Rio 2016 - Gewichtheben
+
Lasha Talakhadze aus Georgien war eine der dominierenden Gewichtheber in Tokio. Gut möglich, dass die Disziplin damit zum letzten Mal olympisch gewesen ist. Das IOC erwägt, die Gewichtheber wegen weit verbreiteten Dopings und Korruption auszuschließen.

Nach internationalem Kongress in Doha

Darum zweifelt Gewichtheber-Chef Florian Sperl an einer Zukunft bei Olympia

  • Volker Ufertinger
    VonVolker Ufertinger
    schließen

Der internationale Gewichtheberverband hat eine neue, moderne Verfassung - eigentlich eine gute Nachricht. Der deutsche Verbandspräsident sieht dennoch große Probleme.

Egling/Doha – Der Eglinger Florian Sperl ist Präsident des Deutschen Gewichtheberverbands und kämpft dafür, dass sein Sport eine Zukunft bei Olympia hat. Ob das Internationale Olympische Komitee (IOC) die altehrwürdige Disziplin weiterhin in der sogenannten olympischen Familie duldet, ist nach Jahrzehnten Doping, Misswirtschaft und Korruption im Weltverband völlig offen. Jetzt hat sich eben dieser Weltverband (IWF) in Doha, der Hauptstadt von Katar, eine neue Verfassung gegeben, um dem IOC und seiner Forderung nach einem „Kulturwandel“ entgegenzukommen. Der 34-Jährige war in Doha dabei und sagt: „Ich bin nicht sicher, ob das reicht.“

Nobler Versammlungsort: Die IWF tagte im Ritz-Carlton Hotel in Doha, der Hauptstadt von Katar. Dort traf Sperl auf Kollegen, die an einem Kulturwandel im Gewichtheben nicht sonderlich interessiert schienen.

Als Reformer, der sich bei den nächsten Wahlen um das Amt des Vizepräsidenten bewerben will, war Sperl im Ritz-Carlton von Doha bei der alten Garde nicht sonderlich gut gelitten. Besonders verübelte man ihm, dass er unter dem Titel „Alles oder nichts“ zuvor einen Brandbrief verfasst hatte, in dem er unter anderem den Rücktritt der Interims-Führung Michael Irani (Großbritannien) und Generalsekretär Mohammed Jaloud (Irak) forderte. „Das Gewichtheben benötigt für den geforderten umfassenden Kulturwandel neue Gesichter“, schrieb er darin. Das kam bei den Betreffenden nicht gut an. „Man hat schon versucht, mich unter Druck zu setzen“, sagt er, ohne ins Detail zu gehen. „Aber ich tue alles für meinen Sport, ich will meinen Athleten noch in die Augen schauen können.“

Florian Sperl aus Neufahrn bei Egling, Präsident des Deutschen Gewichtheberverbands.

192 Länder umfasst der internationale Gewichtheberverband. 162 waren am vergangenen Sonntag in Doha vertreten, 122 persönlich, weitere 40 online. Es ging darum, den von einem externen Rechtsanwalt aus Australien erarbeiteten Verfassungsentwurf zu verabschieden. Er ist das Ergebnis eines harten Ringens zwischen Reformern wie Sperl und Leuten, die wollen, dass alles so bleibt, wie es ist. Am Ende wurde der neuen Verfassung mit 93 Prozent zugestimmt.

„Die Verfassung ist an sich nicht schlecht“, findet Sperl. So ist dort eine Frauenquote von 30 Prozent festgeschrieben, was sich durchaus sehen lassen kann. Außerdem sollen im Vorstand mindestens drei Athleten vertreten sein – ebenfalls beachtlich. Gut möglich also, dass das IOC die neue Verfassung als einen ersten Schritt in die richtige Richtung bewertet. Trotzdem ist der Bautechniker aus Neufahrn nicht sehr optimistisch. Denn: „Von einem Kulturwandel habe ich in Doha gar nichts bemerkt. Es dominieren immer noch die persönlichen Interessen.“

Zum ersten Mal erlebte Sperl, zugleich Eglinger CSU-Chef, hautnah Kollegen aus exotischen Gewichtheber-Ländern. So etwa aus Swasiland, wo es die Sportart praktisch nicht gibt und das trotzdem eine Stimme hat – sowie alle anderen Verbände auch. „Da ticken einige einfach ganz anders“, erzählt er. „Wenn man es nicht erlebt hat, glaubt man es nicht.“ Jedenfalls hat der gebürtige Aubinger festgestellt, dass viele nach wie vor nicht von ihren alten Privilegien lassen wollen. Manchen ist es sogar egal, ob ihre Sportart olympisch bleibt oder nicht. Sie haben nämlich noch nie jemanden nach Olympia geschickt.

Lesen Sie auch: Der Gewichtheber-Boss im Interview

Jetzt bahnt sich in der internationalen Verbandspolitik ein regelrechter Krimi an. Am 8. September tagt das IOC und wird mitteilen, ob mit der neuen Verfassung den Forderungen des IOC Genüge getan ist und Gewichtheben olympisch bleibt. Möglich ist aber auch, dass das mächtige Gremium die nächsten Wahlen im IWF Anfang Dezember abwarten will. Dort zeigt sich zeigen, ob der in die Negativschlagzeilen geratenen Sport die Kraft zu einem personellen Neuanfang hat.

Und sogar eine Ultima Ratio gibt es schon. „Wenn gar nichts mehr hilft, könnte man überlegen, einen neuen Weltverband zu gründen“, erklärt Florian Sperl. In anderen Sportarten wie dem Boxen gibt es das längst. Die USA sind dazu angeblich bereit. Auch sie gehören zu den Reformern.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare