, sagt er nach längerem Nachdenken. „Aber man muss das Ganze mit Vernunft angehen.“ Er zuckt mit den Schultern. „Der Mensch hat natürlich andere Probleme, als sich um die Bachmuschel zu kümmern. Aber ich kann hier dazu beitragen, dass die Bachmuschel zum Überleben befähigt wird.“

Dabei geht es dem Wolfratshauser nicht nur um die Bachmuschel. Es geht ihm um alles. Um die Tiere, um die Natur, um den Menschen. Seine blauen Augen blitzen. „Ich will das Wissen vermitteln: Alles hängt mit allem zusammen.“ Und das Leben der Bachmuschel hängt eben am Engagement ihres Beschützers.

Perlmutt-Schönheiten im Bachbett: Im Freistaat gibt es zwölf verschiedene Arten

In Bayern gibt es zwölf verschiedene Muschelarten. Am Mooshamer Weiherbach leben die Bachmuschel, die Große Teichmuschel und die Gemeine Teichmuschel; angeblich wurde dort auch schon die Malermuschel gesichtet, doch dafür gibt es noch keine Belege.

Spaziergänger sollten niemals durch den Bach laufen, dabei werden die Muscheln zertreten. Lebende Tiere sollen nicht aus dem Wasser gefischt werden. Die Schalen der toten Tiere am Uferrand kann man aber genauer betrachten und einordnen: 

- Die Bachmuschel wird etwa 5,5 Zentimeter groß, die Schale ist braun oder schwarz gefärbt, manchmal auch grünlich. Innen ist sie dick mit Perlmutt ausgeschlagen. In Mitteleuropa kann die Bachmuschel in einem gesunden Lebensraum über 30 Jahre alt werden. Die Fortpflanzung der Bachmuschel ist allerdings kompliziert: Die Männchen geben ihre Spermien in das freie Wasser ab, wo sie von den Weibchen mit dem Atemwasser aufgenommen werden. Befruchtete Eier entwickeln sich in der Muschel zu etwa 0,2 Millimeter großen Larven; diese werden von der Muschel „ausgespuckt“, und heften sich dann an einen Wirtsfisch – zum Beispiel an die Elritze oder den Aitel. Dort bleiben sie einige Wochen in den Kiemen, entwickeln sich weiter, dann lassen sie sich fallen, vergraben sich im Boden, in Kieslücken, und bleiben dort die ersten zwei bis drei Jahre versteckt. Wenn sie etwa ein Zentimeter groß sind, tauchen sie als fertige Jungmuschel wieder auf. 

- Die Große Teichmuschel ist bis zu 14 Zentimeter groß. Dabei ist die Schale aber viel leichter als die der Bachmuschel; das Perlmutt innen ist nicht so dick. Sie ist länglich, und ihr Ober- und Unterrand verlaufen fast parallel. Die Schale ist außen gelb bis olivgrün.

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- Die Gemeine Teichmuschel ist kleiner, bis zu 7,5 Zentimeter lang. Sie ist eiförmiger, eher dreieckig, ungleichmäßig dick. Die Schale ist außen braun bis gelb. Die Gemeine Malermuschel ist schmal, auch nur bis 7,4 Zentimeter lang, und hat eine eher spitze Zungenform. Ober- und Unterrand sind aber parallel, die Farbe der Schale ist oliv bis braun.

Nina Praun

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