+
Sie war die erste Beleg-Hebamme im Kreiskrankenhaus Wolfratshausen: Anna Huber in ihrem VW Käfer, in den 1950er Jahren.

Serie „Ärzte, Hexen, Handaufleger“ - Teil 2

Eine Wolfratshauser Institution

Wolfratshausen - „Rosmarin und Dill, Gürtelrose stehe still“: Volksheilkunde und Religion – in fünf Kapiteln gibt das Buch „Ärzte, Hexen, Handaufleger“ des Historischen Vereins Wolfratshausen einen Überblick über die Geschichte der Medizin im Isar- und Loisachtal.

Wir stellen das 248-seitige Werk in einer Serie einmal wöchentlich vor. Heute: „Den Herrgott hab ich oft gebraucht – Hebammen einst und jetzt“.

Der Sage nach war das Wolfratshauser Marktgschlärf eine Hebamme, eine Wehemutter, eine mystische Gestalt, der übersinnliche Kräfte nachgesagt wurden; nächtens irrte sie ruhelos durch die Gassen und Straßen, um in die Zimmer der Leute zu schauen. Niemand war vor den Blicken des Marktgschlärfs sicher, denn die Sagengestalt hatte die Gabe, sich so zu strecken, dass sie auch in den oberen Stockwerken in die Räume der verängstigten Bürger sehen konnte. Dort wo das Gschlärf hinein schaute, sollten Not und Schaden folgen.

Wolfratshauser Schreckgespenst

Eine Hebamme wurde also zum Schreckgespenst der Wolfratshauser Sagen und Legenden. Warum das so ist, darüber kann man nur mutmaßen. Eine Erklärung könnte sein, dass die Hebammen aufgrund ihrer Geschichte und ihres jahrhundertealten Wissens zwar bewundert und verehrt, andererseits aber mythologisiert und gefürchtet wurden. Die Hebamme zählt zu den ältesten Frauenberufen. Soran, ein berühmter Arzt des 2. nachchristlichen Jahrhunderts, beschrieb die Anforderungen an eine gute Hebamme folgendermaßen: Sie müsse der Schrift kundig sein, um ihre Kunst anhand der Theorie zu erlernen, diätetische Maßnahmen anwenden und geeignete Heilmittel geben können sowie chirurgische Eingriffe beherrschen. An ihren Charakter stellte er hohe Anforderungen: unerschrocken, um gefährliche Situationen ruhig zu meistern, mitfühlend, um Trost zu spenden und frei von Aberglauben.

„Ich glaub’ schon, dass ich ein gewisses Talent für meinen Beruf in den Genen habe. Meine Mutter war bereits Hebamme und für mich war schon als junges Mädchen klar, dass ich diesen Beruf auch einmal ergreifen werde.“ Selbstbewusst sitzt die 82-jährige Anna Huber in der Wohnstube ihres Hauses in Geretsried, als sie anfängt, über ihr Leben und ihren Beruf oder besser ihre Berufung zu erzählen. „Im oberpfälzischen Schmidmühlen in der Nähe von Amberg bin ich geboren. Meine Familie heißt Kettner und mein Vater betrieb eine Sattlerei. Wir bewohnten ein großes Haus mitten im Ort. Da ging es oft gesellig zu, vor allem am Sonntag nach der Kirche kamen viele Leute zu uns. Die Männer gingen zu meinem Vater, um etwas zu kaufen oder zu reparieren, und die Frauen besuchten meine Mutter, um sich beraten zu lassen. Nach der Grundschule ging ich während der Kriegsjahre zur Aufbauschule nach Amberg. Der Abschluss dort entspricht etwa unserer heutigen mittleren Reife.

Mit meinem Hebammenkoffer, einer Tasche mit meinen privaten Sachen, einem Radl und mit 1000 Mark in der Tasche kam ich im August 1955 in Königsdorf an, wo ich mich beim Bürgermeister melden musste. Der hatte schon ein Zimmer für mich besorgt und ich stellte mich erst einmal überall vor. Ich wurde schnell und gut angenommen und hatte in den ersten vier Wochen sechs Geburten. Bis Dezember 1955 gab es schon mehr als 50 Kinder, die mit meiner Hilfe das Licht der Welt erblickt hatten.

Die Hebamme Anna Huber

Bis weit in die 1960er Jahre hinein waren Hausgeburten üblich, nur bei Komplikationen gingen die Frauen ins Krankenhaus. Das lag daran, dass eine Krankenhausentbindung für die damaligen Verhältnisse sehr viel kostete. 360 Mark hätten die Mütter zahlen müssen, was sich kaum jemand leisten konnte. Die Krankenkassen übernahmen die Kosten nur bei absehbaren Komplikationen. Als Hebamme bekam ich eine Pauschale von 45 Mark. Damit war die gesamte Geburt und die Nachsorge von Mutter und Kind abgegolten. Außerdem gab es damals in den Landkrankenhäusern wie in Wolfratshausen oder Bad Tölz noch keine spezialisierten Frauenärzte oder gynäkologische Abteilungen. Das änderte sich erst in den 1960er Jahren. Die Krankenkassen gingen nun allmählich dazu über, auch die Kosten für Krankenhausgeburten zu übernehmen. So war ich in meinen Anfangsjahren fast ausschließlich in Sachen Hausgeburten unterwegs. Das hat viel Disziplin gefordert und Kraft gekostet.

Als ich 1997 mit 67 Jahren in Pension ging, habe ich nachgezählt: Über 7000 Kinder habe ich in all den Dienstjahren als Hebamme zur Welt gebracht. Aber bei all der Freude über das neue Leben, das mit meiner Unterstützung entstand, gab es auch bittere Momente. Totgeburten waren ganz schlimm. Da musste ich als erste Ansprechpartnerin auch Psychologin und Seelsorgerin sein. Ich habe in solchen Momenten immer auf Gott verwiesen und gesagt, dass das Kind halt nicht hergewollt hat. Einfühlungsvermögen, Ehrlichkeit und Demut sind wichtig in meinem Beruf. Schlimm waren auch Kinder, die mit Fehlbildungen zur Welt kamen. Da bin ich oft mehr erschrocken als die Eltern selbst. Es gab auch kritische Momente, in denen Gefahr für das Leben von Mutter und Kind bestand.

Über 7000 Kinder zur Welt gebracht

Da hab ich schon oft den Herrgott gebraucht und ihm gedankt, wenn alles gut gegangen war. Ich habe meinen Beruf immer nach christlichen Grundsätzen ausgeübt. Abtreibungen kamen für mich nicht in Frage.

Als in den 1960er Jahren die Kassen die Kosten für Krankenhausgeburten übernahmen, gingen die Hausgeburten stark zurück. So kam es, dass ich 1964 die erste Beleg-Hebamme im Kreiskrankenhaus Wolfratshausen wurde. Dr. Kornhas hat damals die gynäkologische Abteilung aufgebaut und ich gehörte quasi zum Urgestein der Geburtsabteilung in der Loisachstadt. 25 Jahre habe ich dort allein als Hebamme gearbeitet. Viele, viele Kinder sind im Wolfratshauser Kranken-haus zur Welt gekommen und bei einem großen Teil war ich als Hebamme beteiligt. Ich war gern Hebamme, ich habe meinen Beruf mit Leib und Seele gelebt und geliebt, und wenn ich heute wieder vor einer Berufswahl stehen würde, ich würde wieder Hebamme werden.“ Bernhard Reisner

(Beim Abdruck des Textes handelt es sich um eine gekürzte Fassung des Buchartikels)

Info

Das Buch „Ärzte, Hexen, Handaufleger. Medizingeschichte im Isar- und Loisachtal“ ist für 25 Euro im örtlichen Buchhandel sowie über den Historischen Verein Wolfratshausen zu erwerben.

Auch interessant

<center>Brotzeit-Brettl "Spatzl"</center>

Brotzeit-Brettl "Spatzl"

Brotzeit-Brettl "Spatzl"
<center>Obazd is! - Mischung für Käseaufstrich 90g BIO</center>

Obazd is! - Mischung für Käseaufstrich 90g BIO

Obazd is! - Mischung für Käseaufstrich 90g BIO
<center>Schmuckset "Himmelsscheibe von Nebra"</center>

Schmuckset "Himmelsscheibe von Nebra"

Schmuckset "Himmelsscheibe von Nebra"
<center>Bayerischer Bikini "Bavaleo"</center>

Bayerischer Bikini "Bavaleo"

Bayerischer Bikini "Bavaleo"

Meistgelesene Artikel

Gemeinsames Training macht sich bezahlt
Klaus Mannweiler (TSV Wolfratshausen) wird Bayerischer Vizemeister im Halbmarathon.
Gemeinsames Training macht sich bezahlt
Spannende Literatur-Reise in die Antarktis
In die Antarktis wurden die Schüler aus zwei achten Klassen des Geretsrieder Gymnasiums entführt. Katja Brandis, deren Romanreihe „Woodwalkers“ im März auf der …
Spannende Literatur-Reise in die Antarktis
Nicht auf die Höhe kommt es an
Für jeden Ortsteil ist der eigene Maibaum natürlich der schönste. So auch der Herrnhauser für unsere Gastautorin Melanie Ertl. Sie nimmt das Aufstellen des verzierten …
Nicht auf die Höhe kommt es an
Bürger für Bürger: 7665 Stunden im Einsatz
Mehr Unterstützung durch die Stadt wünscht sich die Nachbarschaftshilfe Bürger für Bürger.
Bürger für Bürger: 7665 Stunden im Einsatz

Kommentare