+

Das etwas andere Traditionsstangerl

Geretsried - Als „schiefen Zahnstocher“ verhöhnen Facebook-Nutzer den Egerländer Maibaum am Karl-Lederer-Platz und fordern einen klassischen bayerischen Maibaum. Noch dazu, weil der Egerländer nur noch bis Ende des Monats stehen bleibt. Doch viele Geretsrieder, allen voran Bürgermeister Michael Müller, bekennen sich ganz klar zu ihrem besonderen Baum.

Der Maibaum der Egerländer Gmoi wird frisch am 1. Mai beziehungsweise einen oder zwei Tage vorher im Stadtwald geschnitten. Er wird lediglich von der Rinde befreit und auf etwa Dreiviertel der Höhe mit einem Fichtenkranz mit bunten Bändern geschmückt. Mit Scherstangen, wie hierzulande üblich, hieven ihn die Männer der Gmoi am Morgen des 1. Mai in die Höhe. Am Ende des Wonnemonats sägen sie ihn Stück für Stück ab. Das war’s mit dem Baum.

Der Brauch stammt aus dem Egerland und wird in Geretsried seit 68 Jahren von den Heimatvertriebenen aus diesem Gebiet gepflegt. „Freilich ist es viel Aufwand, einen Maibaum nur für vier Wochen aufzustellen. Aber dafür brauchen wir keine Standfestigkeitsüberprüfung und keinen TÜV“, erklärt der Vorsitzende der Gmoi, Helmut Hahn. Die Diskussion auf der Facebook-Seite unserer Zeitung hat er nicht verfolgt, doch er kennt den Wunsch nach einem bayerischen Maibaum, wie er Historikern zufolge auf das 15. Jahrhundert zurückgeht.

Wie heißt es in Schmellers Bayerischem Wörterbuch von 1827 so schön: „Man verwende eine Fichte oder Tanne, welche mit allerley Emblemen gezieret, durch gemeinschaftliches Zuthun des lebenslustigen Theils einer Landgemeinde, bey Sang und Klang und Tanz auf dem Dorfplatz (…) errichtet wird.“ Zunfttaferln also braucht ein Baum, nicht aber unbedingt die weiß-blaue Bemalung. „Das kann jeder machen, wie er will“, weiß der Vorsitzende des Königsdorfer Burschenvereins, Mathias Hager. Der Königsdorfer Maibaum-Stamm ist traditionell naturfarben, was daran liegt, dass die Burschen ihn erst einen Tag vor dem Aufstellen umschneiden und, wie die Geretsrieder, lediglich schäpsen (entrinden), ihn jedoch mit Taferln versehen. Andere Vereine lagern den Stamm drei bis vier Wochen und haben somit mehr Zeit, ihn anzustreichen.

Helmut Hahn hätte überhaupt nichts dagegen, wenn eine örtliche Brauchtumsgruppe zusätzlich zum Egerländer Baum an anderer Stelle ein echtes bayerisches Prachtstangerl aufstellen würde. Die Sache ist nur die: Es gab bisher keinen Burschenverein, keine Kolpingjugend, keine Feuerwehr und auch sonst keine Gruppe, die dazu bereit gewesen wäre. Einige Facebook-Nutzer schreiben deshalb, man solle doch froh sein um den Egerländer Baum: „Sonst hätte Geretsried gar keinen.“

So ganz stimme das nicht, wendet der neue Bürgermeister Michael Müller ein. Schließlich würden die Geltinger seit Jahrzehnten an der Kreuzung beim Alten Wirth einen bayerischen Baum aufrichten. „Wir haben in unserer Stadt zwei Mai-Traditionen, die gepflegt werden. Das ist doch prima“, findet Müller. Er sieht überhaupt keine Veranlassung, daran etwas zu ändern. Der Egerländer Baum sei ein Überbleibsel aus der alten Heimat. „Ich halte es nicht für nötig, einen Parallelbaum mit entsprechender Maifeier als Konkurrenz aufzubauen.“ Kleinere Maibäume würden immer wieder mal errichtet. Vor einigen Jahren hätten Jugendliche das am Jugendtreff Ein-Stein getan, erinnert sich der Noch-Vorsitzende des Trägervereins Jugendarbeit. Dass Geretsried einen Maibaum hat, der nur im Mai zu bewundern ist, fällt für den Rathauschef, dessen erste Amtshandlung übrigens die Eröffnung der Egerländer Maifeier war, unter das Motto: „Geretsried – einfach anders.“ (tal)

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Bunte Figuren sollen Autofahrer in Wolfratshausen bremsen
Der Verkehr in der Wolfratshauser Innenstadt is gefährlich und laut, sagen Anwohner des Untermarkts. Deshalb starteten sie ein Aktion.  
Bunte Figuren sollen Autofahrer in Wolfratshausen bremsen
Bürgermeister: Im Geretsrieder Waldpark „wird sicher nichts gefällt“
Einige Bürger pflanzen im Rahmen des „Klimafrühlings“ im Geretsrieder Waldpark 30 Flatterulmen. 
Bürgermeister: Im Geretsrieder Waldpark „wird sicher nichts gefällt“
Schnee sorgt im Landkreis für viel Kleinholz
Die Nachwehen des schneereichen Winters: Förster und Waldbesitzer müssen viel Bruchholz entfernen. Die Angst vor dem Borkenkäfer treibt sie an.
Schnee sorgt im Landkreis für viel Kleinholz
Neuwahl: Warum die Feuerwehr Wolfratshausen jetzt drei Kommandanten hat
Bei der Freiwilligen Feuerwehr gibt es künftig drei Kommandanten. Die Mitglieder haben ihre neue Vorstandschaft gewählt.
Neuwahl: Warum die Feuerwehr Wolfratshausen jetzt drei Kommandanten hat

Kommentare