Susanne Arndt in der Redaktion des Isar-Loisachboten.
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Susanne Arndt vertritt als Vorsitzende der Landes-Eltern-Vertretung der Gymnasien in Bayern das Interessen von 300 000 Eltern.

„Normalen Unterricht wird es mit Sicherheit nicht geben“

Holpriger Start mit Maskenpflicht ? Susanne Arndt von der Landes-Eltern-Vertretung im Interview über das alte und neue Schuljahr

  • Doris Schmid
    vonDoris Schmid
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Seit zehn Jahren ist Susanne Arndt aus Neufahrn r. d. Isar Vorsitzende der Landes-Eltern-Vertretung der Gymnasien in Bayern. Die vierfache Mutter weiß, welche Sorgen die Eltern von Schulkindern momentan bedrücken. Im Interview mit unserer Zeitung fordert sie ein schnelles Handeln von der Politik.

  • Vorsitzende der Landes-Eltern-Vertretung der Gymnasien in Bayern spricht im Interview über das neue und alte Schuljahr
  • Arndt befürchtet, dass das neue Schuljahr mit Maskenpflicht startet
  • Die Politik fordert sie dazu auf, schnell zu handeln

Bad Tölz-Wolfratshausen – Als Mutter (54) von vier Kindern weiß Susanne Arndt, welche Sorgen und Nöte Eltern schulpflichtiger Kinder haben – besonders in Corona-Zeiten. Die freiberufliche Physiotherapeutin aus der Gemeinde Egling engagiert sich seit fast zehn Jahren ehrenamtlich als Vorsitzende der Landes-Eltern-Vertretung (LEV) der Gymnasien in Bayern. Im Interview mit unserer Zeitung fordert sie die Politik auf, schnell zu handeln.

Frau Arndt, die LEV ist bayernweit Ansprechpartnerin für 300 000 Eltern. Während der Corona-Hochzeit glühten in der Geschäftsstelle bestimmt die Telefondrähte.

Oh ja. Ich hätte eigentlich gar nicht mehr als Physiotherapeutin arbeiten brauchen. 90 Prozent unserer Arbeit besteht aus der Beratung von Eltern, und während der Corona-Anfangszeit war der Bedarf riesengroß. Die Schwierigkeit dabei: 50 Prozent der Eltern wollen Präsenzunterricht, und die andere Hälfte will ihre Kinder auf keinen Fall in die Schule schicken, so lange es kein wirksames Mittel gegen das Virus gibt.

Wie haben Schüler und Eltern die Phase des Lockdowns überstanden?

Unterschiedlich. Es war eine große Herausforderung für die Eltern. Sie hatten auf einmal das Gefühl, dass ausschließlich sie dafür verantwortlich sind, dass ihre Kinder etwas lernen.

Homeschooling war sicher keine leichte Aufgabe.

Unter Homeschooling verstehe ich eine Schule zuhause, und das war es nicht – auch wenn einige Eltern durchaus in der Lage waren, ihrem Kind den Stoff beizubringen oder es adäquat zu unterstützen. Bis nach den Pfingstferien gab es die klare Anordnung aus dem Kultusministerium: Es wird kein neuer Stoff vermittelt. Die Kinder sollten sich aber vielerorts daheim aber eben auch selbst Dinge erarbeiten. Da haben wir ein Drittel der Kinder verloren. Erst, als die Schüler wochenweise im Wechsel wieder Unterricht hatten, gab es neuen Stoff, der in der Woche „zuhause lernen“ vertieft werden sollte. Da war es dann vielleicht etwas leichter für die Eltern.

Wie sah es mit der Unterstützung der Schüler von Seiten der Lehrer aus?

Die Lehrer haben super reagiert. Sie haben alle Wege der Kommunikation genutzt, um die Schüler nicht allein im Regen stehen zu lassen. Die allermeisten Lehrer haben sich bemüht, ihre Schüler zu erreichen. Wenn einer nicht geantwortet hat oder die Mails nicht gelesen hat, dann haben sie sogar angerufen.

Corona war auch eine Belastungsprobe für die digitalen Kanäle.

Am Anfang ist die Lernplattform Mebis vollkommen überlastet gewesen und funktionierte nicht. Die Lehrer haben alle mögliche Wege genutzt, auch Whatsapp, was ja eigentlich verboten wäre, damit es halbwegs läuft. Die bayerische Schulordnung ist übrigens dahingehend überarbeitet worden, um den sogenannten Distanzunterricht einzuführen.

Was hätten Sie sich von einem Unterricht zuhause erwartet?

Echte Videokonferenzen – wobei man sagen muss, dass etwa ein Drittel der Schüler bereits in diesen Genuss gekommen ist. Privatschulen waren da teilweise Vorreiter. Da wurde der Unterricht eins zu eins online übertragen. Aber das ist eine Katastrophe, wenn das nur an einer privaten Schule funktioniert. Es war von Anfang eine Forderung von uns, dass die Kinder vernünftige Endgeräte bekommen. Das ist dann ja auch passiert, die Schulen haben Leihgeräte verteilt. Das brauchen wir bayernweit.

Der Ende Juli beschlossene Digitalpakt lässt hoffen.

Im Digitalpakt ist im Prinzip alles eins zu eins übernommen worden, was wir gefordert haben. Dazu gehören zum Beispiel ein leistungsfähiges WLAN und eine leistungsfähige Online-Plattform. Das muss bis zum 8. September kommen, wenn die Schule wieder anfängt. Wenn alles wie angekündigt kommt, könnte Homeschooling tatsächlich vernünftig laufen.

Eine Umfrage der LEV offenbarte, dass die Eltern ernste Sorgen haben, dass ihre Kinder große Wissenslücken haben.

Wir haben 25 000 Antworten erhalten. Nahezu 70 Prozent der Eltern haben Angst, dass ihr Kind den vorgeschriebenen Stoff im vergangenen Schuljahr nicht gelernt hat. Sie sorgen sich, wie es im nächsten Schuljahr weitergeht. Der Wunsch nach Präsenzunterricht ist exorbitant hoch, und die Kinder bekommen im Unterricht auch deutlich mehr mit als man meint.

Werden die Schüler diese Lücken schließen können?

Die Möglichkeiten sind da, aber das liegt in der Verantwortung eines jeden einzelnen Schülers. Wir haben nicht genug Lehrkräfte, die für die Schüler da sind. Es wird am Gymnasium alles gecancelt, an was man sich als 16-Jähriger noch erinnert: die Theatergruppe, das Orchester, der Chor, der Zusatzsport, damit genug Stunden da sind, um die Schüler zu fördern.

Welche Forderungen stellt die LEV an das Kultusministerium?

Wir als Elternvereinigung haben gefordert, dass dieses Schuljahr für die Kinder nicht zählt. Das heißt, wer jetzt auf Probe vorgerückt ist und das Jahr nicht schafft, geht eine Klasse zurück, ist aber nicht durchgefallen. Das Schuljahr soll aber nicht auf die Höchstausbildungsdauer angerechnet werden.

Aber Ihnen geht es auch um Grundsätzliches.

Wir fordern seit x Jahren eine Veränderung im Schulbau. Wir haben viele kleine Klassenzimmer, da passen keine 30 Schüler ohne Maske rein. Wenn das schon umgesetzt wäre, hätten wir jetzt kein Problem. Dann könnten die Räume flexibel groß gemacht werden. Man darf nie vergessen: Schule ist eine Massenveranstaltung, und Massenveranstaltungen sind theoretisch verboten. Aber in die Schule lassen wir unsere Kinder. Jetzt ist es noch relativ einfach, mal ein Fenster zum Durchlüften aufzumachen. Im Winter schaut es da schon anders aus. Und wie schon erwähnt, fordern wir mehr Lehrer, um die Klassenstärken dauerhaft zu verringern.

Wie wird der Start ins neue Schuljahr?

Ich fürchte, dass es auf eine Maskenpflicht hinauslaufen wird, also holprig.

Eine Maskenpflicht in Schulen...

.... ist kein Spaß. Ich stell mir das ganz schrecklich vor: Die Kinder, die jetzt in die fünfte Klasse kommen, haben eine Maske auf und kennen sich gar nicht. Das sind lauter Fremde. Man kann nur die Augen sehen und die Stimme hören. Das ist schwierig im sozialen Miteinander. Auch das Interagieren mit der Lehrkraft ist sehr wichtig und nur eingeschränkt möglich.

Wie schaut die ideale Unterrichtsform in Corona-Zeiten aus?

Es geht nichts über den Präsenzunterricht, da bekommen die Schüler am meisten mit. Aber normalen Unterricht wird es mit Sicherheit nicht geben. Wenn es auf Distanz- und Präsenzunterricht im Wechsel hinausläuft, wäre es optimal, wenn jeder Klassenraum einen Online-Zugang hätte und der Unterricht eins zu eins gestreamt werden kann. Der Schüler sitzt vor seinem PC zuhause, macht mit und kann Fragen stellen. Der Lehrer bezieht die Online-Schüler mit ein.

Aber so wird es nicht laufen...

...weil fast keine Schule bis zum ersten Schultag dementsprechend ausgestattet sein wird. Hier bei uns im Landkreis funktioniert vieles gottseidank. Wir haben einen Sachaufwandsträger (der Landkreis, Anm. d. Red.), der dahinter steht. Trotzdem gebe ich die Hoffnung nicht auf, dass wir das hinbekommen. Ich bin gespannt auf den 1. September, da soll ein Schulgipfel im Kultusministerium stattfinden.

Ihr Appell an die Entscheidungsträger?

Sie müssen schnell reagieren und eine Menge Geld in die Bildung unserer Kinder investieren. Wir wissen seit Ostern von der Pandemie. Man hätte mehr als genug Zeit gehabt, hier zu reagieren. Warum macht man erst Ende Juli einen Digitalgipfel? Wir werden noch ein ganze Zeitlang einen Wechsel zwischen Präsenz- und Distanzunterricht haben. Wenn wir Glück haben, nur lokal. Ich befürchte aber, dass uns das flächendeckend droht.

Bei den nächsten Vorstandswahlen 2021 wollen sie nicht mehr als Vorsitzende der LEV kandidieren. Wie fällt Ihre Bilanz aus?

Ich habe viele Kultusminister kommen und gehen sehen. In guter Erinnerung geblieben ist mir Ludwig Spaenle. Er war selbst Vater von schulpflichtigen Kindern. Da hat man gemerkt, er weiß, wie schwierig es sein kann, wenn man als Elternteil einem Lehrer gegenüber sitzt. Unter ihm haben Eltern deutlichmehr Rechte gehabt. Diese Rechte haben wir immer noch. Aber wir müssen sie jetzt immer öfter wieder einfordern. Und das finde ich traurig.

nej

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