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Siegfried Böhmke modelliert Papa Schmid für das Stadtmuseum Amberg

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Von: Volker Ufertinger

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Siegfried Böhmke, Leiter des Münchner Marionettentheaters, in seiner Werkstatt.
Mit Liebe zum Detail gestaltet Siegfried Böhmke in seinem Haus in Egling den Gründer des Münchner Marionettentheaters, Papa Schmid. Ihren Platz findet die Figur im Amberger Stadtmuseum, der Heimat des Puppenspielers. © Privat

Es ist eine Hommage an einen großen Künstler: Der Leiter des Münchner Marionettentheaters, Siegfried Böhmke, modelliert dessen Gründer - Papa Schmid

Egling – In der Silvesternacht hat Siegfried Böhmke bis halb drei Uhr nachts gearbeitet. Während draußen Raketen in die Luft stiegen, modellierte er in aller Ruhe einen Kopf. Nicht irgendeinen, sondern den von Josef Leonard Schmid, auch Papa Schmid (1822 - 1912) genannt. Der hat einst das Münchner Marionettentheater gegründet und zusammen mit dem berühmten Ammerlander Franz Graf von Pocci den Kasperl Larifari zu einer wichtigen Figur der Literaturgeschichte gemacht. „Papa Schmid hat in München Theatergeschichte geschrieben“, sagt Böhmke. Sein Wort hat Gewicht, denn: In diesem Marionettentheater ist er selbst Intendant, seine aktuelle Arbeit ist eine Hommage an den großen Gründer und Vorgänger.

Eigentlich sollte der 200. Geburtstag von Papa Schmid in dessen Theater an der Blumenstraße nahe dem Sendlinger Tor am Samstag, 29. Januar, mit einem Festakt gefeiert werden. Doch daraus wird nichts – Corona. Der Spielbetrieb ruht seit dem 20. November, und niemand weiß, wann und wie es weitergeht. Die freie Zeit nutzt Böhmke, im Auftrag des Amberger Stadtmuseums eine lebensgroße Figur von Papa Schmid zu bauen. Denn: Der Erfinder des Kasperltheaters war eigentlich Amberger, und seine Geburtsstadt nimmt den 200. Geburtstag des großen Sohnes zum Anlass, ihn und sein Leben im Rahmen einer Dauerausstellung dem Publikum bekannt zu machen.

Papa Schmid und Kasperl Larifari
Die Vorlage für Böhmkes Arbeit: Papa Schmid und der Kasperl Larifari. Auffallend an Schmid ist sein origineller Backenbart. © Privat

Böhmke hat in seinem Leben schon Hunderte von Figuren geschaffen. Doch diese ist für ihn etwas Besonderes. Als Vorlage dient eine Fotografie aus der Zeit um 1900 (vermutlich München, wohl ein Fotoatelier), die Papa Schmid auf einem Stuhl sitzend zeigt. Ihm gegenüber, auf einem Tisch stehend, seine berühmteste Figur, der Kasperl Larifari. Die beiden, fast auf Augenhöhe, haben die Finger in der Luft und scheinen sich etwas zu erklären. Auffallend für Böhmke ist vor allem, wie klein der Kasperl ist, knapp 30 Zentimeter. „Die sind im Lauf der Zeit immer größer geworden, genau wie die Bühne“, erzählt er. Die heutigen Marionettenfiguren sind doppelt so groß.

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Die Geschichte von Papa Schmid ist es wert, erzählt zu werden. Eigentlich war er Buchbinder, konnte aber wegen einer Lungenkrankheit seinen Beruf nicht ausüben. Nach seiner Genesung begab er sich auf Wanderschaft, landete in München und arbeitete hier nacheinander als Tagelöhner, Bürokraft und Versicherungsangestellter. In seiner Wohnung am Sendlinger Tor spielt er hin und wieder Marionettentheater, wie er es von einem Vetter in Amberg kannte, der eine solche Bühne im Nebenerwerb betrieb. „Der Zuspruch wurde so groß, dass er an verschiedenen Orten in München auftrat“, erzählt Böhmke. 1900 erhielt er ein festes Haus, erbaut von Theodor Fischer. Es ist heute noch die Heimat des Münchner Marionettentheaters.

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Eine besondere Rolle für das Leben von Papa Schmid spielt Franz Graf von Pocci, der bekanntlich die Sommer immer auf Schloss Ammerland verbrachte. Er setzte sich nicht nur dafür ein, dass Schmid eine Spielerlaubnis erhielt (Premiere am 5. Dezember 1858 mit dem Stück „Prinz Rosenrot und Prinzessin Lilienweiß oder die Bezauberte Lilie“), sondern schrieb auch eine ganze Reihe Stücke für ihn. Die Kooperation war alles andere als eine Selbstverständlichkeit: Die Klassenunterschiede zu jener Zeit waren enorm, Papa Schmid als Bürger und von Pocci als Adliger gesellschaftlich getrennt. Und noch etwas war Besonders: Pocci gab dem Theater eine literarische Grundlage. Das war völlig neu. „Bis dahin ist immer improvisiert worden.“

So gründete das ungleiche Paar die Tradition des Kasperl in München. Pocci ist in den vergangenen Monaten öfter zu Ehren gekommen, etwa durch den Doppel-Graf-Abend von Georg Unterholzner und Oliver Leeb auf dem Bergkramerhof, oder durch die vor Kurzem veröffentlichten Karikaturen, die der Wahl-Ammerlander für die Gesellschaft „Altengland“ fertigte. Zeit, dass auch an Papa Schmids Verdienste erinnert wird. Siegfried Böhmke arbeitet dran.

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