Im Zeichen der Trauer: Der Isura Madrigal Chror unter der Leitung von Johannes Buxbaum sang Bachsche Motetten in der Wolfratshauser Pfarrkirche St. Andreas. Foto: sabine Hermsdorf

Eine Meisterleistung

Wolfratshausen - Gelebtes Mittelzentrum: Der Geretsrieder Isura Madrigal Chor singt fünf Motetten von Bach in der Wolfratshauser Kirche St. Andreas.

Zu Beginn stellte Wolfratshausens Stadtpfarrer Gerhard Beham das Publikum auf das Programm ein. Der Monat November sei von Allerheiligen bis zum Volkstrauertag von Trauer geprägt, sagte der Dekan. „Das Leben wird ruhiger und man richtet sich mehr nach innen.“ In den fünf der sieben Motetten von Johann Sebastian Bach, die der renommierte Geretsrieder Isura Madrigal Chor in der voll besetzten Wolfratshauser Pfarrkirche St. Andreas vortrug, drehte sich alles um Trauer. Bach hatte die Stücke zu Beerdigungen angesehener Leipziger Bürger komponiert.

Barockvioloncello, Violone und Orgel begleiteten diesmal den A-capella-Chor, Johannes Buxbaum dirigierte. Den Anfang machte die doppelchörige Motette „Der Geist hilft unserer Schwachheit auf“, geschrieben zum Tod von Johann Heinrich Ernesti, langjähriger Rektor der Leipziger Thomas-Schule. Dort war Bach als Kantor tätig. Während ein Chorteil noch die Zeile „Wir wissen nicht, was wir beten sollen“ sang, fiel ihm der andere Teil mit den Worten „Der Geist hilft“ ins Wort. Dieser Einwurf wiederholte sich so lange, bis sich die einzelnen Chorstimmen darauf einigten, dass die Hilfe des Geistes mit „unaussprechlichem Seufzen“ einsetzt. Wie der Geretsrieder Pfarrer Georg Bücheler im Programmheft anführte, wollte Bach mit dieser Motette vielleicht Folgendes sagen: „Gottes Hilfe angesichts des Leides dieser Welt besteht nicht in seinem machtvollen Eingreifen“ - auch wenn man sich dies oft wünsche. Gott stehe den Menschen stattdessen bei, indem er ihnen in ihren schwachen Momenten aufhelfe.

In der zweiten, fünfstimmigen Motette „Jesu, meine Freude“ überzeugten die Soprane mit glockenhellen Stimmen - und der gesamte Chor mit ungeheuren Dynamikwechseln. Das Werk zeichnete sich durch zwei Soloparts aus. Den ersten Teil meisterten die zwei Sopranistinnen Anna-Theresa Buxbaum und Bettina Geue-Decker gemeinsam mit der Altistin Heidrun Lubahn bravourös. Der zweite Part erklang um einiges tiefer. Bassist Christian Schüler, Tenorist Florian Firlus und Altistin Marion Deuter sangen ihn perfekt.

Danach hatten sich die Sänger und Sängerinnen eine Erholungspause verdient. Chorleiter Buxbaum nutzte sie zu zwei Stücken, die er auf der Orgel spielte. Auch die nachfolgenden Motetten begeisterten die Zuhörer. Eine war bemerkenswert, denn ihr Text besteht nur aus diesem einen Satz: „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn, mein Jesu!“ Bach hatte ihn so arrangiert, dass er stimmlich und gestalterisch immer wieder variiert. Den Kampf, den Bach fast tänzerisch umsetzte, kann man laut Bücheler modern auffassen: Gott wird heutzutage viel zu oft missbraucht, unter anderem um anderen ihre Lebensfreiheit zu rauben. Viel wichtiger wäre es, sich auf den Kampf mit sich selbst einzulassen.

Wer selbst singt, weiß, wie schwierig es ist, hohe Töne sauber herauszubringen und gemeinsam zu beginnen und aufzuhören. Dieser Chor hat eine Meisterleistung vollbracht.

Jessica Höck

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