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Postkarte vom jüdischen Landheim und der Frauenschule Wolfratshausen (Ansicht um 1930).

Serie „Ärzte, Hexen, Handaufleger“ - Teil 4

„Eine Insel des Friedens“

Wolfratshausen - Volksheilkunde und Religion: In fünf Kapiteln gibt das Buch „Ärzte, Hexen, Handaufleger“ des Historischen Vereins Wolfratshausen einen Überblick über die Geschichte der Medizin im Isar- und Loisachtal. Wir stellen das 248-seitige Werk in einer Serie vor.

Heute: „Eine Insel des Friedens in einem Meer von Hass – Das Erholungsheim für jüdische Kinder in Wolfratshausen“. „Jüdisches Landheim Wolfratshausen im Isartal bei München, 570 Meter über dem Meer. Sonniges, staub- und nebelfreies, alpines Klima. Besonders günstige Erfolge im Herbst und Winter. Auf Wunsch Unterricht in allen Fächern der Volks- und Mittelschulen. Tagessatz Mark 4.- Prospekte kostenfrei“, lautet 1926 eine Annonce in der Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung.

„Heimweh hatte ich fürchterlich“, daran kann sich Ruth Meros heute noch erinnern, wenn sie an ihren Aufenthalt im „Jüdischen Landheim“ an der Beuerberger Straße zurückdenkt. Mitte der 1920er Jahre war sie als etwa fünfjähriges Mädchen mit ihrem Bruder Heinz Gideon Goldschmidt für ein paar Wochen in das Kindererholungsheim der israelitischen Gemeinde nach Wolfratshausen gekommen. Ihre Eltern Alice und Emil Goldschmidt, die in München einen Großhandel mit Nähwaren betrieben, wollten für einige Zeit verreisen und gaben deshalb ihre beiden Kinder in die Obhut des Landheims. „Zum Glück war mein zwei Jahre älterer Bruder dabei, da habe ich mich nicht gar so verlassen gefühlt“, erzählt die heute 92-jährige Zeitzeugin. Später wird Ruth in München von ihren „arischen“ Mitschülern und Lehrern schikaniert, ihr Vater kommt vorübergehend ins KZ Dachau, das elterliche Geschäft wird arisiert, und die Familie muss schließlich nach Palästina emigrieren. Erst viele Jahre später zieht die inzwischen in Israel verheiratete Ruth Meros wieder in ihre bayerische Heimatstadt.

Zurück nach Wolfratshausen: Am 15. Mai 1921 hatte die jüdische Gemeinde im ehemaligen Hotel Reisert ein Heim für kranke und erholungsbedürftige (Großstadt-)Kinder eröffnet. Ausgeschlossen von einem Aufenthalt waren nur Kinder mit ansteckenden Krankheiten und psychischen Leiden. Das stattliche Wolfratshauser Haus im Stil der Gründerzeit verfügte über zahlreiche Nebengebäude sowie einen parkähnlichen Garten mit Obstbäumen und einem Fischweiher. Es war einst von dem Wolfratshauser Weinhändler Anton Reisert für „Sommerfrischler“ errichtet worden. 1920 erwarb der „Verein Jüdisches Landheim“ das große Anwesen und die benachbarte „Kronmühle“, um „vor allem Kindern aus dem Mittelstand einen Ferienaufenthalt, und schwächlichen oder erkrankten Kindern einen lang ausgedehnten Genesungsurlaub“ zu bieten.

Die Gründung der Heilstätte, die auf eine Initiative des Münchner Rabbiners Dr. Baerwald und des bekannten Kinderarztes Dr. Karl Oppenheimer zurückging, war nicht nur eine medizinische Angelegenheit. Sie war auch eine Folge des immer stärker grassierenden Antisemitismus, wie das „Frankfurter Israelitische Familienblatt“ am 31. Dezember 1920 berichtet: „Eine Insel des Friedens soll dieses Haus für unsere Kinder werden inmitten des Meeres von Haß, das um uns brandet. Wenn die Wünsche der Gründer sich erfüllen, dann soll auf dieser friedlichen Insel eine Pflanzstätte echten Judentums entstehen,“ so der fromme Wunsch des Autors, der in diesem Zeitungsartikel von der Loisachstadt in den höchsten Tönen schwärmt. Dr. Sybille Krafft

(Der Abdruck ist eine gekürzte Fassung des Buchartikels)

Info

Das Buch „Ärzte, Hexen, Handaufleger. Medizingeschichte im Isar- und Loisachtal“ (25 Euro) ist im Buchhandel sowie über den Historischen Verein Wolfratshausen zu kaufen.

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