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Mann mit Vergangenheit: An Paul Wenz (hier mit Schwester Helene) arbeitet sich derzeit die Gemeinde Icking ab. Er war in der Nazizeit NSDAP-Mitglied, SA-Truppführer und anderes mehr. 

Ein Experte soll helfen

Wenzberg: Arbeitskreis soll Klarheit schaffen

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Wie geht es weiter in der Sache Wenz? Der Gemeinderat hat beschlossen, einen Arbeitskreis zu gründen. Der soll sich sich mit sämtlichen Straßen beschäftigen, die nach Personen mit potenziell nationalsozialistischem Hintergrund benannt sind. Die Leitung übernimmt ein externer Fachmann.

Icking – Theoretisch wäre es möglich gewesen, kurzen Prozess zu machen und eine Umbenennung des Wenzbergs zu beschließen. Tatsächlich gab es jemanden, der sich dafür aussprach: Christian Mielich (SPD): „Paul Wenz war ein Schreibtischtäter, sein Name ist verbrannt“, sagte er. „Der Wenzberg drängt auf eine Entscheidung, nicht auf einen Arbeitskreis.“ Am Ende sah Mielich jedoch ein, dass er mit dieser Meinung ziemlich alleine stand. Der Gemeinderat wollte und konnte sich weder zu einem klaren Ja noch einem klaren Nein durchringen. „Es fehlt bei einigen von uns noch die Entscheidungsreife, das sollten wir akzeptieren“, sagte Verena Reithmann (UBI).

Bürgermeisterin Menrad: 43 von 53 Ickingern sind für die Beibehaltung des Namens

Bürgermeisterin Margit Menrad versuchte, in die schwierige Debatte Ordnung zu bringen. Zunächst referierte sie den Sachstand. Virulent sei die Frage seit Anfang Januar, als Dr. Christoph Kessler die Erkenntnis von der NS-Verstrickung von Paul Wenz in einer E-Mail allgemein bekannt machte. Umgehend habe das Rathaus 69 Anwohner des Wenzbergs nach ihrer Meinung befragt: Von den 53 Ickingern, die antworteten, hätten sich 43 für eine Beibehaltung des Namens ausgesprochen. Nähere Nachforschungen hätten ergeben, dass die Benennung „Wenzberg“ in den 1950er Jahren erfolgt sei, und zwar nicht zu Ehren von Paul Wenz. Vielmehr habe ein externes Büro Straßennamen erarbeitet, die der Gemeinderat dann abgesegnet hätte. Beim Wenzberg habe man sich einfach an dem im Volksmund geläufigen Namen orientiert. „Dagegen hatte im damaligen Gemeinderat niemand etwas einzuwenden.“

Ein Experte soll bei der Aufarbeitung helfen

Was die mögliche Aufarbeitung angeht, hatte sich Menrad im Vorfeld mit dem Historiker Prof. Hermann Rumschöttel sowie Dr. Michael Stephan vom Stadtarchiv München besprochen. Speziell Rumschöttel, ehemaliger Generaldirektor der Staatlichen Archive Bayerns, war in der Region bekannt geworden, weil er die Stadt Bad Tölz beim Umgang mit der Hindenburgstraße beraten hat. Beide hätten übereinstimmend geraten, einen externen Fachmann hinzuzuziehen, um die Unabhängigkeit des Urteils zu gewährleisten. Auf der anderen Seite sei auch die Beteiligung von Einheimischen ratsam. „Das erhöht nach aller Erfahrung die Akzeptanz in der Bevölkerung“, so Menrad. Allerdings seien die Kosten für eine solche Expertise nicht zu unterschätzen. „Da sind wir schnell bei einem fünfstelligen Betrag, das sollte uns bewusst sein.“

Das Thema besitzt eine gewisse Sprengkraft

Einigkeit herrschte im Gremium darüber, dass das Thema eine gewisse Sprengkraft besitzt. Vor allem, wenn jetzt Geschichte Ickings in der NS-Zeit gründlich erforscht werden sollte. „Soll das dazu führen, dass man jetzt in den Familiengeschichten herumschnüffelt?“, fragte Franz Ertl (PWG) besorgt. „Und was machen wir dann? Einen roten Strich an den Zaun?“ Ähnliches fürchtet auch Zweiter Bürgermeister und Archivar Dr. Peter Schweiger (PWG). „Wir müssen gut Acht geben, dass wir den Ort nicht spalten“, sagte er. „Wir sollten das nur machen, wenn es von der Bevölkerung auch gewollt wird.“ Ein Argument, dem kein Gemeinderat widersprach.

Welche Straßennamen sollen unter die Lupe genommen werden?

Margit Menrad wollte zunächst vom Gremium wissen, welche Straßennamen genauer unter die Lupe genommen werden sollen. Alle (also auch Flurnamen wie Buchet oder Erlet)? Alle, die nach Personen heißen (also auch beispielsweise die Eichendorff-Straße)? Alle, deren Namensgeber in der NS-Zeit gelebt haben? Oder nur der Name Wenzberg? Der Gemeinderat sprach sich für Variante drei aus. Viele zusätzliche Straßen kommen da nicht in Betracht, Archivar Peter Schweiger weiß von zwei. Deren Namen will er allerdings im Moment nicht preisgeben. Die zweite Frage lautete: Wer soll der Frage nach möglicherweise belasteten Straßennamen nachgehen? Ein externer Fachmann? Oder ein externer Fachmann mit Unterstützung interessierter Ickinger? Auch hier war das Votum eindeutig: Mit elf zu vier Stimmen votierte der Rat für die Beteiligung einheimischer (Hobby)historiker.

Wer wird der externe Fachmann?

Stellt sich nur die Frage, wer der externe Fachmann sein soll. Viele hielten Nachwuchshistoriker für geeignet. Vigdis Nipperdey (Ickinger Initiative) warnte jedoch davor, nur an die Jugend zu denken. „Die basteln vor allem an ihrer Karriere und haben keine Zeit, freundliche Beratung auf dem Dorf zu machen.“ Eine Anlaufstelle in dieser Frage könnte Prof. Andreas Wirsching vom Institut für Zeitgeschichte sein. Claudia Roderstein und Peter Schweiger werden sich darum kümmern, einen kompetenten Fachmann zu finden. Auf wen immer die Wahl fällt: Der Experte soll selbst entscheiden, wie groß der Kreis seiner Zuarbeiter sein soll.

Lesen Sie auch zum Thema Wenzberg:

– Paul Wenz war bekennender Nationalsozialist: Ein zwielichter Namenspatron 

– Debatte um Umbennenung des Wenzbers: Einen von-Hofacker-Steig wird es nicht geben

– Debatte um den Architekten Paul Wenz: SPD will Umbenennung des Wenzbergs

– Gemeinderat will tiefer einsteigen: Fall Wenz: Arbeitskreis statt Schnellschuss

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