Der eiskalte Killer

Geretsried/Mount Everest - Der Geretsrieder Frank Irnich rettet am höchten Berg der Erde durch eine kluge Entscheidung seine Hände. Die Expedition endet dennoch in einer Tragödie.

Legt man Ziel und Resultat übereinander, hat Frank Irnich das Duell gegen den Berg verloren. Dem Geretsrieder, zahlendes Mitglied der Everest-Expedition der Agentur SummitClimb von Dan Mazur, blieb es versagt, auf dem höchsten Punkt der Erde zu stehen. Und dennoch ist dies nicht die Geschichte eines Scheiterns.

Im Gegenteil: Trotz einer Nacht bei minus 45 Grad in Camp drei in rund 8300 Meter sauerstoffarmer Höhe, die einem das letzte Leben aus dem Körper saugt, war Irnich ganz klar im Kopf. Wegen beginnender Erfrierungen an Fingerkuppen und Zehen verzichtete der Sportlehrer und Physiotherapeut aufs Weitergehen, folgte nicht lemminghaft dem Weg zahlreicher gipfelgeiler Alpinisten vor ihm. „Die Hände sind mein Kapital“, hatte der 48-Jährige vor seiner Abreise gesagt. Irnich hat es nicht verzockt.

Kinloch zahlte für seinen „größten Traum“ mit dem Leben

Ob in dieser Expedition tatsächlich jemand gewonnen hat, ist schwer zu beurteilen. Okay, Expeditionsleiter Mazur brachte acht seiner 16 Kunden auf den Everest. Doch einer von ihnen, Peter Kinloch, zahlte für den „größten Traum“ seines gerade einmal 28-jährigen Lebens den höchsten Preis. Der Schotte starb – erschöpft und als Folge der Höhenkrankheit völlig erblindet – während des Abstiegs, der gefährlichsten Phase des Höhenbergsteigens. Was den Tod Kinlochs für Frank Irnich noch furchtbarer macht: Der Brite war während der neunwöchigen Expedition von Ende März bis Anfang Juni zu seinem besten Kumpel geworden.

„Wir waren 98 Prozent der Zeit zusammen, haben uns das Zelt geteilt“, sagt der Geretsrieder, gegen die Tränen ankämpfend. „Peter war ein wahnsinnig netter Kerl und wir richtige Kletterbrüder“ – die auch in der Nach-Everest-Zeit „Freunde fürs Leben“ bleiben wollten. „Peter hat mich zu seiner Hochzeit eingeladen, und wir wollten später ein paar Touren gemeinsam unternehmen.“ Die Wege der beiden Freunde trennten sich am 24. Mai, der Pfingstmontag. Irnich und Kinloch hatten versucht, vor ihrem geplanten Gipfelsturm etwas Schlaf zu finden, als Gavin Vickers in ihr Zelt platzte. Der australische Bergführer hatte mit dem Briten Mark Delstanche und dem Kanadier Laval St. Germain in der ersten von zwei Gruppen der Mazur-Expedition den Everest erklommen. Weil in Lager drei zu wenig Zelte aufgebaut waren, zwängte sich Vickers zu dem Deutschen und Kinloch – das Ende von Irnichs Gipfeltraum.

Er bekam die brutale Kälte „in ihrer ganzen Härte“ ab

Der Australier, ein Zwei-Meter-Koloss, ließ den Zelteingang offen, um einigermaßen Platz zu finden. Der Geretsrieder lag im Windchill und bekam die brutale Kälte „in ihrer ganzen Härte“ ab. Davon erholte sich der gebürtige Rheinländer nicht mehr. Um die Durchblutung anzukurbeln, hätte er Sauerstoff gebraucht. Dazu einen eigenen Kocher, um sich – gegen die Dehydrierung – Tee und Suppe kochen zu können. In der dünnen Luft benötigt ein Brenner Stunden, um Schnee zu ein paar Litern Wasser zu schmelzen. Oxygen und Kocher jedoch waren in Camp drei knapp – zu knapp. Irnich wirft Dan Mazur grobe Versäumnisse vor. 60 Flaschen Sauerstoff sollten den Expeditionsteilnehmern zur Verfügung stehen, „es waren keine 20“. Er selbst hatte für 2000 Euro fünf Flaschen geordert, „bekommen habe ich drei“. Gegen Mitternacht machte sich die zweite Seilschaft im Schneesturm auf den Weg – ohne Irnich, mit Kinloch. Der Deutsche hätte es sich zugetraut, die restlichen 550 Höhenmeter zu schaffen. „Ich würde sagen, dass ich konditionell einer der stärksten war. Auch die Höhe ist bis dahin kein Problem gewesen.“

"Diese verdammte Kälte"

Nur diese verdammte Kälte. Aus Angst um Finger und Zehen blieb er zurück, obwohl Kinloch ihn hatte umzustimmen versucht. „Komm’ Frank, lass uns kämpfen. Wir haben bisher doch immer aufeinander aufgepasst“, habe der Schotte ihm gesagt. Irnich blieb vernünftig. Als Kinloch in der Dunkelheit verschwand, sollte es ein Abschied für immer sein. Das Sterben des Schotten zog sich über zwölf Stunden. Gegen 13 Uhr saß er auf dem 8850 Meter hohen Dach der Welt. Laut Mazurs Internet-Tagebuch „euphorisch und vergnügt“. Irnich aber hat später vom Norweger Thorbjørn Lundsgaard erfahren, dass der Freund schon während des Aufstiegs erste Probleme gehabt haben soll. „Tobi erzählte mir, dass Peter nicht so trittsicher war wie sonst. Ein paar Mal ist er da schon gestrauchelt.“ Und auf dem Gipfel sei er sehr ruhig gewesen, fast ein wenig abwesend. Richtig kritisch wurde es während des Abstiegs. Kinloch stolperte, fiel mehrfach hin. Vor dem Second Step auf etwa 8600 Meter Höhe – die 40 Meter hohe Felsstufe ist eine Schlüsselstelle der Everest-Nordroute – gestand er seinem Bergführer David O’Brien, absolut nichts mehr zu sehen. Der Brite und einige Sherpas kämpften in den folgenden Stunden um das Leben ihres Kameraden, versorgten ihn mit Medikamenten, Sauerstoff und Essen – ohne dass sich Kinlochs Zustand besserte. Schließlich verweigerte er jede Hilfe. „So wie es mir David erzählt hat“, sagt Frank Irnich mit stockender Stimme, „warf Peter seine Handschuhe weg und bat darum, ihn in Ruhe zu lassen. Er habe, sagte Peter, 20 Jahre lang einen großen Traum gehabt und ihn sich nun erfüllt.

"Hier oben sei der beste Ort zu sterben"

Hier oben sei der beste Ort zum Sterben.“ Gegen drei Uhr morgens befahl Dan Mazur den völlig erschöpften Helfern abzusteigen, um nicht selbst Opfer von Unterkühlung und Sauerstoffmangel zu werden. Frank Irnich machte sich nach „der schlimmsten Nacht meines Lebens“ – ohne Kenntnis von der sich weiter oben abzeichnenden Tragödie – am 25. Mai gegen Mittag allein auf den Weg hinunter zu Lager eins auf dem North Col. Nach der Entscheidung, den Gipfel auszulassen, hatte er sich an seinen letzten verbliebenen Sauerstoff gehängt, um Kräfte zu sammeln. Seine Laune war während der sieben Stunden bescheiden – und das nicht nur wegen der vorangegangenen Entbehrungen. Den gesamten Abstieg über zum North Col plagte den Deutschen „ein ganz schlechtes Bauchgefühl“.

Warum, klärte sich für ihn und die Kameraden im vorgeschobenen Basislager (ABC) auf, das die Gruppe am 27. Mai erreichte. Teamleiter Mazur unterrichtete sie vom Tod Kinlochs. Wie unterschiedlich Menschen mit einer solch entsetzlichen Nachricht umgehen, zeigte noch der selbe Abend. Während Irnich „Rotz und Wasser“ heulte, redete Mazur über falsche Gesundheitsangaben Kinlochs, der, so wurde plötzlich kolportiert, bereits auf früheren Expeditionen gesundheitliche Probleme bekommen haben soll.

Ein Glas Brandy nach dem Abstieg

Frank Irnich hält das für „Blödsinn“: Der Schotte, der den Denali, einen der extremsten Berge der Erde, bestiegen hatte, habe in all den Wochen des Zusammenseins und in den vielen Gesprächen „niemals solche Dinge erwähnt“. Das Teammeeting schloss Mazur übrigens mit dem Ruf nach einem Glas Brandy, denn man habe ja auch etwas zu feiern. Nicht nur wegen dieses Auftritts hat der Expeditionsleiter „trotz seiner Erfolge“ – Mazur stand selbst siebenmal auf dem Everest – beim Geretsrieder Kredit verspielt. Neben der unausgegorenen Organisation – es fehlte wie erwähnt an Sauerstoff, Zelten, Kochern und Funkgeräten – wirft der 48-Jährige dem Briten taktische Fehler vor. „Die Gruppen waren zu groß und deshalb nicht flexibel genug.“ Außerdem sei Mazur profitgierig. Warum sonst hätte er den Dänen Tom Jørgensen, der den Trip bis zum 7000 Meter hoch gelegenen North Col gebucht hatte, mitnehmen sollen.

Weitere Impressionen von der Tragödie

Tod in eiskalter Höhe

Jørgensen hatte in seinen Anmeldeunterlagen seine 120 Kilo und seinen Fitnesszustand geschönt. Wäre Frank Irnich der Chef gewesen, er hätte den Dänen „spätestens dann aussortiert, wenn ich ihn gesehen hätte“. Schon für die 25 Kilometer lange Trekking-Route vom Basislager ins ABC benötigte er das Doppelte der normalen Zeit. Jørgensen starb Tage später, nachdem ein Träger ihn – höhenkrank und halb bewusstlos – auf einem Campingstuhl geschnallt in ein Dorf geschleppt hatte – vermutlich an Herzversagen. Offensichtlich genießt Mazur auch bei anderen Extrembergsteigern keinen guten Ruf. „Er ist in der Szene wenig beliebt“, erfuhr Irnich vom Schweizer Expeditions-Profi Kari Kobler, der während des Rückflugs neben ihm im Flugzeug saß und Irnichs Erzählungen mit einem Kopfschütteln quittierte.

"Nicht gescheitert, sondern gewachsen"

Der Tod des Freundes, der verpasste Gipfel, die Leiden in der Kälte, das heuer ungewöhnlich schlechte Wetter, auch die menschlichen Enttäuschungen und nicht zuletzt 19 500 Dollar, das alles hätte sich Frank Irnich sparen können, wenn er der Verlockung des Everest widerstanden hätte. Mit dem Abstand von ein paar Tagen sieht sich der 48-Jährige auf dem Chomolungma, der Mutter des Universums, wie die Tibeter den Riesen nennen, „nicht gescheitert, sondern gewachsen“. Auf der Plusseite: die vielen wunderbaren Menschen, die er kennen gelernt hat, die großartige Natur. Und er hat erlebt, „wie sich Leben in über 8000 Meter Höhe anfühlt, das ist gewaltig“. Diese Todeszone ist gleichzeitig Teil seiner schlimmsten Erfahrung auf dem Berg der Berge, der sein Gesicht so schnell ändert, dass man selten schnell genug reagieren könne. „Ich weiß jetzt, dass es Idioten gibt, auf die du dich in diesen Höhen niemals verlassen darfst."

peb

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